Zwischen Wachstum und Widerstand | Berliner MieterGemeinschaft e. V.
Matthias Coers
Zwischen Wachstum und Widerstand
Marzahn-Hellersdorf: Initiativen gegen überdimensionierte Bauprojekte und Planungsdefizite.
von Oliver Rast
Berlin
Randgebiet, Wegzug, Rückbau. Drei Attribute für den Berliner Großbezirk Marzahn Hellersdorf (MaHe) mit seinen Wohnsilos – einer Betonlandschaft im Grünen. Doch die Stadtrandlage wird immer interessanter: für Bauherren und Investoren. Nach Angaben des Bezirksamtes wurden zwischen 2020 und 2024 insgesamt 9.564 Wohneinheiten fertiggestellt – das sind 11,8% aller Neubauten in Berlin. Allein 2024 kamen weitere 1.014 Wohnungen hinzu. Auf dem Papier liest sich das wie eine Erfolgsgeschichte. Doch mit dem Wachstum wachsen auch die Konflikte.
Rund zwanzig Bauprojekte seien von internationalen „Projektentwicklern“ geplant, teils in Kooperation mit landeseigenen Wohnungsunternehmen (LWU), hatten Vertreter/innen vom „Ratschlag zu nachhaltiger Stadtentwicklung – kopflose Nachverdichtung stoppen!“ im März bei einem Pressegespräch erzählt. Das ist ein Bündnis von sieben Anwohnerinitiativen aus MaHe. Die engagierten Bewohner/innen aus den betroffenen Wohn und Gewerbequartieren eint die Kritik an den Eingriffen in die Gestaltung der Großwohnsiedlungen. Der „Ratschlag“ fordert Transparenz, echte Beteiligung und klimaverträgliche Planung. Gleichzeitig wendet er sich gegen Mieterhöhungen, Rodungen, Abrisse und eine Verdichtung ohne passende Infrastruktur.
Eine Entwicklung mit Vorgeschichte: Nach der „Wende“ blieb Ostberlin ohne Baunutzungsplan – anders als die fünf neuen Bundesländer. Die DDR-Komplexrichtlinie mit ihren klaren Vorgaben zu Höhe, Dichte und Gestaltung der Großsiedlungen wurde schlicht nicht ins bundesdeutsche Recht überführt. Es entstand eine rechtsfreie Grauzone, die aktuell das CDU-geführte Bezirksamt und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung systematisch für neue Bauvorhaben nutzen, sagt Siegfried Nord vom „Ratschlag“ dem MieterEcho.
Der ursprünglich für Kriegslücken gedachte §34 BauGB – Neubauten müssen sich ins Umfeld einfügen – wurde dabei zum Gummiparagrafen. Heute genügt ein einzelnes Hochhaus irgendwo im Stadtteil, um selbst an völlig unpassenden Orten hohe und dichte Bebauung zu legitimieren. So werde das historische Stadtbild der Großsiedlungen – etwa in Hellersdorf – Stück für Stück weiter beschädigt.
Verdichtung ohne Versorgung
Die Folge war eine Grundstückspolitik, die konsequent auf Abriss, Verkauf und Nachverdichtung setzte. „In den 1990er und 2000er Jahren wurden im Zuge der sogenannten Gesundschrumpfung massenhaft Schulen, Kitas, Kaufhallen und Gaststätten abgerissen – und die Grundstücke anschließend billig verkauft, statt sie für die öffentliche Daseinsvorsorge zu sichern“, kritisiert Nord. So gelangte LIDL an das Areal am Feldberger Ring 5, Streletzki an Flächen am Boulevard Kastanienallee und weitere Investoren an Grundstücke rund um den Cecilienplatz.
Auch in Marzahn zeigt sich dieses Muster: Grundstücke an der Allee der Kosmonauten, am Helene-Weigel-Platz sowie rund um Tal-Center und Kleeblattpassage wurden und werden für Hochhausprojekte freigeräumt – oft durch den Abriss funktionierender Einkaufszentren aus der Nachwendezeit. Das Bezirksamt setzt dabei teils gültige Bebauungspläne außer Kraft, um neue Planungen an die Wünsche der Investoren anzupassen. Die Folgen seien Versorgungslücken und Planungschaos, so Nord. Während Nahversorgungsstandorte verschwinden, sollen Jahre später Tausende neue Bewohner in die Hochhausquartiere einziehen. Selbst geplante Übergangslösungen bedeuten für die Anwohnerschaft jahrelange Unterversorgung – für Nord eine „Zumutung“.
Der Konflikt zwischen Bewohnerschaft und Bauherren entzündet sich vor allem an den spürbaren Belastungen, die neue Projekte ins Quartier tragen: fehlende Kultur und Sportangebote, mangelnde Dienstleistungen, überfüllte Verkehrsmittel und chronischer Parkplatzmangel. Zugleich erfüllen die geplanten Wohnungen die Bedürfnisse der ansässigen Bevölkerung nur teilweise, während steigende Mieten – selbst im geförderten Segment – den Mietspiegel weiter ansteigen lassen. Hinzu kommen Alltagsstress durch Schmutz, Lärm und Baustellenverkehr. Für viele entsteht so der Eindruck, dass zusätzliche Bebauung vor allem Investoreninteressen folgt, während die Lebensqualität im Quartier sinkt.
Betonlandschaft im Grünen mit reger Zivilgesellschaft.
Foto: Matthias Coers
Für Günter Hanke, Sprecher des Bürgerbeirats Zukunft Tal-Center, ist klar, warum sich der Konflikt zuspitzt. Seine Initiative lehnt eine Gebäudehöhe ab, die die umliegenden Hochhäuser deutlich überragt, betont er gegenüber dem MieterEcho. Die geplanten 624 Wohnungen mit rund 1.200 zusätzlichen Bewohner/innen würden ein Quartier überfordern, in dem heute nur etwa 3.000 Menschen leben. Dass das Bezirksamt zugleich keinen Bedarf an zusätzlichen Gewerbeflächen sieht, wertet Hanke als weiteres Zeichen für eine strukturelle Überlastung. Einen Kompromiss mit der Anwohnerschaft suche das Bezirksamt aus seiner Sicht nicht.
Hanke erinnert an den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der 2025 betonte, man müsse „erst Infrastruktur entwickeln, dann bauen“. In MaHe erlebe man jedoch das Gegenteil. Die Initiative bekenne sich zwar zum Ziel bezahlbaren Wohnraums, fordert dafür aber, zunächst freie Flächen, Leerstand und ungenutzte Bürogebäude zu aktivieren – statt weiter in ohnehin verdichtete Quartiere hineinzubauen. Unverständlich bleibt für Hanke zudem, warum im Bezirk viele Menschen ohne Arbeit bleiben und Gewerbeansiedlungen kaum unterstützt werden. Es brauche nicht nur Betriebe, sondern ebenso Senioren- und Jugendeinrichtungen. Die Umwandlung von Parkplätzen in Grünflächen lehnt die Initiative ab – für sie ein Symbol dafür, dass die Verwaltung Probleme eher verschiebt, als sie zu lösen. Für Hanke steht fest: Der Bezirk lasse zentrale Fragen unbeantwortet.
Das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf weist die Kritik an den großen Bauvorhaben zurück. Zum Hochhausprojekt am Tal-Center erklärte Baustadträtin Heike Wessoly (CDU) 2025 in der BVV, sie werde die Planungen „nicht pausieren“. Auch Bürgermeisterin Nadja Zivkovic (CDU) sah in ihrer Stellungnahme keinen zusätzlichen Infrastrukturbedarf. Beim Bauvorhaben an der Kleeblattpassage verwies Wessoly darauf, die Genehmigung sei „rechtmäßig erteilt worden“ – eine erneute Prüfung lehnte sie ab. Und als vor einigen Monaten Kritik an den Rodungen am Klüsserather Weg laut wurde, erklärte das Bezirksamt, die Maßnahmen seien „rechtlich zulässig“ und mit der Unteren Naturschutzbehörde abgestimmt. Von echter Dialogbereitschaft ist wenig zu spüren.
Baustadträtin will durchregieren
Baustadträtin Wessoly meint, in Beteiligungsverfahren gebe es keine einheitliche Nachbarschaftsstimme. „Man hört immer die, die am lautesten sind“, sagte sie – ein Hinweis auf die sehr unterschiedlichen Interessen rund um Projekte wie das Tal-Center: mehr Wohnungen oder weniger Verdichtung, Schutz von Grünflächen oder mehr Parkplätze, zusätzliche Schul- und Arztkapazitäten oder bessere Nahversorgung. Auch der Begriff Beteiligung werde sehr unterschiedlich verstanden, so Wessoly. Viele erwarteten frühzeitigen Dialog mit Investoren, doch eine Pflicht dazu gebe es nicht. Das Amt bitte Bauherren zwar um frühe Information – „doch hier geht es tatsächlich nur um Information“, stellt Wessoly klar. Mitgestaltung sei damit nicht verbunden.
Wie eng die Anwohnerinitiativen inzwischen zusammenarbeiten, beschreibt Nord so: Man habe einen Runden Tisch aufgebaut, ein Netzwerk geschaffen und arbeite an einem Forum für nachhaltige Stadtentwicklung in MaHe. „Wir sehen uns monatlich auf mehreren Ebenen“, sagt er – die Gruppen bündeln ihre Kräfte und entwickeln gemeinsame Positionen zur Stadtentwicklung.
Über den Bezirk hinaus bleibt Nord zurückhaltend. Die Zusammenarbeit mit Initiativen außerhalb von MaHe spiele derzeit keine zentrale Rolle. Man informiere Mieterverbände, nehme an Veranstaltungen teil, einige Mitglieder seien selbst in Verbänden aktiv – doch eine gezielte Ausweitung der Bündnisarbeit sei nicht geplant. Julia Scharf von der Bezirksgruppe (BG) der Berliner MieterGemeinschaft (BMG) erinnert daran, dass sich ihre Gruppe bereits 2016 gründete, um den Folgen der Kapitalisierung großer Wohnkomplexe etwas entgegenzusetzen. Heute beobachtet die BG, wie immer mehr Zusammenschlüsse entstehen, etwa in den Vonovia-Häusern an der Mehrower Allee 50. Denn bleibe man vereinzelt, bleibe man machtlos gegenüber den renditegetriebenen Immobilienkonzernen. Damit entscheidet sich, ob in Marzahn-Hellersdorf weiter der Wachstumsdruck dominiert – oder ob die Anwohnerinitiativen genug Einfluss gewinnen, um die Entwicklung des Bezirks wieder an Versorgung, Beteiligung und Lebensqualität auszurichten.