Wer den Berliner Hauptbahnhof in nördlicher Richtung verlässt, blickt auf die Glasfassaden von Hochhäusern. Menschen mit geringen Einkommen sind dort höchstens als prekär Beschäftigte zu finden. Obwohl dort in der Mitte Berlins auf einer Fläche von über 40 Hektar hochpreisige Büros und Wohnhäuser entstanden sind, gab es dagegen kaum Proteste.
„Bemerkenswert an dieser mitten in der Stadt gelegenen Baustelle, deren Fläche doppelt so groß ist wie der Potsdamer Platz, scheint die dröhnend-öffentliche Lautlosigkeit zu sein“, schreiben Alexis Hyman Wolff, Achim Lengerer und Yves Mettler in der Einleitung zur aktuellen Ausgabe der Berliner Hefte zur Geschichte und Gegenwart der Stadt. Es trägt den Titel „Am Rande von EuropaCity“ und beschäftigt sich mit der Landnahme des Kapitals in der Mitte Berlins. In der Einleitung wurde auf die politischen Hintergründe verwiesen, die das möglich machten: Die sich in den 1990er Jahren in Europa ausbreitende wirtschaftsliberale Privatisierungslogik. „In deutschen Städten wurden mit der Privatisierung der Deutschen Bahn viele defunktionalisierte Industrie- und Bahnflächen der Verwertung zugeführt. Die größtenteils privatwirtschaftlich bestimmte Stadtentwicklung verschärft die soziale Krise dieser innerstädtischen Bereiche“, schreiben die Autoren. Im folgenden Aufsatz geht Mettler besonders auf den wirtschaftsliberalen Hype in Berlin vor mehr als einem Jahrzehnt ein. „2006 verwandelte sich Berlin von einer historischen Hauptstadt, von einem Geheimtipp, zu einer globalen Hauptstadt: zum Knotenpunkt der globalen Ökonomie, Kultur und Politik und damit auch der globalen Investoren“, schreibt er. Mettler zieht eine Verbindung zu dem als „Deutsches Sommermärchen“ glorifizierten Event der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. „Zu diesen Anlass erfand Berlin das Public Viewing, welches das Brandenburger Tor und die Straße des 17. Juni zu einer gigantischen Sportbar werden ließ. Und es war das Jahr, in dem die Deutsche Bahn unter großem politischen Druck den Bau des neuen Hauptbahnhofs fertigstellte“, rekapituliert Mettler die Vorgeschichte der EuropaCity.
