Vor knapp drei Jahren haben wir einen Entlastungstarifvertrag erkämpft. Wir, das sind die nichtärztlichen Beschäftigten bei dem kommunalen Klinikkonzern Vivantes und dem Universitätsklinikum Charité. Wir haben einiges erreicht, doch es gibt weiter viel zu tun.
Nicht erst seit Corona sind die Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern katastrophal. Hauptursache dafür ist der Personalmangel, der durch den massiven Personalabbau ab Beginn der 2000er Jahre herbeigeführt wurde. Mit Einführung der Krankenhausfinanzierung über Fallpauschalen 2004 und mit der Möglichkeit Gewinne zu machen, stand nicht mehr die gute Versorgung der Patient/innen im Mittelpunkt, sondern wie und mit wem am besten Geld verdient werden kann. Personal wurde zum Kostenfaktor: Vor allem Pflegepersonal wurde abgebaut, Ausbildungsplätze wurden reduziert und Servicekräfte ausgegliedert. Gleichzeitig mussten mehr Patient/innen mit mehr schweren Erkrankungen versorgt werden. Das führte zu unerträglichen Arbeitsbedingungen und Gefährdungen der Patient/innen. Viele Pflegekräfte haben ihre Arbeitszeit auch deswegen reduziert oder den Beruf gleich ganz verlassen. 2015 erreichten die ver.di-Kolleg/innen an der Charité erstmals, dass Arbeitsbedingungen in einem Tarifvertrag geregelt wurden. Und – das ist ganz wesentlich – dass dafür gestreikt werden kann. Doch dieser Tarifvertrag hat nicht zu der Veränderung geführt, die nötig gewesen wäre. Mit der Corona-Pandemie wurde die Situation in den Krankenhäusern noch schlechter, rückte sie aber auch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Es kam kurzzeitig die Hoffnung auf, dass es eine Rückkehr zur bedarfsgerechten und kostendeckenden Finanzierung geben würde. Aber das ist nicht passiert. Für uns bedeutete dies eine Neuausrichtung der gewerkschaftlichen Arbeit. Also eine Abkehr von dem traditionellen Ansatz, dass ein Anliegen in einen Betrieb hineingetragen und stellvertretend von der Gewerkschaft verhandelt wird. Uns war klar, dass wir unsere Ziele nur mit Stärke erreichen würden, und dass Stärke Mehrheiten braucht. Es geht um Organizing. Das heißt, dass jeder Einzelne in die Lage versetzt wird, selbst zu handeln, hin zu kollektiver und solidarischer Gegenwehr.


