Mit Superlativen sollte man recht sparsam umgehen. Aber alles spricht dafür, dass sich Deutschland auf dem schier unaufhaltsamen Weg in eine soziale Krise ungeheuren Ausmaßes befindet. Schon jetzt bringen die Inflation bei Lebensmitteln und die Preisexplosion auf dem Energiesektor viele Haushalte an den Rand der Existenz und auch der viel beschworene „Mittelstand“ sieht sich zunehmend von dieser Entwicklung bedroht. Doch all das ist möglicherweise nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns noch bevorsteht.
Das gesamte ökonomische und soziale Gefüge des vormaligen „Exportweltmeisters“ könnte sich alsbald als Kartenhaus erweisen. Rohstoffknappheit, gestörte Lieferketten, exorbitant gestiegene Energiekosten und eine in einigen Segmenten bereits deutlich einbrechende Binnenkonjunktur bilden gepaart mit verfestigten Armuts- und Niedriglohnsektoren ein extrem explosives Gemisch, es droht eine kräftige Rezession. Dazu kommen in Großstädten und Ballungsräumen wie Berlin systemische Verwerfungen auf dem Wohnungsmarkt, geprägt von Immobilienspekulation, stetig steigenden Mieten und unzureichendem Neubau im bezahlbaren Segment. Bereits der im Juni veröffentlichte Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes, in den die aktuellen Entwicklungen noch gar nicht eingeflossen sind, zeichnet ein düsteres Bild. 13,8 Millionen Menschen müssen derzeit zu den Armen gerechnet werden, 600.000 mehr als vor der Pandemie. Sie verfügen über weniger als 60% des Medianeinkommens, das die Grenze zwischen den oberen und den unteren 50% der Einkünfte markiert. Demnach gilt ein Ein-Personen-Haushalt mit Nettoeinkünften unter 1.148 Euro als arm, für größere Haushalte gibt es gewichtete Äquivalenzwerte. Schon zwei Monate zuvor hatte das „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ der Berliner Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen dramatische Armutsentwicklungen in Berlin dokumentiert, vor allem die wachsende soziale Spaltung in der Stadt betreffend (vgl. MieterEcho 424/Mai 2022). Und das alles vor dem Inflationsschub und vor dem eskalierenden Wirtschaftskrieg gegen Russland, der sowohl seitens der Bundes- als auch der Berliner Landesregierung zum quasi unhinterfragbaren Dogma erhoben worden ist.
