Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 362 / September 2013

Kiez gegen Kapital

Die Initiative „Crellekiez-Zukunft“ wehrt sich gegen Investorenpläne in Schöneberg

Von Benedict Ugarte Chacón                                

In der Nähe des Kleistparks in Schöneberg will die Property Service Group (PSG) das unbebaute Grundstück Crellestraße 22a entwickeln. Ursprünglich sollte dort ein Spielplatz entstehen. So zumindest hatte es der damalige Baustadtrat und heutige Innenstaatssek-retär Bernd Krömer (CDU) der Bezirksverordnetenversammlung 2007 mitgeteilt. Geplant ist nun ein siebenstöckiges Haus mit hochwertigen Eigentumswohnungen und Gewerbeeinheiten. Die Bürgerinitiative kritisiert, dass der Neubau „in seinen extremen Ausmaßen“ zu schnell und intransparent genehmigt wurde. Der Bau würde zu einer größeren Verdichtung im ohnehin hoch verdichteten Kiez führen und die Verkehrssituation in der Crellestraße weiter verschlechtern.                


Am Neubauprojekt wird auch kritisiert, dass drei Linden für das Projekt weichen sollen. Deren Fällung konnten die erzürnten Anwohner/innen bislang mit zivilem Ungehorsam verhindern. Die Bäume befinden sich auf öffentlichem Straßenland vor dem Grundstück. Nach Aussagen eines vom Bezirksamt beauftragten Gutachters stünden zwei der Bäume dort, wo laut Plänen des Investors Erker aus dem Gebäude ragen sollen, und der dritte müsste so weit beschnitten werden, dass er auf lange Sicht nicht überleben könnte. Nach Angaben der Bürgerinitiative verhielt sich die PSG bisher in keiner Weise kompromissbereit und will die Bäume so schnell wie möglich beseitigen. Am 2. Juli sollten Tatsachen geschaffen werden und morgens um drei Uhr wurden parkende Autos abgeschleppt. Der frühe Zeitpunkt wurde wohl gewählt, weil Anwohner/innen täglich ab sechs Uhr morgens die Bäume bewachen. Nach Angaben der Bürgerinitiative hätte das Fällkommando allerdings nicht einmal eine Genehmigung vorlegen können. Das Auffahren schwerer Geräte verhinderten sie trotz der eingesetzten 50 Polizist/innen mit einer Sitzblockade. Am Tag zuvor hatte der Umweltschutzverband BUND einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht eingereicht. Nach Auffassung der Naturschützer verbietet das Bundesnaturschutzgesetz eine Fällung innerhalb der Vegetationsperiode.                                    

 

SPD und Grüne auf Investorenseite

Die zum anberaumten Fälltermin anwesende Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg Angelika Schöttler (SPD) wollte sich von diesem gerichtlichen Vorgang zunächst nicht beirren lassen und die Bäume sofort beseitigen – was zu  heftigen Diskussionen mit den Anwohner/innen führte. Das Verwaltungsgericht erließ schließlich eine Zwischenverfügung. Am 19. Juli untersagte schließlich das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg dem Bezirksamt, die drei Linden während der Vegetationszeit, also bis zum 30. September, ohne vorherige Beteiligung des BUND zu fällen.

Die Bezirksverordnetenversammlung beschloss Ende Juni, das Bezirksamt mit der Prüfung zu beauftragen, ob die Baugenehmigung ohne Regressansprüche des Investors ausgesetzt werden kann und ob die Geschossflächenzahl begrenzt werden kann. Jedoch hatte bereits Mitte Juni die für Stadtentwicklung zuständige Stadträtin Sibyll Klotz (Bündnis 90/ Die Grünen) in einer Antwort auf eine Große Anfrage der Bezirks-Fraktionen von Linke und Piraten mitgeteilt, dass die Investoren Änderungen am Bauvorhaben „aufgrund des Verkaufsstands abgelehnt“ hätten. Die Befürchtungen der Anwohner/innen teilt die Stadträtin nicht: „Der Neubau ist aus städtebaulicher Sicht eine Weiterentwicklung der prägenden Gründerzeitbebauung zwischen Crellestraße, Hauptstraße und Langenscheidtstraße.“ Kritik gibt es dennoch weiterhin aufgrund der genehmigten hohen baulichen Dichte und die Initiative will „Licht in die dubiosen Vorgänge rund um die Baugenehmigung bringen“.         

Der Geschäftsführer der PSG Christian Henke äußerte gegenüber dem Tagesspiegel sein Unverständnis für den Ärger der Anwohner/innen. Schließlich hätte man alle Genehmigungen und diese seien weder erschlichen noch erkauft. Die PSG und ihre rabiaten Methoden waren in den letzten Jahren allerdings bereits Gegenstand kritischer Berichterstattung. In der  Boxhagener Straße in Friedrichshain hatte sie vor wenigen Jahren mehrere Gebäude gekauft, um diese zu einem Wohn- und Gewerbekomplex zu entwickeln. Die ursprünglichen Mieter/innen wurden mit Schikanen überzogen: So wurden zum Beispiel Treppenhausfenster im Winter herausgerissen und den Mieter/innen sollte sogar verboten werden, Kohlen in ihrem Keller zu lagern.      

 

Weitere Informationen: www.crellekiez-zukunft.com    

 

Die Property Service Group (PSG) besteht seit zehn Jahren und ist nach eigenen Angaben auf die Entwicklung und Betreuung von Immobilien im Gewerbebereich spezialisiert. So erwarb sie im Jahr 2009 die ehemalige Schlüterbrot Backfabrik in Schöneberg. Von 2003 bis heute hat sich der Bestand der betreuten Immobilien vervielfacht, die Summe der Flächen stieg von 13.000 qm auf mehr als 500.000 qm. Der Schwerpunkt liegt nach wie vor bei der Entwicklung und Vermietung von Gewerbeimmobilien, doch auch Sanierung, Umbau und Modernisierung von Wohnhäusern sowie kompletter Neubau stehen auf dem Programm. Eines der ersten Mietshäuser der PSG war die Anhalter Straße 7, die 2005 modernisiert und zu 2- bis 5-Zimmer-Wohnungen umgebaut wurde. Die Nettokaltmiete für eine 5-Zimmer-Wohnung liegt laut Internetauftritt der PSG bei etwa 5,60 Euro/qm. In der Boxhagener Straße in Friedrichshain modernisierte die PSG ebenfalls drei Mietshäuser verbunden mit Neubauten auf dem Hof. Die ursprünglichen Mieter/innen wurden mit rabiaten Methoden wie etwa dem Ausbau von Fenstern mitten im Winter vertrieben. Heute wird ein großer Teil der „Boxhagener Höfe“ als Ferienwohnungen vermietet. Ein Apartment für zwei Personen ist ab 99 Euro pro Nacht zu haben. Als Vermieter fungiert die Boxhagener Höfe Residential Loft Berlin GmbH, die bis 2012 im Haus der PSG in der Anhalter Straße 7 ansässig war. Die Geschäftsführerin der Boxhagener Höfe Residential Loft Berlin GmbH ist gleichzeitig Geschäftsführerin der Maklerfirma NIG Norddeutsche Immobiliengesellschaft mbH, die unter anderem die Neubauwohnungen an der Crellestraße 22a vertreibt – für über 3500 Euro/qm. Das Grundstück an der Crellestraße erwarb die PSG bereits im Jahr 2006, als es noch als Eisenbahngelände galt. Im Februar 2011 erteilte der Bezirk einen positiven Bauvorbescheid für das Grundstück für den Fall, dass die Fläche als planfestgestelltes Bahngelände vom Eisenbahnbundesamt entlassen wird. Ein neuer Bebauungsplan wurde erst 2012 aufgestellt. Warum der Bezirk hier vorschnell Tatsachen schuf, ist ungeklärt. (Jutta Blume)


MieterEcho 362 / September 2013

Schlüsselbegriffe: Property Service Group, PSG, Crellekiez-Zukunft, Investoren, Schöneberg, Crellestraße 22a, hochwertige Eigentumswohnungen, Neubau, Linden, BUND, Residential Loft Berlin GmbH

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