Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter

MieterEcho online 14.06.2014

Was wird aus dem Dragoner-Areal?


Das frühere Kasernengelände hinter dem Finanzamt am Mehringdamm in Kreuzberg steht wieder zum Verkauf


Der um 1850 errichtete Gebäudekomplex mit ehemaligen Pferdeställen und Unterkünften für ein Dragonerregiment hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Nach dem ersten Weltkrieg fanden dort Erschießungen statt und in den 1940er Jahren gab es eine Zwangsarbeiterabteilung. Zurzeit wird das hinter dem Finanzamt gelegene Gelände gewerblich genutzt: Neben Kraftfahrzeugbetrieben gibt es dort Clubs sowie den Bio-Supermarkt LPG. Die Entscheidungen über das künftige Schicksal des bundeseigenen Areals liegen bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima).

Als im Sommer 2010 bekannt wurde, dass die Bima das ehemalige Kasernengrundstück hinter dem Finanzamt verkaufen will, erarbeiteten Anwohner/innen Vorstellungen für eine künftige Gestaltung des Terrains. Sie gründeten einen Verein namens „Upstall“, der einstigen Bezeichnung für gemeinschaftlich verwaltete Viehweiden und Stallungen am Kreuzberg. Die Ziele waren die ökologisch nachhaltige Entwicklung des Gebiets mit erschwinglichen Mietwohnungen unter Berücksichtigung der Belange des ansässigen Gewerbes, des Denkmalschutzes und der historischen Bedeutung. Im Dezember 2011 organisierte der Verein zusammen mit Bezirksbürgermeister Franz Schulz (B90/Grüne), der Stiftung Internationales Forum, der Möckernkiez-Genossenschaft und dem LPG-Biomarkt einen runden Tisch zum Erwerb des Geländes. Ein Kaufangebot wurde der Bima unterbreitet.

Verkauf zum Höchstpreis

Die Bima veräußerte das 4,7 Hektar große und auf ca. 10 Millionen Euro geschätzte Gelände jedoch an den Hamburger Investor ABR German Real Estate AG für ca. 21 Millionen Euro. Durch die baurechtlichen Einflussmöglichkeiten des Bezirks folgte von 2012 bis 2013 ein langes „dialogisches Planungsverfahren“ zwischen der German Real Estate und dem Stadtrat Hans Panhoff (B90/Grüne). Nach Workshops und recht vage bleibenden Konzeptpapieren wurde im November 2013 die Öffentlichkeit zu einer gut besuchten Podiumsdiskussion eingeladen. Die German Real Estate wollte zwar zum Teil Wohnungen mit moderater Miete schaffen, es blieben jedoch erhebliche Zweifel, ob sich die übergroße Baudichte sowie teure Luxuswohnungen tatsächlich verhindern ließen. Nachdem es mit der Bezirksverwaltung keine Einigung gab, trat die Gesellschaft im Januar 2014 vom Kauf zurück (MieterEcho Nr. 367/ Mai 2014).

Stadtentwicklung von unten

Nach dem Rücktritt lebte das Interesse an dem Gelände bei verschiedenen Initiativen wieder auf. Das Bündnis „Wem Gehört Kreuzberg?“ schrieb einen offenen Brief an die Bima, an den Bezirksstadtrat Panhoff sowie an den damaligen Stadtentwicklungs-Staatssekretär Ephraim Gothe. Gefordert wurden von der Bima ein Moratorium sowie Bürgerbeteiligung an der Entscheidung, von der Senatsverwaltung der Kauf des Geländes zum Verkehrswert sowie allgemein die Schaffung von kommunalem und bezahlbarem Wohnraum. Die Initiative „Kreuzberger Horn“ plante für ihre jährliche Kiezwoche eine große öffentliche Veranstaltung, um die ereignisreiche Geschichte des ehemaligen Kasernengeländes und Visionen für eine sozial ausgerichtete Planung darzustellen.
Die Bima war an einem Moratorium jedoch nicht interessiert und eine Neuausschreibung erfolgte unerwartet schnell. Kaufangebote können nun bis zum 31. Juli 2014 eingereicht werden.
Die Bürgerinitiativen haben dadurch Aufwind bekommen und das Interesse an Gegenentwürfen wächst. Das Thema ist in verschiedenen Bündnissen wie „Wir bleiben alle“ und dem „Aktionsbündnis Recht auf Wohnen“ verstärkt diskutiert worden und neue Vernetzungen haben sich ergeben. Ein Beispiel ist das „Bündnis Stadt von Unten“ mit der neuen Initiative „ExDra 100“. „Dra“ steht für das ehemalige Dragonerterrain und 100 für 100%ig bezahlbare und abgesicherte Mieten. Die Mitglieder und Bündnispartner mobilisieren, wie sie in ihrem Flugblatt schreiben, „gegen die Vergabe des Geländes zum Höchstpreis“ und haben „begonnen, das Areal am Mehringdamm als Modellprojekt für eine Stadtentwicklung mit langfristiger Perspektive von unten zu entwickeln“.

Jürgen Enkemann


Weitere Informationen:
www.wirbleibenalle.org
www.wem-gehoert-kreuzberg.de

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