Mit der Absicht, obdachlosen Menschen im Winter niedrigschwellig und unbürokratisch Übernachtungsplätze anzubieten, gründeten Berliner Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbände und die Senatsverwaltung für Soziales 1989 die Berliner Kältehilfe. An der Notwendigkeit dieser Einrichtung hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert.
In diesem Winter stellt Berlin 1.057 Übernachtungsplätze zur Verfügung, um den schätzungsweise 6–10.000 obdachlosen Menschen der Stadt ein Angebot zu machen, das sie vor dem Erfrieren bewahrt. Zahlreiche Vereine, Initiativen, Verbände und Kirchengemeinden organisieren Notübernachtungen, Suppenküchen und Treffpunkte. Auch die Berliner Obdachlosenhilfe hatte in den Wintern 2018/19 und 2019/20 ein Nachtcafé für bis zu 20 Personen geplant und betrieben. Wir wissen daher um den Aufwand und die Herausforderungen, genauso wie um die schönen Momente, die so ein Begegnungsort bieten kann. Dennoch halten wir diese Form der Symptombekämpfung für den grundsätzlich falschen Weg. Jedes Jahr wird die Kältehilfe weiter ausgebaut und es werden mehr Plätze zur Verfügung gestellt. Eine logische Konsequenz aus der steigenden Zahl wohnungs- und obdachloser Menschen in Berlin. Pro Person bezahlt der Senat den Betreibenden einen Satz von 17,10 Euro pro Übernachtung. Auf einen Monat gerechnet macht das über 500 Euro, eine Summe, mit der auch eine Wohnung finanziert werden könnte. Diese naheliegende Lösung scheitert allerdings, wie eigentlich immer, wenn es um das Thema Obdachlosigkeit geht, am Mangel an bezahlbarem Wohnraum als Folge eines extrem zugespitzten Wohnungsmarkts. Da es kaum Aussichten auf eine signifikante Verbesserung dieser Situation gibt, wird das Geld Jahr für Jahr in den Ausbau der Kältehilfe gesteckt, also in ein saisonales Angebot von November bis April, bei dem Menschen zum Teil mit bis zu hundert anderen Menschen ihre Schlafstätte teilen und sich meist nur zwischen 19 und 8 Uhr im Warmen aufhalten dürfen. Einem Menschen diese Art von Lebensalltag abzuverlangen, ist in unseren Augen unmenschlich.
