MieterEcho 308/Februar 2005: Bethanien in Kreuzberg

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MieterEcho 308/Februar 2005

 BERLIN

Bunte Utopien und die graue Wirklichkeit

Das Bethanien in Berlin - Kreuzbergs Turm zu Babel

Claudia Kessel

"Wieder einmal genossen Ali, Fatma und andere Schüler/innen aus Kreuzberger Grundschulen klassische Musik und trafen Künstler aus New York, Moskau und Paris bei einer Veranstaltung im Künstlerhaus Bethanien." So könnte eine Überschrift im Lokalteil des Tagesspiegels lauten, wenn es denn so wäre. Stattdessen hören und lesen wir zur Zeit viel über die "deutsche Leitkultur" (oder eher "Leidkultur"), das Scheitern der Multikulti-Gesellschaft sowie über "Kultur" und "Integration" - zwei Begriffe, die in einem engen, inhaltlichen Zusammenhang stehen. Will man sich ihnen nähern, gibt es viele Möglichkeiten: Hochkultur, Bildungskultur, Sozialkultur, Multikultur, Kiezkultur Aber zum Begriff Integration lässt sich nur fragen: Wer muss, soll oder darf sich worin integrieren?

Dieser Artikel beschäftigt sich leider nicht mit Beispielen für eine gelungene Verbindung von Kultur und Integration, sondern mit einer Kommunalpolitik, bei der die oben genannten Begriffe zwar eine große Rolle spielen sollten, es aber nicht tun: Es geht um den Verkauf des Bethanien-Hauptgebäudes im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Die zurzeit laufenden Verkaufsverhandlungen sollten nicht vor dem Sommer abgeschlossen sein und im Gespräch sind die M+R Arend GmbH aus Bad Homburg und auch "Kulturschaffende" aus Bremen. Ob auch ihnen zugesichert wird, ihre Unkosten für die Sanierung des Gebäudes vom Kaufpreis abziehen zu können, wie dies laut Bezirksbürgermeisterin Frau Cornelia Reinauer (PDS) bei früheren Favoriten geschah, bleibt im Dunkeln.

Vom Krankenhaus zum Künstlerhaus ...

Das Bethanien wurde 1843 von König Friedrich-Wilhelm IV gestiftet und als Diakonissenkrankenhaus in den Jahren 1845-47 errichtet. Der damalige Träger war ein "Freier Orden", eine "Vereinigung von Männern und Frauen ohne Ansehen des Standes und Bekenntnisses". Als Krankenhaus mit angeschlossenem Kinderheim und Kindergärten diente das Bethanien von Anbeginn sozialen Zwecken. 1933 widersetzte sich die damalige Leitung der Forderung der Nationalsozialisten, die Führungsstellen mit Nazis zu besetzen. Auf Veranlassung der Gestapo wurde das Haus 1941 beschlagnahmt. Ende der 1960er Jahre gelangte das Bethanien in die Medien, als es durch die Berliner Hausbesetzerszene und durch die Proteste engagierter Künstler, des "Bundes deutscher Architekten" und vor allem zahlreicher Eltern-Kind-Initiativen sowie unmittelbarer Anwohner vor dem Abriss gerettet wurde und entgegen den Plänen der damaligen Stadtplaner erhalten blieb. Das klingt noch heute in dem Ton-Steine-Scherben Song von 1968 nach: "Der Mariannenplatz war blau, soviel Bullen waren da."

Nachdem die grotesken Abrisspläne vom Tisch waren, wurde das Bethanien 1969 unter Denkmalschutz gestellt und 1970 für 10,5 Mio. DM von der Kirche an das Land Berlin verkauft. Damit wurde Berlin stolzer - jedenfalls sollte man doch darauf stolz sein - Eigentümer eines 58 ha großen Grundstücks mit sechs historisch wertvollen Gebäuden. Eines der Nebengebäude heißt noch heute "Georg-von-Rauch-Haus" und erinnert damit an die Zeit der Besetzung.

... und zur sozio-kulturellen Institution

In das ehemalige "Feierabendhaus" der Diakonissen konnten 1972 drei vom Senat für Familie, Jugend und Sport geförderte "Sonderprojekte zur Betreuung von Kindern aus sozial schwachen Familien" einziehen, nämlich "Florian", "Pipin" und "Kreuzberg Nord", die bis auf "Pipin" auch heute noch als Kitas und Horteinrichtungen existieren. Frau Hilda Heinemann, die Ehefrau des damaligen Bundespräsidenten, besuchte die Einrichtungen und setzte sich massiv dafür ein, dass diese Gebäude für eine Kinder- und Elternarbeit erhalten blieben, als es 1973 Pläne gab, dort Berliner Behörden unterzubringen. "Ämter kann man überall unterbringen, hier aber muss Raum geschaffen werden für die Kinder", äußerte sich Frau Heinemann (Tagesspiegel vom 07.04.1973). Gilt das heute nicht mehr?

Wie schön wäre es, wenn die älteste Integrationskita Berlins, bis Sommer noch ansässig in dem ehemaligen Seminargebäude in der Adalbertstraße 23b, sowie das ebenfalls dort noch ansässige Kinderheim, wie auch die Kita der "Kindergruppe Kreuzberg Nord", die Sportjugend und die Holzwerkstätten des Pestalozzi-Fröbel-Hauses, allesamt im Hauptgebäude beheimatet, sich in ihren Auseinandersetzungen mit der Jugendstadträtin Frau Klebba der Unterstützung einer Hilda Heinemann erfreuen könnten. Denn sie alle wurden von Frau Klebba mit Nachdruck aufgefordert, sich im Zusammenhang mit dem Beschluss über den Umzug der Verwaltung des Jugendamts Friedrichshain-Kreuzberg aus der Frankfurter Allee 35-37 in die Adalbertstraße 23b wie auch durch den Verkauf des Hauptgebäudes, um neue Räume zu bemühen. Denn fest steht: Sie alle müssen raus. Ihre alte Heimat soll dem Käufer des Hauptgebäudes nämlich als "Freifläche" verkauft werden. Und gerade im nördlichen Kreuzberg, einem der so genannten "sozialen Brennpunkte", sind solche kompetent arbeitenden Einrichtungen nötig und wird eine großzügige Finanzierung für den Ausbau einer interkulturellen, generationsübergreifenden, wohnortnahen Bildungs- und Kulturarbeit gebraucht.

Frühere Pläne...

Die bekannteste Einrichtung des Bethanien-Komplexes ist das "Künstlerhaus Bethanien". "Kunst für ein besseres Leben, das Globale mit dem Lokalen verbinden, aus dem innovativen Potenzial einer multikulturellen Gesellschaft zu schöpfen", gehörte 1974 zur Gründungsphilosophie des Künstlerhauses. Es ist im Ausland bekannter als in Berlin, weil seine Träger, die Akademie der Künste und der Deutsche Akademische Austauschdienst, jährlich 20 Stipendiat/innen aus dem In- und Ausland die Möglichkeit bieten, für ein Jahr im Bethanien ein Atelier zu beziehen um dort zu arbeiten. Für Berliner Künstler/innen ist das Programm 1995 eingestellt worden. "Kultur war für die Gründer (des Künstlerhauses, d.A.) im engeren Sinne ein sozialpolitisches Instrument multiethnischen Austauschs und Zusammenlebens, wozu man einen sozialen Treffpunkt benötigte - das Künstlerhaus. Aus diesem Grunde beherbergt(e) das Bethanien seit dieser Zeit eine Reihe nachbarschaftlicher Einrichtungen: eine Mittagsküche, eine Druckwerkstatt, eine türkische Bücherei und eine Musikschule." (Zitty 9/2000) Multiethnischer Austausch findet kaum noch statt, die Mittagsküche, die Namik-Kemal-Bücherei mit deutscher und türkischer Literatur und das Seniorenzentrum gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Die künstlerischen Institutionen schert es dabei anscheinend wenig, wie es ihren unmittelbaren Nachbarn geht, und halten still.

... und ihre Umsetzung

In den Jahren 1997 bis 2001 gab es Diskussionen um eine Nutzung des Bethanien-Hauptgebäudes. 1997 fragte Heike Sanders, Leiterin des internationalen Stipendienprogramms, ob nicht "kulturferne Einrichtungen wie das Seniorenzentrum anderweitig untergebracht werden könnten?" (Tagesspiegel, 23.06.1997). 1998 rief der damalige Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Bündnis 90/Die Grünen), eine Arbeitsgruppe ein, um ein "soziokulturelles Zentrum in neuer Form" (Tagesspiegel, 19.04.1998) unter Beteiligung der damals noch 32 im Bethanien beheimateten Institutionen aufzubauen. 1999 sollte nach seinen Vorstellungen das Rathaus für den neuen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hier seinen Platz finden. Die Entscheidung fiel jedoch zu Gunsten des gut doppelt so teuren Mietobjekts in der Frankfurter Allee 35-37. Der Stadtrat für Wirtschaft, Soziales und Bürgerdienste Lorenz Postler (SPD) schlug 2001 vor, in den Räumen der ehemaligen Namik-Kemal Bibliothek ein Bürgeramt unterzubringen. Dagegen wandten sich vehement der spätere Leiter des Künstlerhauses, Christoph Tannert und Krista Tebbe, die damalige Leiterin des Kulturamts. Es ging zu wie beim Turmbau zu Babel, über die Begriffe Kultur und Integration und ihre Bedeutungen konnten sich die ansässigen Institutionen untereinander und das Bezirksamt offenbar nie verständigen und so wurde es im Hauptgebäude des Bethanien immer trostloser.

Positive Ansätze ...

Während man sich so bezüglich des Hauptgebäudes zermürbte, entwickelte das im unmittelbaren Nebengebäude ansässige Projekt "Arbeit und Leben" des Pestalozzi-Fröbel-Hauses unter Leitung von Karl Antony eine vorbildliche Arbeit. Bei der Einrichtung handelt es sich um eine werkpädagogisch orientierte Schule, die von Schüler/innen, die an anderen Schulen Schwierigkeiten hatten, besucht wird. Seitens des Projekts hat man gerade im letzten Jahr in Kooperation mit den angrenzenden Grundschulen Nürtingen und E.-O.-Plauen sowie Anwohner/innen zwei Initiativen gestartet, wobei sich die eine um eine aktive Parkgestaltung auf dem Gelände des Bethaniens kümmert und die andere um Geschichtsforschung rund um das Bethanien.

...und eine bunte Utopie

Wie schön wäre es, auch im Sommer 2005 in einer der Berliner Tageszeitungen lesen zu können: "Chance für Kreuzberg: Im Zusammenspiel vieler Kräfte ist heute für das ehemalige Bethanien-Krankenhaus eine kultur- und gesellschaftspolitische Konzeption entwickelt worden, in die mehr als Kreuzberg einbezogen ist und die eine Ausstrahlung weit über den Bezirk hinaus hat." So begann ein Artikel vom 08.01.1972 in der "Berliner Stimme". In dem mit neuem Leben gefüllten Bethanien-Hauptgebäude könnte ein Freitagnachmittag im Sommer 2005 folgendermaßen verlaufen: Auf dem Vorplatz des Hauptgebäudes herrscht ein buntes Treiben, viele Eltern und Kinder strömen zum Eingang hin. Auch das Eltern-Kind-Café mit dem angeschlossenen Indoor-Spielplatz platzt aus allen Nähten, es herrscht eine festliche Stimmung. Der Anlass ist eine Veranstaltung, die eine Grundschulklasse der Nürtingen-Schule gemeinsam mit ihrer Partnerklasse aus dem Istanbuler Stadtteil Kadikoy, die gerade für eine Woche in Berlin zu Besuch ist, organisiert hat. In der wiedereröffneten Namik-Kemal-Bibliothek im Hauptgebäude findet ab 16 Uhr eine Lesung mit türkischen und deutschen Kinderbuchautor/innen statt. Anschließend wird eine arabische Seniorin, die zu den aktiven Mitgestalter/innen des ebenfalls wieder eröffneten Seniorencafés im Hauptgebäude zählt, Märchen aus ihrem Dorf in Jordanien erzählen. Die Wände der Cafeteria schmücken Bilder, die zwei Malerinnen aus New York und Moskau, die für ein Jahr ein Atelier im Hauptgebäude bezogen haben, ausstellen. Die Künstlerinnen bieten einen Workshop für die Kinder im Garten des Bethanien, der sonst als Freilichtkino genutzt wird, an. Höhepunkt des Abends wird der Auftritt von "Rolf Zuckowski und seinem Kinderchor" und der Gruppe "Athena" sein.

Warum ist eine solche Utopie eigentlich so "utopisch" für die bundesdeutsche Hauptstadt, die den Anspruch vor sich herträgt, weltoffen und vorurteilsfrei zu sein und allen ihren Einwohner/innen, unabhängig ihrer Herkunft, gleiche Chancen für die Teilnahme an Bildung und Kultur zu bieten?

AG "Zukunft Bethanien"

Die Autorin Claudia Kessel ist Mitglied der AG "Zukunft Bethanien". Die AG plant, den Verkaufsplänen ein gemeinsames Nutzungskonzept, den Erhalt als öffentlichen Raum und evtl. auch alternative Finanzierungsmöglichkeiten entgegenzusetzen. Jeden 2. und 4. Donnerstag im Monat um 19 Uhr trifft sich die AG "Zukunft Bethanien" in den Räumen des KKN e.V. (Kindergruppe Kreuzberg-Nord), Mariannenplatz 1-2, 10999 Berlin.

Infos im Internet

www.bethanien.de
www.kunstraumkreuzberg.de

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