Belegschaft mit großem Beharrungsvermögen
Seit 120 Jahren werden in Moabit Turbinen produziert – und das bleibt auch erst mal so
Von Nicolas Šustr
„Wir haben hier eine Perspektive über 2030 hinaus“ , sagt Günter Augustat zufrieden zum MieterEcho. Vor wenigen Jahren sah das noch ganz anders aus. „2020 gab es Pläne, die Fertigung hier abzuziehen“ , berichtet der Betriebsratschef für den Standort Huttenstraße von Siemens Energy, mitten in Moabit. Seit 120 Jahren werden hier Turbinen produziert, mit denen aus Wärme Strom gemacht wird. Seit über 50 Jahren werden Gasturbinen gefertigt. Über 3.500 Beschäftigte zählt das innerstädtische Industriegelände, in dem auch die Zentrale des 2020 vom Siemens-Mutterkonzern abgespaltenen Großbetriebs mit weltweit 90.000 Mitarbeiter/innen angesiedelt ist.
Die lange Tradition sieht man dem Standort an – vor allem, wenn man sich ihm von Osten, von der Turmstraße kommend, nähert. An der Ecke Hutten- und Berlichingenstraße steht die 1908 errichtete Turbinenhalle. Stahl, Glas und Beton, der bekannte Architekt Peter Behrens und der Bauingenieur Karl Bernhard schufen einen damals hochmodernen Wendepunkt in der Architekturgeschichte mit einer neuen Formensprache für Industriearchitektur. Keine dunkelrote Klinkerästhetik, die sich an Kathedralen- oder Burgarchitektur orientiert. Als erstes Industriegebäude ist die Halle 1957 unter Denkmalschutz gestellt worden. Bis heute werden im 200 Meter langen Bau Turbinen produziert.
Begründet wurde die Turbinenbau-Tradition 1904 von der inzwischen nur noch als Markenname existierenden Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft – der AEG. 1977 übernahm Siemens das Werk. Doch die Industriegeschichte des von Wiebe-, Sickingen-, Berlichingen- und Huttenstraße umschlossenen, 14 Hektar großen Areals reicht bis 1892 zurück. Zunächst sind hier elektrische Straßenbahnen produziert worden. Aus dieser Zeit sind auch Backsteinbauten erhalten. In den vergangenen Jahrzehnten sind viele wesentlich profanere Bauten hinzugekommen.
Existenzbedrohende Krisen
Krisen hatte das Werk allein seit der Wende schon viele. 1993 stornierte Indonesien einen Großauftrag, nachdem die Bundesregierung dem Land damals die Lieferung von Panzern verweigert hatte. Auch die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA und die Bankenkrise 2008/2009 ließen die Auftragslage einbrechen. 2017/2018 und 2021 sind zusammengenommen rund 1.000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Kündigungen gab es nicht, aber Frühverrentungen und mit hohen Abfindungen versüßte Aufhebungsverträge. Seit drei Jahren werden die Turbinengehäuse nicht mehr komplett vor Ort produziert, sondern Teile aus Ungarn zugeliefert.
Der Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall mussten oft hart um das Werk kämpfen. „2021 mussten wir den juristischen Weg bis zur Einigungsstelle gehen“, erinnert sich Augustat. Denn der Betriebsrat befürchtete mittelfristig das Aus der kompletten Fertigung in Berlin, wenn von hier zunehmend Wertschöpfung an Billigstandorte abfließt. Mit Hilfe externer Berater hatte die Arbeitnehmerseite ein Alternativkonzept erstellt, mit dem trotzdem erhebliche Kosteneinsparungen erzielt werden sollten – doch der neue Konzern ignorierte die Vorschläge zunächst beharrlich. Dabei waren die Betriebsräte für die Abspaltung von Siemens Energy und den Verkauf von Anteilen an der Börse. Denn man befürchtete, dass ansonsten nach und nach Sparten einzeln verkauft würden.
Das Sparprogramm war eine Folge des massiven Markteinbruchs infolge der Corona-Pandemie ab 2020. Doch die Vorzeichen haben sich längst gedreht. „Der Bedarf an zuverlässigen, regelbaren Kraftwerken als wichtiges Element in einem künftigen Energiesystem führt aktuell zu einem Auftragsboom und einer sehr guten Auslastung des Standortes“, sagt Konzernsprecherin Claudia Nehring dem MieterEcho. „Mindestens ein Drittel des Auftragsbestands von über 120 Milliarden Euro entfällt auf die Turbinensparte“, berichtet Betriebsrat Augustat. Nun werden wieder Überstunden im Werk geschoben. Beschäftigte sehen das als gutes Zeichen für ihre Arbeitsplätze.
Augustat erinnert auch an eine weitere Bedrohung des Werks, die schließlich der Senat abgewendet hatte: den fortschreitenden Verfall der Berliner Brücken. Über 500 Tonnen wiegen die schwersten Turbinen inzwischen – zu viel für viele der maroden Bauwerke, auf denen die Tragfähigkeit immer weiter abnimmt. Der landeseigene Hafenbetreiber baute schließlich 2012 eine Verladerampe am nahegelegenen Charlottenburger Verbindungskanal und entwickelte ein Spezialschiff für den Transport zum Westhafen, von wo aus die Aggregate in die ganze Welt verschifft werden.
Die Energiewende gibt dem Turbinengeschäft einen Schub. „Sie können innerhalb von Minuten hochgefahren werden und so schnell Schwankungen im Angebot erneuerbarer Energien ausgleichen“, sagt Augustat. Siemens Energy gibt an, dass die Turbinen schon jetzt bis zu 50% Wasserstoff mitverbrennen können. „Für höhere Anteile muss noch weitere Entwicklungsarbeit geleistet werden“, so der Betriebsratschef. Bis 2030 will Siemens Energy soweit sein, erläutert Sprecherin Claudia Nehring. „Der Ersatz von existierenden Kohlekraftwerken durch effiziente Gaskraftwerke und deren künftige Umstellung auf den Betrieb mit erneuerbarem Wasserstoff ist einer der größten Hebel zur Dekarbonisierung der Energieerzeugung“, so Nehring weiter.
Jede verkaufte Turbine zieht auch ein jahrzehntelanges Servicegeschäft nach sich. Ersatzteile werden benötigt, Reparaturen und etwa alle zehn Jahre große Revisionen oder Modernisierungen, um die Effizienz weiter zu erhöhen. Auch dieses Geschäft wird für alle Kontinente, mit Ausnahme von Süd- und Nordamerika, von Moabit aus erledigt. Auf dem Gelände befindet sich auch das Testcenter für Turbinen. „Unsere Ingenieure aus der ganzen Welt können sich zuschalten und auf die Werte der Komponenten zugreifen, für die sie zuständig sind“, berichtet Augustat.
Hohen Besuch gab es im vergangenen Jahr aus der Politik im Werk. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) kamen zur Eröffnung der „Gigawatt-Fertigung“. In einer 2.000 qm großen Bestandshalle wurde die Fertigung von Elektrolyseuren aufgenommen. Sie spalten mit Strom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff auf – bekannt aus der Knallgasreaktion im Chemieunterricht. Zusammen mit dem Gas-Spezialisten Air Liquide werden hier die Module gefertigt, die mit speziellen Membranen diesen Prozess sehr effizient machen sollen. Gestartet ist die Fabrik mit einem Gigawatt Elektrolyse-Kapazität, bis 2025 soll die Produktion auf drei Gigawatt steigen.
Zukunftshoffnung Grüner Wasserstoff
Grüner Wasserstoff, hergestellt aus erneuerbarem Strom, gilt als ein Hebel, um Prozesse wie die Stahlherstellung zu dekarbonisieren, für die ansonsten bisher keine kohlenstofffreien Alternativen absehbar sind. „Schon heute werden jährlich 95 Millionen Tonnen Wasserstoff genutzt, neue Anwendungsgebiete kommen dazu. Siemens Energy hat sich mit der Gigawatt-Fertigung dafür aufgestellt, Großprojekte in aller Welt zu realisieren“, sagt Sprecherin Claudia Nehring.
„Aktuell sehen wir eine Verzögerung im Markt, weil Fördergelder und Genehmigungen, aber auch die präzise Ausgestaltung von Rahmenbedingungen länger als geplant auf sich warten lassen“, räumt sie ein. Doch wenn die für eine so junge und so schnell wachsende Industrie unerlässlichen Förderungen schließlich zugeteilt werden, „dann können wir direkt mit der Umsetzung beginnen“. Das zeige der Auftrag des norddeutschen Energieversorgers EWE. Nicht einmal zwei Wochen nach der Förderbescheid-Übergabe durch das Bundeswirtschaftsministerium sei der Auftrag zur Lieferung einer 280-MW-Elektrolyseanlage an Siemens Energy erteilt worden.
Bei aller Freude über die derzeit guten Perspektiven des Werks vermisst ein langjähriger Beschäftigter manches an den alten Zeiten. „Heute gibt es mit der Huttenklause nur noch eine Kneipe am Werk. Früher waren es zehn“, sagt er. Früher kehrten Kollegen in die Kneipen zur Mittagspause oder zum Feierabendbier ein. „Unser Werk trägt zur Belebung des ganzen Viertels bei“, lobt dagegen Betriebsratschef Günter Augustat die Entwicklung. „Gerade die sehr bunte Restaurantlandschaft in der Huttenstraße kommt bei der sehr diversen Belegschaft am Sitz eines Weltkonzerns sehr gut an.“
„Die Kassandrarufe von der Deindustrialisierung Deutschlands und Europas führen vollends in die Irre“, sagte Kanzler Scholz zur Eröffnung der Gigawatt-Fabrik. Aber die Turbinenfabrik ist zumindest an der Huttenstraße eigentlich der letzte industrielle Mohikaner in einem einstigen Industriegebiet.
MieterEcho 445 / November 2024


