Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 352 / Januar 2012

Bedrohliche Trendwende

Die Zahl der Wohnungslosen steigt wieder

Christian Linde

Hohe Mieten, Verarmung und sozialpolitische Fehlentscheidungen haben dazu geführt, dass die Zahl der Wohnungslosen wieder steigt. Angesichts der wirtschafts-, finanz- und sozialpolitischen Lage rechnen Experten mit einer weiteren Zunahme von Menschen, die ihre Wohnung verlieren werden.


Es gibt in Deutschland wieder mehr Obdachlose. Auch verzeichnet die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe nach einem langjährigen Rückgang wieder einen deutlichen Anstieg der von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen.  Foto: C.Mendoza



In Deutschland gibt es wieder mehr Menschen ohne Dach über dem Kopf. Das teilte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) mit: „Wir müssen leider davon ausgehen, dass das Ausmaß der Wohnungslosigkeit zwischen 2008 und 2010 dramatisch gestiegen ist“, erklärte Thomas Specht, Geschäftsführer der BAG W, dem in Bielefeld ansässigen Dachverband der Wohnungslosenhilfe. Die Organisation rechnet darüber hinaus mit einem weiteren rasanten Anstieg. So prognostiziert die Organisation bis zum Jahr 2015 bundesweit eine Zunahme um 10 bis 15% auf 270.000 bis 280.000 Menschen. Aktuell beziffert die BAG W die Zahl der Betroffenen mit 248.000 Menschen (Stand 2010). Zum Vergleich: 2008 waren es noch 227.000. Weitere etwa 106.000 Menschen waren in 2010 von Wohnungslosigkeit bedroht (2008: 103.000), das heißt bei ihnen stand der Verlust der Wohnung unmittelbar bevor. Somit muss insgesamt von derzeit rund 354.000 sogenannten Wohnungsnotfällen ausgegangen werden. 2008 waren es „nur“ 330.000. Damit ist die Gesamtzahl der Betroffenen nach mehrjähriger Rückläufigkeit wieder deutlich gestiegen. Die größte Gruppe der Wohnungslosen stellen mit 64% Männer. Der Frauenanteil beträgt 26% und 10% sind minderjährig. Mit 152.000 sind Single-Haushalte hauptsächlich betroffen. Die Zahl der Menschen, die ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, stieg im Vergleichszeitraum von rund 20.000 auf 22.000.

Tendenz weiter steigend

„Der Wiederanstieg wäre noch dramatischer ausgefallen, hätten nicht in den letzten zehn Jahren die freigemeinnützige Wohnungslosenhilfe und die Kommunen ihre Anstrengungen bei der Überwindung und Prävention von Wohnungslosigkeit aufrechterhalten und weiter ausgebaut“, betonte die BAG W. So haben immerhin bis zu 110.000 Menschen die Dienste der Hilfeeinrichtungen in Anspruch genommen. Nach Auffassung der BAG  W sind drei Faktoren maßgeblich für den Wiederanstieg der Wohnungslosenzahlen: Hohe Mieten, Verarmung und sozialpolitische Fehlentscheidungen. „Die Verarmung der unteren Einkommensgruppen steht in engem Zusammenhang mit der Dauerkrise am Arbeitsmarkt, die nicht zu einem Absenken der Zahl der Langzeitarbeitslosen geführt hat. Zugleich ist der Niedriglohnsektor aufgrund eines fehlenden Mindestlohns extrem angewachsen“, beklagt die BAG W. Zu den sozialpolitischen Fehlentscheidungen bei Hartz IV gehörten die Sanktionen bei der Übernahme der Wohnkosten bei jungen Erwachsenen, die unzureichende Anhebung des Regelsatzes beim Arbeitslosengeld II, die Pauschalierung der Kosten für Unterkunft und Heizung und der Abbau der Arbeitsförderungsmaßnahmen. Negative Auswirkungen hätten darüber hinaus der rückläufige Bestand günstiger Wohnungen und das Ausbleiben einer aktiven Wohnungspolitik.

Jede/r sechste armutsgefährdet

Trotz sinkender Arbeitslosenzahlen sei jede/r sechste Bundesbürger/in armutsgefährdet. Insbesondere Erwerbslose und alleinerziehende Haushalte gehörten dazu. Geradezu dramatisch zugespitzt habe sich die Lage derer, die ihre Wohnung bereits verloren hätten. „Ein Viertel unserer Klientel verfügt über keinerlei Einkommen“, erklärte BAG W-Vorsitzender Winfried Uhrig. Nahezu 90% der Klienten der Wohnungslosenhilfe sind arbeitslos, meist sogar langzeitarbeitslos. Angesichts dieser desolaten Lage sei es verheerend, dass die Bundesregierung mit ihrer Reform der Eingliederungsangebote in den Arbeitsmarkt flächendeckende Kürzungen für wohnungslose Langzeitarbeitslose in Kauf nehme. Nur mit einer sozial- und arbeitsmarktpolitischen Wende – vergleichbar mit der energiepolitischen Wende – könnten diese sich abzeichnenden Entwicklungen zumindest noch abgemildert, wenn auch nicht mehr aufgehalten werden. „Wir fordern die Bundesregierung auf, die Lebenslagen von verarmten und wohnungslosen Menschen zur Kenntnis zu nehmen und konkrete Maßnahmen zur Verbesserung auf den Weg zu bringen. Es gilt konkret zu handeln, damit diesen Menschen der Zugang zu Wohnen, Gesundheit, Arbeit und Einkommen nicht weiter verwehrt bleibt“, so Uhrig.

 

 


MieterEcho 352 / Januar 2012

Schlüsselbegriffe: Hohe Mieten, Verarmung, Wohnungslosigkeit, Anstieg, BAG W, sozialpolitische Fehlentscheidungen, Mindestlohn, Wohnungspolitik, Langzeitarbeitslose

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