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MieterEcho online 08.05.2018

Kooperation mit Gentrifizierern

Bei einer Diskussionsveranstaltung sprachen Kreuzbergs Baustadtrat und ein Google-Vertreter über ihre Vorstellungen von Stadtentwicklung im Softwarefirmenboom

Für einen verantwortlichen Politiker verwendet Florian Schmidt ein etwas kurioses Vokabular: „Der Konflikt, die Revolution oder ähnliches kann vielleicht mal klappen – der Geist gehört vielleicht auch zu diesem Bezirk –, aber das wird nicht nachhaltig sein.“ Der Grünen-Baustadtrat Friedrichshain-Kreuzbergs steht anscheinend zur Diskussion über das Nachhaltigkeitspotenzial einer Revolution zur Verfügung. Seine Position wurde am Montagabend im Deutschen Architekturzentrum klar: „Stadt und Digitalwirtschaft“, so der Titel der Veranstaltung, müssen und können beim Kampf gegen von eben dieser Digitalwirtschaft vorangetriebene Verdrängung kooperieren.
Das Thema ist in Kreuzberg brennend aktuell, wo immer mehr Büroraum von Firmen übernommen wird, die was mit Algorithmen machen. Deshalb organisierte der Verein „Urbanophil –  Netzwerk für urbane Kultur“ eine Diskussionsveranstaltung, zu der er Beteiligte und Forschende lud.
Florian Schmidt hat sich als Kämpfer gegen Verdrängung einen Namen gemacht, wartete aber zuletzt mit der Idee eines Runden Tisches auf, der im Streit um die IT-Firmen die Fronten glätten soll. Die Kreuzberger Nachbarschaftsinitiativen Gloreiche, Bizim Kiez und LauseBleibt lehnen es jedenfalls ab, mit Firmen wie Google zu verhandeln, ganz zu schweigen vom Protest-Netzwerk ums Anti-Google-Café, das jeden Monat zwei Vernetzungstreffen und eine Lärmdemo veranstaltet.
Schmidt will hingegen „die Resssourcen nutzen“, die mit den Datenfirmen ins Viertel kämen, wie er am Montag erklärte. Er sei „kein Anhänger des Counter-Smart-Kiezes“, sagte der Politiker mit einer weiteren kuriosen Begriffsprägung, die möglicherweise auf die Kampagne „Counter Campus“ bezogen war.
Gegen den sogenannten „Campus“ von Google im ehemaligen Umspannwerk in der Ohlauer Straße regt sich seit einem Jahr deutlicher Protest. Deshalb war auch Rowan Barnett von Google zur Veranstaltung geladen. In einer eher entspannten Gesprächsatmosphäre vor rund 30 Menschen musste er sich zwar kritische Fragen gefallen lassen, aber nicht auf Schmidts Idee eingehen, dass der Bezirk von neuen Firmen Abgaben für einen  bezirkseigenen Grundstücksfonds verlangen könnte, der Gebäude kauft.
Barnett trat als Kiezförderer auf. Das Besondere an Kreuzberg sei „die Diversität des Kiezes“, und „da können wir auch einen Beitrag leisten“. Google wolle gerade Frauen und Menschen türkischer Herkunft ans Programmieren heranführen, denn die seien in der „Start-up“-Gründerszene stark unterrepräsentiert. Es gehe um „Values“ wie „Tech for Society“ und „Tech with Purpose“.
Zu Googles Schwesterunternehmen „Sidewalks Lab“, das sich dem Thema Digitalisierung der Stadt widmet, wollte Barnett nichts sagen, da er dafür nicht zuständig sei. In Berlins Google-Büro scheint es niemanden zu geben, der befugt ist, darüber zu sprechen, aber Barnett stellt bei Interesse den richtigen Kontakt her. Die aus dem Publikum kritisierten „demokratiefeindlichen“ Tendenzen Googles kommentierte er gar nicht.
Barnetts Fazit: „Wir glauben nicht, dass wir groß zur Gentrifizierung beitragen werden.“ Dass in der Ohlauer Straße kürzlich ein Hinterhaus-Gewerberaum für 5000 Euro pro Quadratmeter verkauft und in der dazugehörigen Anzeige mit dem bald nahen Google-„Campus“ geworben worden sein soll, wie bei der Veranstaltung angemerkt wurde, bezeichnete Barnett als „Missbrauch“.
Ausführlich zur Geltung kam am Montag aber ein anderes Gegenbeispiel: Zwei Betroffene berichteten davon, wie das Gebäude Lohmühlenstraße 65 in Treptow 2016 verkauft und entmietet wurde. 150 Gewerbetreibende seien so verdrängt worden. Der Betreiber „Factory Berlin“ wirbt dort nun mit „Europas größtem Club für Startups“. Google ist Kooperationspartner.


Ralf Hutter


Diesen Mittwoch gibt es im bedrohten Gewerbehof Lausitzer Str. 10 eine Veranstaltung zum Thema.
Am Mittwoch drauf veranstaltet der Berliner Ableger der Rosa-Luxemburg-Stiftung ebenfalls eine Diskussion dazu im Konzertsaal SO36.

 

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