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MieterEcho 369 / September 2014

Rausgedrängt

Demografischer Wandel und steigende Altersarmut bei angespanntem Wohnungsmarkt

Von Christian Schröder

Bezahlbares Wohnen im Alter wird in Berlin immer mehr zum Problem. Durch den demografischen Wandel steigt die Zahl der Senior/innen, gleichzeitig nimmt die Altersarmut zu und die Wohnkosten steigen. Immer mehr Menschen sind davon bedroht, aus dem bereits angespannten Wohnungsmarkt gedrängt zu werden. Die Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren verschärfen. Trotz alarmierender Zahlen hat die Politik bisher keine Lösungsansätze.                                    

 

Jeder fünfte Mensch in Berlin ist älter als 65 Jahre und die Zahl steigt beachtlich. In den Jahren 2007 bis 2012 hat sich die Altersgruppe 65+ um 30% vergrößert. Bis 2030 wird sie 26% der Berliner Bevölkerung ausmachen. Besonders die Gruppe der über 75-jährigen wird immer größer. Die Altersgruppe 85+ wird sich bis 2030 annähernd verdoppeln und die Zahl der über 90-Jährigen sogar verdreifachen. Der Anteil der Menschen mit körperlichen Einschränkungen wird rapide steigen und damit auch der Bedarf an altersgerechten Wohnungen. Der heutige Wohnungsbestand in Berlin ist dafür nur bedingt geeignet.

Der Anteil barrierefreier oder barrierearmer Wohnungen ist viel zu gering und für viele Berliner/innen unbezahlbar.    

 

Lebensabend auf Hartz-IV-Niveau            

Noch ist Altersarmut in Deutschland kein Massenphänomen. Doch immer mehr Rentner/innen sind auf Sozialhilfe (Grundsicherung im Alter) angewiesen. Von 2003 bis 2012 hat sich die Zahl bundesweit von 260.000 auf 460.000 fast verdoppelt. Von 2005 bis 2012 sind die bundesweiten Ausgaben um über ein Drittel gestiegen: von 2,9 Milliarden Euro auf 5 Milliarden Euro. 34.000 Berliner/innen beziehen Grundsicherung im Alter, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht. Das sind 5,2% der über 65-Jährigen und  rund doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt (2,7%). Armut im Alter betrifft bislang vor allem allein lebende Frauen mit westdeutschen Biografien und Migrant/innen, die in ihrem Berufsleben zu geringe Rentenansprüche aufgebaut haben. 17,4% der nicht-deutschen Berliner/innen ab 65 Jahren beziehen Grundsicherung, unter den Deutschen sind es nur 4%. Am stärksten betroffen sind Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit.                    

Das Ausmaß der Altersarmut ist deutlich größer als die Gruppe der Beziehenden von Grundsicherung. Viele Senior/innen leben bereits heute unter oder am Rande des Existenzminimums. Bundesweit steht fast 2 Millionen Seniorenhaushalten ein monatliches Nettoeinkommen zur Verfügung, das lediglich gering über der Grundsicherung liegt. Viele verzichten aus Unkenntnis oder aus Scham auf Transferleistungen. Dies ergab eine Studie der Armutsforscherin Irene Becker von der Universität Frankfurt am Main. Nach ihren Berechnungen auf Basis des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) für das Jahr 2007 bezogen 734.000 Menschen ab 65 Jahren keine Grundsicherung, obwohl sie Anspruch darauf gehabt hätten. Die Quote der Nichtinanspruchnahme „liegt bei etwa 60% und damit weit höher als in der jüngeren Bevölkerung“, so die Wissenschaftlerin. Ihr Fazit: Arme Ältere halten lieber eiserne Ausgabendisziplin und verzichten auf eine warme Mahlzeit, als zum Sozialamt zu gehen.                        

 

Wachsende Altersarmut                

Armut im Alter hat ihre Ursachen weit vor Beginn des Renten-alters. Häufigster Grund sind zu geringe Rentenansprüche. Besonders gefährdet sind Langzeiterwerbslose, Niedriglöhner/innen, Menschen, die vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden, und Selbständige, die nicht für das Alter vorsorgen (können). Durch die arbeitsmarkt- und rentenpolitischen Entwicklungen sowie die Wirtschaftslage der vergangenen Jahre ist in Berlin zukünftig mit einer Zunahme der Zahl armutsgefährdeter Rentner/innen zu rechnen. Ein/e Durchschnittsverdiener/in muss aktuell etwa 27 Jahre lang sozialversicherungspflichtig arbeiten, um eine gesetzliche Rente in Höhe des Grundsicherungsniveaus zu erreichen.                    

Der noch vom rot-roten Senat 2011 erstellte Bericht über die soziale Lage älterer Menschen in Berlin prognostiziert einen deutlichen Anstieg armer Senior/innen. 23,5% aller Berliner Erwerbstätigen arbeiten aktuell im Niedriglohnsektor mit einem Einkommen von unter 900 Euro. Auch der neue Mindestlohn wird daran kaum etwas ändern. Knapp 2% der Bevölkerung im Alter von 50 bis unter 65 Jahren beziehen aufgrund dauerhafter Erwerbsminderung Sozialhilfe, weitere 16% Hartz IV. Geplant war, auf Grundlage des Berichts ein regelmäßiges Monitoring des Armutsrisikos älterer Menschen in Berlin als Planungsgrundlage für Verwaltung und Politik zu entwickeln. Nach dem Regierungswechsel im Herbst 2011 wurden die Pläne vom rot-schwarzen Senat nicht weiter verfolgt.        

 

Angst vor Verdrängung                

Der Wohnungsbedarf älterer Menschen spielt weder im vorgenannten Bericht noch in dem im März 2014 erschienenen Sozialstrukturatlas Berlin 2013 eine Rolle. Dabei ist Wohnen im Alter von besonderer Bedeutung, denn mit steigendem Lebensalter wächst die Bedeutung der Wohnung als Lebensmittelpunkt. Die meisten Menschen möchten so lange wie möglich selbstständig in der eigenen Wohnung und der vertrauten Nachbarschaft leben. Nur wenige wollen in Alten- und Pflegeheime ziehen. Doch je größer die Altersarmut ist, desto größer wird die Gefahr, unfreiwillig umziehen zu müssen.Derzeit sind die Anteile der Grundsicherungsbeziehenden bei den über 65-Jährigen in Friedrichshain-Kreuzberg (10%), Mitte (8%) und Neukölln (7%) am höchsten. Rund um den Kreuzberger Oranienplatz sind es 25%, im Rollbergkiez in Neukölln 20% und rund um die Körnerstraße in Tiergarten sogar fast 30%. Auch die höchsten Anteile der Hartz-IV- oder Sozialhilfebeziehenden im Alter von 50 bis 64 Jahren – die zukünftigen Altersarmen – gibt es in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln. Besondere Brennpunkte kristallisieren sich in einigen Quartieren in Neukölln, Gesundbrunnen, Moabit, Wedding, Spandau, Kreuzberg und Hellersdorf heraus. Dort ist mehr als jede/r Dritte bis Vierte im Alter zwischen 50 und 64 Jahren auf Transferleistungen angewiesen. Dabei ist ausgerechnet in den innerstädtischen Quartieren das Verdrängungsrisiko auf dem Berliner Wohnungsmarkt derzeit am größten. Laut dem Wohnungsmarktbericht der Investitionsbank Berlin (IBB) von 2013 sind hier die höchsten Mietpreissteigerungen zu verzeichnen. Die Armutsforscherin Irene Becker fordert: Arme Ältere, die auf staatliche Grundsicherung verzichten, müssen nicht nur besser über ihre Ansprüche aufgeklärt werden, vor allem müssen auch die Vorschriften für angemessenen Wohnraum gelockert werden. Denn die Angst vor dem Zwang zum Umzug halte viele Ältere vom Gang zum Sozialamt ab. „Ein Umzug im Alter ist besonders belastend und der damit verbundene Verlust sozialer Kontakte meist nachhaltig“, so die Wissenschaftlerin. Doch die realitätsfernen Mietrichtwerte, die der Senat für Grundsicherungsbezieher/innen mit der Wohnaufwendungenverordnung (WAV) vorgibt, machen es für arme Alte unmöglich, eine neue Wohnung im Innenstadtbereich – und erst recht im gewohnten Kiez – zu finden. Belastbare Daten, wie vielen armen Älteren im Sozialhilfebezug derzeit ein Umzug droht, fehlen. In Berlin gibt es in den Sozialämtern bislang kein Berichtswesen für die Kosten der Unterkunft. Die bezirklichen Sozialämter sind mit der Situation überfordert. Es fehlt an Personal und an Know-how, ältere Menschen mit Wohnungsproblemen zu beraten und zu begleiten.     

 

Mangel an altersgerechtem Wohnraum        

Die Wohnsituation einkommensschwacher älterer Menschen ist für den Berliner Senat bislang kein Thema. Ein unter dem rot-roten Senat im September 2009 entworfenes „gesamtstädtisches Konzept ‚ Wohnen im Alter‘“ war mehr eine Bestandsaufnahme als ein Programm und es blieb folgenlos. Der Senat ging noch von einem entspannten Wohnungsmarkt aus, den man hinsichtlich der Entwicklung altersgerechter Wohnungen lediglich beobachten müsse. Der Senat hat bislang kein Konzept für altersgerechtes und bezahlbares Wohnen in Berlin – und keinen Plan, wie der Anteil altersgerechter Wohnungen im Wohnungsbestand und durch Neubau erhöht werden kann. Mit den städtischen Wohnungsgesellschaften hat er darüber bisher keine konkreten und verbindlichen Vereinbarungen geschlossen.               

 

 


MieterEcho 369 / September 2014

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