Kündigungsdrohung wegen Kampagnen-Banner
Überall in Berlin sind Plakate und Transparente der Kampagne „Deutsche Wohnen & Co enteignen!“ zu sehen. Auch Mitglieder der Möckernkiez Genossenschaft engagieren sich. Zum Kampagnenstart sammelten sie Unterschriften vor ihrem Quartier an der Kreuzberger Yorckstraße. In ihrer Rede betont Iris Veit von der „WG Lebendig Altern“ [1], dass die Möckernkiez-Genoss*innen das Volksbegehren unterstützen, „weil wir wollen dass auch unsere Nachbarn gesichert sind gegen Mietwucher und lebenslang sichere und bezahlbare Mieten haben“ (youtube-Video [2]). Die Senior*innen haben die Banner der Kampagne aus ihren Fenstern gehängt, einige Nachbar*innen ebenfalls.
Vom Vorstand der Genossenschaft bekamen sie daraufhin die Androhung einer fristlosen Kündigung, wenn sie die Banner nicht bis zum 8. März um 12h entfernen. Das irritiert aus vielerlei Gründen. So entstand die Genossenschaft aus einer Initiative, die 2007 mit dem Slogan „Anonyme Investoren oder WIR?“ auftrat. Ein Vorzeigeprojekt sollte es werden, „eine gemeinschaftliche und Generationen verbindende Wohnanlage, die ökologisch, nachhaltig, barrierefrei und sozial ist“. Das Projekt geriet noch während der Bauphase in Schwierigkeiten (MieterEcho online, 02.02.2016 [3]). Erst mit einem Wechsel von Aufsichtsrat und Vorstand gelang es, die drohende Insolvenz abzuwenden (MieterEcho 360, April 2016 [4]).
Genossenschaft für Gemeinwohl?
Die Genossenschaft ist stolz auf ihr Gemeinwohl-Testat [5]: „Als erstes großes deutsches Wohnungsunternehmen hat die Möckernkiez eG im November 2020 eine Gemeinwohlbilanz vorgelegt“. Während eine herkömmliche Bilanz lediglich das finanzielle Geschäftsergebnis ausweist, stellt eine Gemeinwohl-Bilanz dar, wie ein Unternehmen gegenüber allen Beteiligten und Geschäftspartner*innen handelt. Dabei werden die Bereiche Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung untersucht. Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) [6] geht auf Christian Felber zurück und versteht sich als Bewegung für eine andere Wirtschaftsweise.
Bei einer Veranstaltung im Möckernkiez zu deren Gemeinwohlbilanzierung am 4. Februar 2020 verkündete Vorstand Frank Nitzsche stolz, er wolle nun die ganze Immobilienbranche der Stadt dazu bringen, die GWÖ einzuführen. Der externe Auditor Bernhard Oberrauch lobte das Projekt in den höchsten Tönen, nachdem er dort im Herbst 2020 zu Besuch war: „Überhaupt kann der Möckernkiez mit den Beteiligungsgremien, in denen ein Interessenausgleich stattfindet, für viele ein Vorbild sein“ und: „Ganz wichtig ist, das Wissen mit anderen Wohnungsgenossenschaften zu teilen. In Vielem ist der Möckernkiez Vorreiter, der andere motivieren kann, auch über den eigenen Beitrag zum Gemeinwohl nachzudenken.“ (Möckernkiez Newsletter Nr. 24, September 2020 [7]).



