Millionen Menschen nahmen im Laufe des Monats März in Frankreich an Protestdemonstrationen und Streiks teil und eröffneten dadurch ein Kräftemessen mit dem Regierungslager unter Staatspräsident Emmanuel Macron und Premierministerin Elisabeth Borne und den hinter ihnen stehenden Kapitalkreisen.
Unterdessen fand die Regierung, auch unter dem Druck der massiven Proteste, in der französischen Nationalversammlung – wo sie seit Juni 2022 nur noch über eine relative, und nicht länger eine absolute Mehrheit verfügt – keine Mehrheit für ihr Vorhaben einer „Reform“ der Rentenregeln. Am 16. März löste Premierministerin Borne den Mechanismus nach Artikel 49 Absatz 3 der geltenden Verfassung von 1958 aus, welcher es erlaubt, einen Gesetzestext ohne Abstimmung durch das Parlament zu drücken, indem die Regierung die Vertrauensfrage stellt. Stürzt sie nicht über ein gemeinsames Misstrauensvotum aller Oppositionsfraktionen, von Links bis Rechts, dann gilt die Vorlage automatisch als angenommen. Dadurch löste die Regierung jedoch eine innenpolitische Krise aus und goss Öl ins Feuer der Proteste, deren Fortgang zu erwarten ist, den Gewerkschaften jedoch möglicherweise aus dem Ruder läuft. Am Abend des 16. März kam es infolge von Ausschreitungen allein in Paris zu 217 Festnahmen. Zahlreiche Mülleimer gingen in Paris, wo sich infolge des Streiks der Müllabfuhr bis dahin 8.000 Tonnen nicht abgeholter Abfälle in den Straßen angesammelt hatten, und anderen Städten in Flammen auf. Zuvor hatten im März bereits Raffinerie-, Bahnbeschäftigte und Lehrkräfte tage- oder wochenweise gestreikt. Bereits im Januar und Februar hatten an insgesamt fünf „Aktionstagen“ laut Regierungsangaben je mehrere Hunderttausend Menschen, laut den Zahlen der Gewerkschaften gar bis zu 2,8 Millionen (auf dem damaligen Höhepunkt am 31. Januar) an Demonstrationen teilgenommen. Doch worum geht es in der Sache? Einmal mehr plant eine französische Regierung eine „Reform“ der Rentensysteme. Mehrere solcher „Reformen“ zum Thema wurden bereits verabschiedet, auch wenn eine besonders gewichtige im Herbst 1995 durch massive Streiks im öffentlichen Dienst verhindert werden konnte. Doch andere kamen durch, etwa zur Rentenhöhe und zur Zahl der Beitragsjahre in der Privatwirtschaft (August 1993), zur Zahl der Beitragsjahre für Staatsbedienstete (Frühjahr 2003), zur Anhebung des Mindestalters von zuvor 60 auf derzeit 62 Jahre (unter Nicolas Sarkozy) im November 2010 und zur neuerlichen Anhebung der Beitragsdauer (Anfang 2014 unter dem Sozialdemokraten François Hollande). Anfang 2020 scheiterte Macron mit einem damaligen Reformvorhaben. Neben mehrwöchigen Streiks – von der Eisenbahn bis zum Justizwesen – kam damals noch der Ausbruch der Corona-Pandemie als Verhinderungsgrund hinzu.
