Wenn man an das moderne Banken- und Geschäftsviertel
La Défense
oder an das weltberühmte Schloss von Versailles denkt, sind das Orte, die man trotz ihrer geographischen Lage außerhalb von Paris kaum mit der Bezeichnung Banlieue in Verbindung bringen wird. Wenn von der Banlieue die Rede ist, geht es meist um sogenannte
zones urbaines sensibles/ZUS
, um soziale Brennpunkte, die überwiegend mit negativen Assoziationen belegt sind und bestimmte stereotype Bilder hervorrufen: Graffiti, ausgebrannte Autowracks und männliche Jugendliche mit Kapuzenpullovern, die in Gruppen vor heruntergekommenen Hochhaussiedlungen, sogenannten cités oder quartiers, „herumlungern“ .
Spätestens seit den landesweiten Aufständen von 2005 scheint die Bezeichnung
Banlieue
untrennbar mit negativen Assoziationen von Drogen, Gewalt und Kriminalität belegt zu sein. Doch dieser stereotype Charakter ist bereits in der Geschichte des Wortes selbst angelegt: Als
Ban-lieue
oder
lieue de ban
bezeichnete man im Mittelalter die „Bannmeile“, den verbannten Ort außerhalb der Stadtmauern, der dennoch der Kontrolle der städtischen Gerichtsbarkeit unterworfen war und an den all jene verwiesen wurden, die im Zentrum der Stadt als unerwünscht galten.
Mittlerweile hat der
Périphérique
, der Autobahnring, der die Metropole Paris weitgehend umschließt, die Stadtmauern ersetzt. Dahinter beginnt das, was man heute als Banlieue bezeichnet. Unmittelbar angrenzend an Paris bilden die Departements (Bezirke) Hauts-de-Seine (92) im Westen, Seine-Saint-Denis (93) im Norden und Nordosten sowie Val-de-Marne (94) im Süden und Südosten zusammen die
petite couronne
(kleine Krone) um Paris. Das Departement Essonne (91) liegt im entfernten Süden von Paris und ist Teil der dahinter liegenden
grande couronne
(große Krone). Die Zahlen 91 bis 94 beziehen sich auf die ersten zwei Ziffern der jeweiligen Postleitzahl und gehen auf eine 1968 in der Region Île-de-France durchgeführte Verwaltungsreform zurück. Vor der Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962, das während der französischen Kolonialherrschaft anders als andere ehemalige Kolonien als integraler Teil Frankreichs galt, standen diese Zahlen noch für die kolonialen
Departements
Alger, Oran, Constantine und Territoires du Sud.
Zum Klischee der „Vorstadt-Ghettos“
Zu Beginn galten die überwiegend in der Nachkriegszeit im Zuge der
rénovation urbaine
(Stadterneuerung) errichteten modernen Wohnungen in den Hochhaussiedlungen der Vorstädte noch als Symbol sozialen Aufstiegs und waren für viele Arbeiter/innen sowie Angehörige der Mittelschicht eine begehrte Möglichkeit, den beengten, zum Teil dunklen und feuchten Wohnungen von Paris zu entfliehen. Fließendes warmes Wasser aus der Leitung, Steckdosen in jedem Raum und eigene sanitäre Einrichtungen in der Wohnung waren in den mitunter bescheidenen Wohnverhältnissen von Paris keine Selbstverständlichkeit. Der massive Abbau von industriellen Arbeitsplätzen infolge der neoliberalen Wirtschaftspolitik seit den 1970er Jahren besiegelte das Schicksal der sogenannten roten Vorstädte, die traditionell eine Bastion der Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei in Frankreich waren. Im Zuge dieser Entwicklung begann sich die soziale Zusammensetzung der Bewohner/innen der Vorstädte zu verändern. Wer es sich leisten konnte, zog aus den entwerteten und zunehmend heruntergekommenen Hochhaussiedlungen der grands ensembles, in die wohlhabenderen und überwiegend aus Einfamilienhäusern bestehenden Vorstadtviertel (
zones pavillonnaires
). Zurück blieben Familien mit geringem Einkommen und Erwerbslose mit einem oftmals postkolonialen Migrationshintergrund. Das Versagen der staatlichen Wohnungsbau- und Arbeitsmarktpolitik förderte die räumliche Konzentration dieser Gruppen. Alsbald folgte mit offiziellen Bezeichnungen wie
zones urbaines sensibles
die entsprechende Rhetorik, die ihrerseits maßgeblich zur politischen Konstruktion der Banlieue als Angstraum beitrug: Die
Banlieue
galt von nun an als Problem. Für die Herausbildung einer reduzierenden Stigmatisierung der
Banlieues
als verwahrloste „Vorstadt- Ghettos“, welche die öffentliche Wahrnehmung bis heute prägt, waren diese Entwicklungen maßgeblich. Insbesondere die jugendlichen Bewohner/innen der Vorstädte leiden bis heute unter diesem hartnäckig anhaftendem Stigma. Obwohl das Versagen des republikanischen Staats eine wesentliche Mitverantwortung dafür trägt, was in der sinnbildlichen Tristesse heruntergekommener Hochhausblöcke in den Vorstädten zum Ausdruck kommt, werden die Bewohner/innen aufgrund rassistischer und sozialer Ressentiments oftmals selbst für ihre Misere aus Arbeitslosigkeit, sozialräumlicher Isolation und mangelnder Zukunftsperspektive verantwortlich gemacht.
Neuer Beton, alte Probleme
Im Rahmen der sogenannten
politique de la ville
, einem groß angelegten Plan zur Aufwertung und Erneuerung der Vorstädte, wurden inzwischen viele der jahrzehntelang weitgehend sich selbst überlassenen Hochhaustürme abgerissen. So beispielsweise auch die bekannte
cité
des 4.000 in der Vorstadt La Courneuve im
Departement
Seine-Saint-Denis. Der Name leitete sich von den 4.000 Wohnungen ab, die diese Siedlung umfasste. Stattdessen wurden kleinere Komplexe mit Sozialwohnungen gebaut, die jedoch tendenziell kleiner und teurer sind. In diesem Zuge oftmals vorgenommene Umzäunungen von Wohnungskomplexen mit Türcodes behindern eine soziale Dynamik des Miteinanders und werden nicht selten als Maßnahme sozialer Kontrolle wahrgenommen. Viele Bewohner/innen beklagen, dass sie an den Planungen nicht beteiligt wurden. Zwar gibt der französische Staat mittlerweile den einzelnen Vorstädten entsprechend ihrer Größe und wirtschaftlichen Kapazität genaue Quoten vor, wie viele Sozialwohnungen bereitgestellt werden müssen, doch faktisch ziehen es wohlhabendere Gemeinden vor, lieber eine Strafe zu zahlen, als Sozialwohnungen zu bauen. Sie kaufen sich von dieser Verpflichtung sozusagen frei. Dieser Mechanismus, der eigentlich für eine stärkere soziale Durchmischung der Vorstädte sorgen sollte, trägt auf diese Weise zu einer weiteren Verschärfung der sozialen Ungleichheit bei. Doch auch neue Wohnungen allein können der hohen Arbeitslosenquote, die das eigentliche Problem in den Vorstädten insbesondere für Jugendliche darstellt, nichts entgegensetzen. Die Arbeitslosigkeit ist in den Banlieues um ein Vielfaches höher als im nationalen Durchschnitt.
„Wir sind hier alle zusammen!“
Die stereotypisierende Reduzierung auf negative Aspekte in der öffentlichen Wahrnehmung der Banlieues steht mitunter in einem starken Kontrast zur Selbstwahrnehmung der Bewohner/innen. Auf die Frage, was es für sie bedeute, aus der Banlieue zu kommen bzw. in einer cité zu wohnen, hört man oft „
C’est une grande richesse!
“ – „Das ist ein großer Reichtum!“. Negative Aspekte, Nöte und Missstände, die zweifelsohne existieren, bleiben dabei nicht unerwähnt. Doch die Solidarität, die Nachbarschaft und der Zusammenhalt zwischen Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen, religiösen und sprachlichen Hintergründen, sind groß in den cités. „
On est ensemble!
“ – „Wir sind hier alle zusammen!“, heißt es oft. Die Not und die Stigmatisierung von außen fördern eine soziale Dynamik des Miteinanders, die man dem urbanen und anonymen Paris entgegenstellt, von dem man sich im Gegenzug abgrenzt. Die Hochhaussiedlungen der cités stellen in diesem Sinne für ihre Bewohner/innen soziale Schutzräume gegen eine diskriminierende Außenwelt dar – mit positiven wie auch negativen Konsequenzen.
Was „die Banlieue“ nicht ist
Auf die Frage, was die Banlieue nicht ist, gibt es eine klare Antwort: Paris. Wenn man jedoch danach fragt, was sich tatsächlich hinter dieser Bezeichnung verbirgt, dann wird man viele Antworten finden, in denen die postkoloniale Realität einer gespaltenen französischen Gesellschaft zum Ausdruck kommt. Die Symptome oder Konsequenzen daraus resultierender Konflikte mögen sich zum Teil in den Vorstädten beobachten lassen. Die eigentlichen Probleme jedoch liegen im Herzen der französischen Gesellschaft – nicht in den
Banlieues
. Ob der neue Verwaltungsplan zur Schaffung eines
Grand Paris
(Großes Paris) daran etwas ändern kann, bleibt zunächst fraglich.