Berliner Mietergemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 366 / März 2014

Die Angststarre überwunden

In einem Haus im begehrten Stephankiez in Moabit schlossen sich die Mieter/innen gleich nach dem Eigentümerwechsel zusammen

Von Rainer Balcerowiak    

Ein mulmiges Gefühl hatten die Bewohner/innen des Hauses Stephanstraße 46/Havelberger Straße 12 bereits, als die Immobilie im Herbst 2013 verkauft wurde. Die neuen Eigentümer ließen von vornherein keinen Zweifel daran, dass sie umfangreiche Modernisierungen planen und alle Mieterhöhungsspielräume bis zum Anschlag ausreizen wollen. In dem unsanierten Haus gibt es bislang keine Zentralheizung, dafür liegen die Nettomieten deutlich unter dem Durchschnitt im mittlerweile heiß begehrten Kiez. Einige Mieter/innen mit älteren Verträgen zahlen derzeit lediglich 3 Euro/qm nettokalt.         

 

Bereits kurz nach dem Eigentümerwechsel machte die neue Hausverwaltung Core Immobilienmanagement GmbH klar, wo es lang gehen soll. In einem Brief wurde den Mieter/innen angekündigt, dass eine umfassende energetische Gebäudesanierung geplant sei und auch eine Fernwärmeheizung sowie ein Aufzug eingebaut werden sollen. Zusammen mit anderen umlagefähigen Modernisierungsaufwendungen müsse daher mit einer Erhöhung der Miete um 4 bis 5 Euro/qm gerechnet werden und auch die Betriebskosten würden steigen. Im leer stehenden Seitenflügel des Gebäudes wurde bereits mit den Arbeiten begonnen. Bald soll eingerüstet werden und der Ausbau der Dachgeschosse anfangen. Ein zunächst avisierter Vorstellungstermin der drei neuen Besitzer, unter denen sich auch der Immobilienmakler Eckhart Jänichen befindet, wurde abgesagt, dafür wurden „Einzelgespräche“ angeboten.                

Da sich viele Mieter/innen die Modernisierungsmieterhöhungen nicht leisten können, taten sie das einzig Richtige: Sie trafen sich, um über eine gemeinsame Reaktion zu beraten und nahmen – vorerst individuell – anwaltliche Beratung in Anspruch. Die meisten Mieter/innen seien zunächst etwas verängstigt, aber auch empört über das rüde Vorgehen der Verwaltung gewesen, so ein Bewohner gegenüber dem MieterEcho. Die Einzelgespräche wurden daher abgelehnt. Die Vermieter lenkten ein und gaben sich reuig. Auf einem Mietertreffen habe der Miteigentümer und Architekt Uwe Breywisch eingeräumt, dass das Vorpreschen der Hausverwaltung nicht geschickt gewesen wäre. Künftig sollten sich alle Mieter/innen bei Fragen und Beschwerden direkt an ihn wenden.    

                                        

Verdrängung befürchtet        

Zwar ist die Atmosphäre zwischen Vermietern und Mieter/innen seitdem etwas entspannter, aber die eigentlichen Probleme bleiben. Bereits bevor  Art und Umfang der Modernisierung sowie der zeitliche Ablauf der Baumaßnahmen konkret angekündigt waren, wurde im Haus bereits kräftig gewerkelt, was zu erheblichen Beeinträchtigungen durch Lärm und Dreck führte. Wegen der Arbeiten in den Dachgeschossen haben die Mieter/innen im obersten Stockwerk zudem große Probleme, ihre Wohnungen ausreichend zu beheizen. Daher prüfen einige Mieter/innen, welche Handhabe für Mietminderungen besteht. Die neuen Eigentümer dürften großes Interesse daran haben, dass möglichst viele Mieter/innen angesichts der Belastungen und der zu befürchtenden Mietsteigerungen „freiwillig“ ausziehen, denn leer stehende modernisierte Wohnungen ermöglichen – egal, ob durch Neuvermietung oder Verkauf – eine deutlich höhere Rendite. Im Stephankiez, der sich in unmittelbarer Nähe von der im Bau befindlichen neuen Zentrale des Bundesnachrichtendiensts befindet, werden mittlerweile für Eigentumswohnungen Quadratmeterpreise verlangt und gezahlt, die auf dem Niveau der angesagten Quartiere in Prenzlauer Berg und Kreuzberg liegen.Mittlerweile haben die Mieter/innen die Modernisierungsankündigung erhalten. Sie wollen sich nun professionell beraten lassen und auf weiteren Versammlungen ihr Vorgehen abstimmen. Erfahrungsgemäß weisen solche Ankündigungen oft erhebliche formale Mängel auf. Auch die Aufschlüsselung der Kosten für den Dachgeschossausbau, für die Instandsetzung und für die Modernisierung der Bestandswohnungen beinhaltet häufig Fehler. Penibel beachten wollen die Mieter/innen auch die Einhaltung von Fristen und die ordnungsgemäße Durchführung der Bauarbeiten. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht, um der drohenden Verdrängung nicht widerstandslos ausgeliefert zu sein.

                

 

 


MieterEcho 366 / März 2014

Schlüsselbegriffe: Stephankiez, Moabit, Eigentümerwechsel, Stephanstraße, Modernisierungen, Mieterhöhung, umlagefähigen Modernisierungsaufwendungen, Modernisierungsmieterhöhungen, Verdrängung, Modernisierungsankündigung, Widerstand

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