Der Berliner Fernsehturm – DAS gesamtstädtische Symbol – „dat is Berlin” . Steht man aber vor ihm und schaut hoch und dann wieder runter, sagen die einen: „Oh wie schön, diese Weite, dieser Blick, ach schade um den Palast der Republik .” Die anderen sagen: „Is dat Konzept oder kann dat weg?” Dieser Konflikt rund um den Fernsehturm scheint für die nächsten Jahre beruhigt. Am Molkenmarkt tobt er gerade weiter.
Dieses Buch war überfällig. Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er sich auf den Weg gemacht hat und die erste zusammenhängende Untersuchung nach zahlreichen Einzeluntersuchungen nun in einer Publikation vorstellt. Aber Matthias Grünzig leistet mehr als das Zusammensetzen eines Puzzles. Er schafft es, den einmaligen Wert dieses im Osten als „städtebauliche Spange“ bezeichneten Raumes zwischen den Begrenzungen durch die Bebauung entlang der Karl-Liebknecht-Straße und der Rathauspassage in seiner Einmaligkeit zu würdigen. Dazu hat er sich die Mühe gemacht, noch lebende Zeitzeugen der Planungs- und Bauprozesse zu befragen. Der Autor beginnt mit dem Zeitgeist der Moderne und dem Wettstreit zwischen Ost- und Westberlin. Er beschreibt das städtebauliche Konzept rund um den Fernsehturm als Ausdruck einer Idealstadt der Moderne und ihrer Nachkriegsgeschichte. Dabei lässt er uns teilhaben an der konfliktreichen Entwicklung neuer Ansätze und inhaltlicher Ambitionen. Das Ostberliner Stadtzentrum war nicht nur Ort für preiswerten Wohnraum und schloss damit direkt an die Karl-Marx-Allee an. Hier sollten auch die Väter einer neuen Gesellschaftsutopie mit dem Marx-Engels-Denkmal gewürdigt werden. Nun steht das Denkmal wieder auf seinem Platz. Grünzig geht im Weiteren auf die einzelnen städtebaulichen Elemente rund um den Fernsehturm ein, um dann zu den Stärken des Gesamtensembles zurückzukehren. In Zeiten von Klimawandel, Verdichtung und Aufwertung der Städte liefert uns der Autor in seinem Abschnitt zur Entwicklung nach 1990 einen wunderbaren – kurzen, aber sehr prägnanten – Überblick zum Wettlauf mit dem Kapital und deren ideologischem Manifest, dem Planwerk Innenstadt. Was als städtebauliche Debatte seinerzeit so daher kam, war nichts weiter als die Grundlage für eine weitere Verdichtung der Innenstadt, nachdem das Bauland am Rande Berlins erschöpft schien. Mit dem Leitbild eines restaurativen Stadtbildes der Bürgerstadt wurde gebaut und gemetert – der Osten war nicht nur im Zuge des Kalten Krieges scheinbar besiegt, sondern seine Werte ein für allemal niedergezwungen.
