Obdach- und Wohnungslosigkeit ist in deutschen Städten zum traurigen Alltag geworden. Hunderttausende leben in menschenunwürdigen Unterkünften oder auf der Straße. Seit Jahrzehnten versichern Politiker/innen aller Parteien, das Problem angehen zu wollen. Tatsächlich passiert ist sehr wenig. Im Gegenteil: Die Wohnungsspekulation und die jedes Jahr geringer werdende Zahl von Sozialwohnungen treiben die Mieten steil nach oben.
In Berlin stiegen die Angebotsmieten allein in den letzten drei Jahren um 30%. Gleichzeitig werden Lebensmittel immer teurer und die Sanktionspolitik der Regierung gegen Russland befeuert die Erhöhung der Energiekosten. In Deutschland, dem Land mit dem größten Niedriglohnsektor Europas, bedeutet das für eine wachsende Zahl von Menschen, dass ihr Gehalt nicht einmal mehr ausreicht, um für Essen und ein Dach über dem Kopf bezahlen zu können. Sie sind trotz Arbeit wohnungslos. Aus den USA mit ihrem kaum existenten Sozialstaat ist das Phänomen schon lange bekannt. Die Betroffenen werden dort als „working homeless“ bezeichnet. Der Film Nomadland porträtierte vor ein paar Jahren einige dieser meistens in ihren Autos lebenden Arbeiter/innen. Sie fahren von Job zu Job, verbringen die Winter in den wärmeren Südstaaten und haben, zumindest im Film, ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl. „Rubber Tramps“ (Reifenvagabunden) nennen sie sich selbst. In Deutschland galt in der öffentlichen Wahrnehmung lange: Wer einen Job hat, der hat auch eine Wohnung. Die meisten Menschen stellen sich einen Obdachlosen als arbeitslosen Mann mit Drogen- oder Alkoholproblem vor. Doch auch hierzulande gab es immer Wohnungslose, die in der einen oder anderen Form gearbeitet haben. Die wenigen verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass die Zahl der arbeitenden Wohnungslosen in Deutschland deutlich zunimmt. Der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) zufolge bestritt 2020 jeder fünfte Wohnungslose seinen Lebensunterhalt vor dem Beginn sozialer Unterstützung durch Berufstätigkeit. Dazu kommen jene Arbeiter/innen, die sich nicht ans Hilfesystem wenden, sondern in Hostels oder informellen Unterkünften leben.

