Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 372 / Februar 2015

Kommen die Billigunterkünfte?

Was der Markt im „preisgünstigen“ Segment anbieten kann

Von Philipp Mattern                

Was passiert eigentlich, wenn die derzeitige Wohnungskrise nicht behoben wird? Diese Frage stellt sich in Berlin langsam aber sicher. Die aktuell entstehenden Scheinlösungen verheißen nichts Gutes. Ein Blick auf das europäische Ausland zeigt, was passieren kann, wenn der „normale“ Wohnungsmarkt um ein System von Behelfsunterkünften ergänzt wird. Droht auch Berlin ein solcher neuer Subwohnungsmarkt mit Billigunterkünften? Auszuschließen ist das auf lange Sicht nicht mehr.                    


Der wohnungspolitische Handlungsbedarf ist groß und passiert ist bisher wenig. Die zunehmende Enge auf dem Wohnungsmarkt und vor allem das immer weiter schwindende Angebot im günstigen Preissegment sind bereits seit Jahren ein Dauerthema, nicht nur im MieterEcho. Eine glaubwürdige Perspektive, wo der dringend benötigte und bezahlbare Wohnraum herkommen soll, ist noch immer weit und breit nicht in Sicht. Dabei ist die Sache recht einfach: Wenn Wohnraum fehlt, muss er geschaffen werden. Anders geht es nicht, denn irgendwo müssen die Menschen schließlich wohnen, auch diejenigen, die sich bereits heute auf dem „normalen“ Wohnungsmarkt kaum mehr ausreichend versorgen können oder schlichtweg von ihm ausgeschlossen sind. Die entscheidenden Fragen sind: Wer baut diese Wohnungen? Und für wen und zu welchen Bedingungen werden sie gebaut? Guter und ausreichender Wohnraum für alle kann nur durch erhebliche öffentliche Investitionen geschaffen werden, jedoch macht die Politik um diese noch immer einen großen Bogen. Genau das ist der Kern des Problems. Denn Fakt ist, dass der private Markt allein den Mangel nicht beseitigen kann, vor allem dort nicht, wo der größte Fehlbedarf besteht, nämlich bei kleinen und mittleren Wohnungen im preisgünstigen Segment. Was die privaten Akteure allerhöchstens können, ist behelfsmäßigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, der für die Nutzer/innen zwar bezahlbar ist, mit dem sich aber immer noch Profit machen lässt, weil gängige Standards bezüglich Substanz und Ausstattung unterlaufen werden.        

 

Neubaumietpreise für Behelfsunterkünfte        

Erste Beispiele für Behelfsunterkünfte im Substandard gibt es in Berlin bereits. Ein in der Presse häufig gelobtes und wenig kritisiertes Beispiel ist das von einem privaten Investor errichtete Containerdorf für Studierende am Plänterwald. Hier werden in ausgebauten Frachtcontainern kleine Wohneinheiten von 26 qm für 389 Euro pro Monat angeboten, möbliert und inklusive Nebenkosten. Das ist ein Preis, der – gemessen an 1-Zimmer-Wohnungen auf dem derzeitigen Wohnungsmarkt – in absoluten Zahlen mitunter als moderat und auch für Studierende bezahlbar durchgeht. Auf die Wohnfläche heruntergerechnet sind die Kosten mit 14,96 Euro/qm hingegen happig und keineswegs geringer als manche Neubaumieten. Zu einem Wohngebäude gibt es jedoch einen gewaltigen Unterschied: Ein gebrauchter Überseecontainer – quasi der Rohbau dieser Unterkunft – ist ab wenigen Tausend Euro zu bekommen und mit einer Jahresmiet-einnahme beinahe amortisiert. Ein lohnendes Geschäftsmodell, das man seinen Erfindern kaum verübeln kann. Der Erfolg dieses Projekts ist aber als Indikator für den desaströsen Zustand des Wohnungsmarkts ernst zu nehmen. Sprich: Wäre vor zehn Jahren jemand zu diesen Konditionen dort eingezogen? Vermutlich nicht. Man hätte sich einfach eine normale Wohnung gemietet. Heute ist das anders, die Nachfrage nach Mini-Apartments in rostigen Metallkisten ist gegeben. Und nicht nur bei Studierenden. Selbst für Haushalte mit durchschnittlichem Einkommen kann der Wohnungsmarkt nur wenig bieten, für Haushalte mit geringem Einkommen entsprechend noch weniger. Warum also nicht eine Containersiedlung bauen für, sagen wir, Hartz-IV-Empfänger/innen oder Niedriglöhner/innen? Noch ist das Zukunftsmusik. Wenn auch nicht ganz abwegig, denn es gibt immer mehr provisorische Unterkünfte (siehe Seite 6).    

                                    

Vorboten eines neuen Substandards?             

Mehr noch als das obige Beispiel wecken die seit einiger Zeit diskutierten Pläne zur Unterbringung von Flüchtlingen oder auch Obdachlosen in Behelfsunterkünften bizarre Erinnerungen an das, was einmal Substandard oder Schlichtbauweise genannt wurde. Darunter versteht man die ganz bewusste Unterschreitung gängiger Flächen- und Ausstattungsstandards bei der Schaffung von Wohnraum. In der frühen Bundesrepublik etwa wurde dies in großem Umfang praktiziert, um die kriegsbedingte Wohnungsnot zu lindern. Einige Exemplare dieser Bauten finden sich heute noch in Berlin, viele jedoch saniert. Merkmale dieser Billigunterkünfte waren zum Beispiel das Fehlen eines Flurs hinter der Wohnungstür, auf Putz verlegte Leitungen, eine schlechte Schall- und Wärmeisolierung, offen durch die Wohnung laufende Versorgungsstränge oder gemeinschaftlich genutzte Toiletten und Wasserstellen. Einiges davon findet sich auch in den aktuellen Containerbauten, letztgenanntes ist tatsächlich in den neuen Flüchtlingsunterkünften Realität. Dieser Substandard galt jahrzehntelang zumindest hierzulande als überwunden. Bisher ging es bei der Schaffung von neuem Wohnraum für breite Schichten in der Regel immer um Wohnungsbau mit aktuell üblichen Bau- und Ausstattungsstandards. Dies könnte sich ändern. Erstens ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt inzwischen so angespannt, dass sie eine potenzielle Nachfrage nach solchen Behausungen produziert. Zweitens kam es durch die neoliberalen Sozialreformen zur Diskursverschiebung, infolge derer ein – auch auf europäischer Ebene – verändertes Verständnis vom sozialen Wohnungsbau vorherrscht, weg von der Massenversorgung, hin zum Provisorium für marginalisierte Randgruppen. Vor diesem Hintergrund eröffnet sich, drittens, ein lukratives Geschäftsfeld für private Investoren, denen es inzwischen möglich ist, mit Behelfsunterkünften annähernd Neubaumieten zu realisieren. Und viertens haben wir es mit einer Wohnungspolitik zu tun, die diesen Namen kaum noch verdient. Mit der sukzessiven Verabschiedung von einer aktiven Wohnungspolitik, die auch öffentliche Mittel für Neubau bereitstellt, ist auf längere Sicht auch ein Abschied von geltenden Standards zu befürchten. Wohnungspolitik ist schließlich Bedingung und Garant für allgemeingültige Wohnstandards. Bei einer fortgesetzten wohnungspolitischen Zurückhaltung ist eine weitere Verschärfung der Wohnungsmarktsituation zu erwarten, sodass sich irgendwann die drängenden Probleme, zumindest kurzfristig, gar nicht mehr politisch lösen lassen. Dann wird man wohl oder übel auf Provisorien zurückgreifen müssen. Dass aus Provisorien schnell ein Dauerzustand werden kann, zeigt ein Blick auf Nachbarländer, in denen sich bereits im größeren Maßstab die Anfänge eines zweiten Wohnungsmarkts entwickelt haben. Dort lässt sich erahnen, was auf längere Sicht auch uns blühen kann. Noch gibt es in Berlin keinen etablierten Subwohnungsmarkt, jedoch sind Tendenzen in diese Richtung zu erkennen. Dabei handelt es sich zwar um Randerscheinungen, aber diese könnten Türöffnerfunktion haben. Damit die Billigunterkünfte auch in Zukunft nicht mehr als eine Randerscheinung bleiben, führt an effektiven wohnungspolitischen Maßnahmen kein Weg vorbei.

 

 


MieterEcho 372 / Februar 2015

Schlüsselbegriffe: Billigunterkünfte, Wohnungskrise, Subwohnungsmarkt, Behelfsunterkünfte, Containerdorf, Plänterwald, Überseecontainer, Studierende, Flüchtlingsunterkünfte, Provisorien

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