„Ich will den großen Jüdenhof wiederhaben, den finde ich so niedlich. “ Marie-Luise Schwarz-Schilling spricht über die Gegend am Berliner Molkenmarkt wie über eine Modelleisenbahn – ihre Modelleisenbahn. Sie sagt das beim „Mitte-Festival“ im Oktober 2022, das erstmals von der damals frisch von ihr mitbegründeten „Stiftung Mitte Berlin“ ausgerichtet und vom Landesdenkmalamt mitfinanziert wird.
Die Stiftung ist die neue Speerspitze der Berliner Altstadtaktivisten, die statt eines zeitgemäßen, an Ökologie, sozialen Fragen und Klimaschutz orientierten Teil-Wiederaufbaus des Molkenmarkts lieber Altstadtattrappen nach dem Vorbild von Potsdam oder Frankfurt am Main wünschen. Der fachliche Vordenker in der Stiftung ist Benedikt Goebel. Der promovierte Historiker und Philosoph, der seit 2014 SPD-Mitglied ist, treibt seit über einem Jahrzehnt die Altstadt-Agenda in verschiedenen Konstellationen voran. Beispielsweise in der 2011 gegründeten „Planungsgruppe Stadtkern“ mit einflussreichen Mitstreiter/innen, darunter die heutige Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt (parteilos, für SPD). Es geht nicht nur um Architektur, sondern auch um Soziales. „Es ist unnatürlich und kontraproduktiv, dass in der historischen Mitte der Metropole nur Sozialmieter wohnen – erst der Zuzug von Wohlhabenden wird ein lebendiges und nachhaltiges Zentrum ermöglichen.“ Mit diesem Satz ließ sich Goebel in einer Einladung zitieren. „Wir zehren immer noch davon, was die Könige, die wir mitunter verachten, gebaut haben. Aber heute haben wir keine Adligen mehr und müssen es selbst schön machen“, formuliert es Marie-Luise Schwarz-Schilling beim Mitte-Festival etwas weniger offenkundig. Heute 91-jährig, ist sie eine spät berufene Altstadt-Aktivistin. Zur Veranstaltung in der Parochialkirche begleitet sie ihr wesentlich prominenterer Ehemann, der ehemalige Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling. Seit 1992 haben die beiden neben einem Wohnsitz im hessischen Büdingen auch einen in Berlin. Sie wohnen in Friedenau, eine Etage unter Senatsbaudirektorin Kahlfeldt. Marie-Luise Schwarz-Schillings Auftreten erinnert an die Zeit, in die sie baulich nicht nur den Molkenmarkt zurückkatapultieren möchte: die 1920er Jahre. Zigaretten raucht sie mit Spitze, von den Haaren über die kniehohen Stiefel bis zum Daunenmantel ist fast alles schwarz, was sie trägt. Schwarz ist auch der Gehstock, auf den sie angewiesen ist.


