Sommer 2021: Ein mutiger Mieter hängt nach Erhalt der Kündigung ein Transparent mit der Aufschrift „Hier werden bezahlbare Wohnungen abgerissen“ aus dem Fenster der Tegeler Straße 3. So macht er auf den drohenden Abriss durch den Bayer-Konzern aufmerksam. Obwohl das Transpi nur wenige Tage dort hängt und seitdem der Werkschutz regelmäßig beobachtet, sind stadtpolitische Aktivist/innen alarmiert. Zur ersten Kundgebung Mitte September kommen 70 Menschen.
Abreißen will Bayer zunächst die Häuser Tegeler Straße 2-5, die bis auf die acht gekündigten Mietparteien bereits entmietet sind. Der kleine Mettmannkiez umfasst außerdem die Tegeler Straße 1 sowie 6-7 und die Fennstraße 33-34. Auch diese Grundstücke gehören Bayer. Eine planungsrechtliche Besonderheit: Die Häuser liegen in einem sogenannten „beschränkten Arbeitsgebiet“ (nach Baunutzungsplan 1960), in dem Wohnen nicht zulässig ist. Bereits 2009 wurde ein Bebauungsplan aufgestellt, der für den ganzen Block „Gewerbegebiet“ vorsieht. Der Bebauungsplan wurde jedoch nicht weiterbearbeitet. Das Bezirksamt Mitte kennt die Pläne, die Bayer auf dem Gelände verfolgt, noch gar nicht. Im Sommer 2021 verwies die Verwaltung auf die baldige Planbearbeitung und die dann notwendige Öffentlichkeitsbeteiligung. Noch im August beschloss die BVV Mitte einen Dringlichkeitsantrag, der das Bezirksamt auffordert, die 140 Wohnungen zu erhalten und die Mieter/innen – gegebenenfalls mit einem neuen B-Plan – zu unterstützen. Mit der Antwort ließ sich das Bezirksamt Zeit bis November. Mit dem Ergebnis, dass der Bezirk an der planungsrechtlichen Festlegung nichts ändern könne, deshalb gelte auch das Zweckentfremdungsverbot nicht und gegen den Abriss könne nichts unternommen werden. Selbst ein Sozialplanverfahren könne der Bezirk nicht durchführen. Außerdem sei die Sicherung des gewerblich-industriellen Standorts von Bayer oberste Priorität von Bezirk und Senat, festgelegt auch im Stadtentwicklungsplan Wirtschaft 2030. Wohnungen in der Nachbarschaft könnten die Produktion möglicherweise zu sehr einschränken. Diese Meinung vertritt Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) bis heute, obwohl der Eindruck entstanden ist, dass ihm nach einem Gespräch mit Mieter/innen Mitte Februar 2022 einige Zweifel gekommen sind.
