Das geplante Quartier am Molkenmarkt gehört zu den umstrittensten Projekten Berlins. Dieser Streit hat am 13. September eine neue Eskalation erfahren und ein Ausweg ist derzeit nicht in Sicht.
Für die Brisanz des Molkenmarkt-Projektes gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens ist der Molkenmarkt, der sich direkt hinter dem Roten Rathaus befindet, ein sehr zentral gelegenes Gebiet. Was hier entsteht, sagt viel über das Selbstverständnis Berlins aus. Zweitens prallen zwei völlig gegensätzliche Vorstellungen von Stadt aufeinander. Auf der einen Seite stehen konservative Kräfte, die die Stadt des 19. Jahrhunderts wieder aufleben lassen wollen, die von einer privatisierten Stadt für einkommensstarke Schichten träumen. Auf der anderen Seite stehen Akteure, die am Molkenmarkt ein soziales und ökologisches Modellquartier errichten wollen. Sie wollen, dass die landeseigenen Flächen nicht privatisiert werden und dort bezahlbare Wohnungen und kostengünstige Räume für die Kultur entstehen. Zudem soll das Quartier klimagerecht geplant werden. Bereits 2018 wurde entschieden, die landeseigenen Grundstücke nicht zu privatisieren, sondern durch die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften WBM und Degewo mit rund 400 bezahlbaren Wohnungen zu bebauen. Zudem wurde ein Planungsprozess gestartet, der starke partizipatorische Elemente beinhaltete. Am Ende standen acht Leitlinien, in denen soziale und ökologische Ziele festgeschrieben wurden. Auf deren Grundlage wurde im August 2021 ein Wettbewerbs- und Werkstattverfahren Molkenmarkt gestartet, in dem ein städtebaulicher und freiraumplanerischer Entwurf erarbeitet werden sollte. Im November 2021wurden zwei Entwürfe ausgewählt, die in einer zweiten Phase qualifiziert werden sollten. Der erste prämierte Entwurf von OS arkitekter (Kopenhagen) mit czyborra klingbeil architekturwerkstatt (Berlin) entsprach von Anfang an den Leitlinien. Er plante flexible Gebäude auf Basis einer Skelettkonstruktion, begrünte und autoarme Straßen, Versickerungsmulden für das Regenwasser, begrünte Fassaden und großzügige Höfe mit zahlreichen Bäumen. Der zweite prämierte Entwurf des Büros Bernd Albers (Berlin) mit Vogt Landschaftsarchitekten (Zürich) orientierte sich ursprünglich an der Stadtstruktur von 1910. Deshalb stand er zunächst in einem Konflikt mit den Leitlinien. Im Laufe des Verfahrens übernahm das Team Albers/Vogt aber zahlreiche Ideen des Entwurfs von OS arkitekter. Am Ende des Prozesses stand also durchaus eine Annäherung der beiden Entwürfe, wobei der erste noch stärker den Leitlinien gerecht wurde.
