Peter Marcuse ist am 4. März 2022 in seinem Haus in Santa Barbara im Beisein seiner Familie im Alter von 93 Jahren gestorben. Der 1928 in Berlin geborene Sohn einer Mathematikerin und eines Buchverkäufers kann auf ein erfülltes Leben zurückblicken und wir betrauern den Abschied von einer der bekanntesten und eindringlichsten Stimmen für eine soziale Stadt- und Wohnungspolitik.
Sein Vater Herbert studierte in den 1920er und 1930er Jahren in Berlin und Freiburg Germanistik und Philosophie und entwickelte sich nach der Emigration aus Nazi-Deutschland zu einem der wichtigsten Denker der Kritischen Theorie. Peter Marcuse wuchs in einer revolutionär geprägten Familie auf. Sein Vater beteiligte sich schon 1918 an den Arbeiter- und Soldatenräten und trat nach der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg aus der SPD aus, weil er der Überzeugung war, dass eine sozialistische Politik nur gegen die reaktionäre SPD durchgesetzt werden kann. Peter Marcuse übernahm in vielen Punkten die kompromisslose Einstellung seiner Eltern. Nach seinem erfolgreichen Jurastudium und Promotion an der Yale Law School im Jahr 1952 arbeitete er über 20 Jahre als Anwalt und setzte sich insbesondere für die Bürgerrechte der African Americans in den USA ein. So beteiligte er sich 1964 am „Summer of Freedom“ in Mississippi, einer Kampagne, um die Registrierung von schwarzen Wähler/innen durchzusetzen. In seinen Jahren als Stadtrat (1959 bis 1963) und Mitglied der Stadtplanungskommission (1964 bis 1968) in Waterbury in Connecticut erkannte er die Bedeutung von Lokalpolitik und Stadtentwicklung für die gesellschaftlichen Ungleichheiten. 1963 erwarb er an der Colombia University in New York einen zusätzlichen Masterabschluss im Studienfach Public Law and Government („Öffentliches Recht und Regierung“) und 1968 schloss er auch noch ein Studium der Urban Studies in Yale ab. 1968, nach den Protesten der Studierenden in Berkeley, zog es Peter Marcuse und seine Familie nach Berkeley, wo er 1972 im Bereich der Stadtplanung ein zweites Mal promovierte. Was klingt wie eine Musterkarriere des Typus lebenslanges Lernen war in der Praxis immer auch eine Zeit des sozialen Engagements und der politischen Einmischung. Sowohl als Mitglied und Präsident der städtischen Planungskommission in Los Angeles (1972 bis 1975) als auch als Vorsitzender eines Gemeinderats in Manhattan sowie als Mitglied des Vorstands der American Civil Liberties Union in New York ab 1975 versuchte Marcuse das akademische Wissen und seine sozialistischen Überzeugungen aktiv in die Praxis der Lokalpolitik zu übersetzen.
