Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 438 / Januar 2024

Work hard, sleep rough

Die Zahl der erwerbstätigen Wohnungslosen in Berlin steigt stetig

Von Niclas Beiersdorf

Obdach- und Wohnungslosigkeit ist in deutschen Städten zum traurigen Alltag geworden. Hunderttausende leben in menschenunwürdigen Unterkünften oder auf der Straße. Seit Jahrzehnten versichern Politiker/innen aller Parteien, das Problem angehen zu wollen. Tatsächlich passiert ist sehr wenig. Im Gegenteil: Die Wohnungsspekulation und die jedes Jahr geringer werdende Zahl von Sozialwohnungen treiben die Mieten steil nach oben.

In Berlin stiegen die Angebotsmieten allein in den letzten drei Jahren um 30%. Gleichzeitig werden Lebensmittel immer teurer und die Sanktionspolitik der Regierung gegen Russland befeuert die Erhöhung der Energiekosten. In Deutschland, dem Land mit dem größten Niedriglohnsektor Europas, bedeutet das für eine wachsende Zahl von Menschen, dass ihr Gehalt nicht einmal mehr ausreicht, um für Essen und ein Dach über dem Kopf bezahlen zu können. Sie sind trotz Arbeit wohnungslos. 

Aus den USA mit ihrem kaum existenten Sozialstaat ist das Phänomen schon lange bekannt. Die Betroffenen werden dort als „working homeless“ bezeichnet. Der Film Nomadland porträtierte vor ein paar Jahren einige dieser meistens in ihren Autos lebenden Arbeiter/innen. Sie fahren von Job zu Job, verbringen die Winter in den wärmeren Südstaaten und haben, zumindest im Film, ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl. „Rubber Tramps“ (Reifenvagabunden) nennen sie sich selbst. 

In Deutschland galt in der öffentlichen Wahrnehmung lange: Wer einen Job hat, der hat auch eine Wohnung. Die meisten Menschen stellen sich einen Obdachlosen als arbeitslosen Mann mit Drogen- oder Alkoholproblem vor. Doch auch hierzulande gab es immer Wohnungslose, die in der einen oder anderen Form gearbeitet haben. Die wenigen verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass die Zahl der arbeitenden Wohnungslosen in Deutschland deutlich zunimmt. Der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) zufolge bestritt 2020 jeder fünfte Wohnungslose seinen Lebensunterhalt vor dem Beginn sozialer Unterstützung durch Berufstätigkeit. Dazu kommen jene Arbeiter/innen, die sich nicht ans Hilfesystem wenden, sondern in Hostels oder informellen Unterkünften leben. 

Überausbeutung von Wohnungslosen

Auch Sozialarbeiter/innen berichten, dass die Zahl der Berufstätigen in Wohnungslosenunterkünften zunimmt. Wie viele arbeitende Wohnungslose es in Deutschland gibt, ist kaum erfasst, doch es kann wohl von einer sechsstelligen Zahl ausgegangen werden. Angesichts steigender Mieten und verbreiteter prekärer Beschäftigung dürfte die Zahl der Betroffenen gerade in den Großstädten auch weiter zunehmen. Eine eigene Subkultur wie bei den „Rubber Tramps“ existiert unter den arbeitenden Wohnungslosen in Berlin nicht. Dennoch berichten viele von ihnen, dass gegenseitige Hilfe wichtig ist und ihnen hilft, ihren Alltag zu bewältigen.  

Die Lebenssituation der Betroffenen kann sehr unterschiedlich sein. Vom auf dem Sofa eines Freundes wohnenden Studenten mit Nebenjob über den polnischen Bauarbeiter in der Wohnungslosenunterkunft bis zum im Nachtbus schlafenden Selbstständigen handelt es sich um eine sehr diverse Gruppe. Sie alle leben in einer prekären Situation, doch gibt es auch hier Abstufungen, so ist zum Beispiel ein Wohnheimplatz sicherer als die Straße und bietet mehr Möglichkeit zur Erholung. Wer ausgeruht ist und sich nicht ständig um einen Schlafplatz Gedanken machen muss, kann wiederum anspruchsvollere Jobs ausführen. 

Am unteren Ende dieser Hierarchie stehen diejenigen, die auf der Straße leben und sich mit Suppenküchen und Gelegenheitsarbeiten gerade so über Wasser halten. Bei ihren Jobs handelt es sich meistens um Schwarzarbeit, einen Ausweg aus der Wohnungslosigkeit bietet ihre Arbeit in keinem Fall. Oft handelt es sich um Menschen ohne Arbeitserlaubnis, sie sind der Überausbeutung durch die Arbeitgeber ausgeliefert. Im Jahr 2018 machte ein Düsseldorfer Paketunternehmen Schlagzeilen, das gezielt ausländische Wohnungslose als billige Arbeitskräfte angeworben hatte. Nicht selten kommt es auch vor, dass beispielsweise auf dem Bau arbeitende Wohnungslose auf ihren Baustellen wohnen – für den Arbeitgeber ein willkommener Wachdienst zum Nulltarif.  Gibt es gerade keine Arbeit, gleicht ihr Alltag dem anderer Wohnungsloser. Um für Essen, Schlafplatz und Schutz vor der Kälte zu sorgen, schaffen sie sich brüchige Routinen zwischen Teestuben, Notübernachtungen und Straße. Die Schließzeiten der Notübernachtungen und der ständige Stress, der mit der Obdachlosigkeit einhergeht, machen es ihnen sehr schwer, einen besser bezahlten Job zu finden.

Wer einen Platz im Wohnheim hat oder bei Freund/innen übernachten kann, steht besser da und kann mehr oder weniger regulären Jobs nachgehen. In einer von mir im vergangenen Jahr durchgeführten Interview-Studie wurden beispielsweise Warenverräumer, Essenslieferanten und Putzkräfte befragt. Doch auch diese mehr oder weniger regulären Jobs bieten oft keine realistische Möglichkeit, die Wohnungslosigkeit zu überwinden. Die Löhne sind schlicht zu niedrig, um die Miete in einer Großstadt bezahlen zu können. Dazu kommen bürokratische Hürden, die für viele Wohnungslose ein Problem darstellen: Schufa-Einträge oder fehlende Mietschuldenfreiheitsbescheinigungen sorgen dafür, dass sie bei der Bewerbung auf eine Wohnung sofort aussortiert werden. 

So unterschiedlich die Lebensumstände der arbeitenden Wohnungslosen sind, so unterschiedlich ist auch die Unterstützung, die sie benötigen. Für die meisten von ihnen ist es angesichts des Wohnungsmarkts nicht möglich, ihre Wohnungslosigkeit aus eigener Kraft zu überwinden. Dennoch gibt es kaum spezifische Hilfsangebote, das Hilfesystem ist nicht auf die Bedürfnisse arbeitender Wohnungsloser ausgerichtet. So müssen Menschen mit eigenem Einkommen für die Wohnungslosenunterkünfte selbst zahlen. Bei teilweise über 1.000 Euro im Monat für einen Platz im Mehrbettzimmer bleibt wenig Geld übrig, um Geld für eine Kaution oder Mietzahlungen zu sparen. Sozialarbeiter/innen können zwar bei der Wohnungssuche unterstützen, doch auch sie scheitern oft daran, dass es viel zu wenig günstige Wohnungen gibt. 

Bankrotterklärung der Regierenden

Das Berliner Housing First-Projekt geht in eine richtige Richtung, ist aber auch darauf angewiesen, dass private Vermieter bezahlbare Wohnungen zur Verfügung stellen und bleibt deshalb ein Tropfen auf den heißen Stein. In seinem momentanen Zustand kann das Hilfesystem Wohnungslosigkeit nicht effektiv bekämpfen. Es ist oft kaum mehr als ein Feigenblatt für die katastrophale Wohnungs- und Sozialpolitik der Regierungen in Bund und Ländern. Wohnungslosigkeit, ob mit Arbeit oder ohne, ist eine Katastrophe für die Betroffenen. Die Lebenserwartung eines Obdachlosen liegt deutlich unter dem Durchschnitt.Viele der Befragten berichten von massivem psychischem und physischem Stress, der mit ihrer Situation einhergeht.

Die zunehmende Zahl der arbeitenden Wohnungslosen ist auf die verhängnisvolle Kombination sehr hoher und weiter steigender Mieten bei gleichzeitig geringen und unregelmäßigen Einkommen zurückzuführen. Um die Zahl der arbeitenden Wohnungslosen zu verringern, muss diese Zange aufgelöst werden, die die Betroffenen von zwei Seiten bedrängt. Einerseits müssen die Rechte von Arbeitnehmer/innen gestärkt und die Ausbeutung im prekären Sektor eingeschränkt werden. Mindestlohn- und Arbeitsschutzgesetze müssen überwacht und eingehalten, gute Löhne und Tarifverträge durchgesetzt werden. Außerdem darf eine Arbeitserlaubnis nicht vom Aufenthaltsstatus abhängen. Wer offiziell nicht arbeiten darf, ist der Ausbeutung in Schwarzarbeit schutzlos ausgeliefert. 

Andererseits muss der Spekulation mit Wohnraum ein Riegel vorgeschoben werden. Der private, profitorientierte Wohnungsmarkt ist die Hauptursache, die der Obdachlosigkeit zugrunde liegt. Kurzfristig würde ein Mietendeckel helfen, dass sich auch Geringverdiener/innen eine Wohnung leisten können. Mittelfristig müssen der staatliche Wohnungsbau massiv ausgeweitet und die Immobilienkonzerne enteignet werden. Erst wenn die Wohnraumversorgung in öffentlicher Hand ist, lässt sich das Menschenrecht auf eine Wohnung für alle umsetzen.


MieterEcho 438 / Januar 2024

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