Von wegen Kreative hätten es nicht so mit der Pünktlichkeit. Bereits rund 20 Minuten vor Beginn der Besichtigung des leerstehenden Bürogebäudes an der Moll-, Ecke Torstraße in Mitte hat sich dort ein Dutzend Menschen versammelt, bis Lorenzo Kettmeir schließlich die Eingangstüren öffnet. „Willkommen. Sie können sich im gesamten Gebäude frei bewegen“ , sagt er zur Begrüßung.
Sofort werden die kleinen Fahrstühle gestürmt. Im 9. und damit höchsten Stockwerk öffnet sich ein Panorama auf die Alt- und Plattenbauten von Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Direkt gegenüber liegt an der Kreuzung das elitäre „Soho House“. Ein Club für die Schönen und Reichen, wo bis 1990 das Institut für Marxismus-Leninismus saß. Etwas profaner ging es im leerstehenden Büroriegel zu. Zu DDR-Zeiten wurde es für die staatliche Nachrichtenagentur ADN gebaut, zuletzt saßen hier Digitalunternehmen des Autokonzerns VW, wovon noch Sinnsprüche an den Wänden der leergeräumten Büros zeigen. „We transform automotove mobility“, heißt es da beispielsweise – „Wir transformieren die Automobilität“. Doch die Aufmerksamkeit der Besucher/innen gilt den weißen Zetteln, die auf den Türen kleben. Das fast 200 qm große Eckbüro mit bodentiefen Fenstern im 9. Stock wird da für 2.600 Euro pro Monat angeboten – inklusive Heizung, Betriebskosten, Strom und Internet. 28 nicht durch Wände abgeteilte Quadratmeter der Riesenräume im angrenzenden Flachbau werden bereits für 50 Euro monatlich angeboten, die Fläche wird dementsprechend „Ateliergemeinschaft“ getauft. Dazu kommen 19% Umsatzsteuer, als Kaution werden drei Monatsmieten verlangt. Natürlich hat die Sache einen Haken: Es sind nur Zwischenmieten, zunächst begrenzt auf den Zeitraum bis Ende Januar 2025. Vermieter ist das Schweizer Unternehmen „Projekt Interim“. Das geschieht im Auftrag des Gebäudeeigentümers, der Londoner Vermögensverwaltungsgesellschaft Schroders, die das Haus ab Februar nächsten Jahres umbauen will. „Unser primäres Ziel ist, den Eigentümer zu entlasten“, sagt Lorenzo Kettmeir von Projekt Interim zum MieterEcho. Denn während des in Planungsphasen üblichen Leerstands fielen weiter Kosten an, für Bewachung und Betrieb des Gebäudes. Es gehe nicht unbedingt darum, einem bisher anonymen Gebäude mit der Zwischennutzung durch Künstler/innen einen Namen zu geben und so den Marktwert zu steigern, erklärt er.
