MieterEcho
Nr. 288 - November/ Dezember 2001

'Nie wieder Genossenschaft'?

 

Über den Rücklauf unserer kleinen Umfrage haben wir uns sehr gefreut, und wir bedanken uns bei allen, die daran teilgenommen haben. Repräsentativ kann die Umfrage schon deshalb nicht sein, weil nur ein kleiner Teil der Genossen Mitglied in einer Mieterorganisation ist, von diesem kleinen Teil ein noch kleinerer Teil Mitglied in der Berliner MieterGemeinschaft ist und davon nun wiederum nur ein Teil - also das kleinste Püppchen aus der Babuschka - geantwortet hat. Dennoch hat es sich gelohnt, schon weil es Hinweise auf demnächst genauer zu untersuchende Problemfelder gab.

Das System unserer Fragen wurde nur in einem Fall beanstandet. Wir haben aber gemerkt und sind u.a. durch Fragezeichen statt Antworten darauf hingewiesen worden, dass manche Fragen nicht sehr eindeutig sind. Z.B. kann man "Kennen Sie Mitglieder des Vorstands oder des Aufsichtsrats?" verschieden, nämlich im Sinne von ‚persönlich' oder ‚nur dem Namen nach' interpretieren. Im ersten Fall ist das "Kennen" Ausdruck von genossenschaftlicher Vertrautheit, im anderen Fall sagt es eigentlich wenig.

Statistik
So sind denn die Fragen des ersten Komplexes:
"Nehmen Sie an den Mitgliederversammlungen und VertreterInnenwahlen teil?" zu 53% mit ‚ja',
"Kennen Sie Ihre VertreterInnen in dem Gremium?" zu 52% mit ‚ja' und
"Kennen Sie Mitglieder des Vorstands oder Aufsichtsrats?" zu 48% mit ‚ja' beantwortet worden.
Die letzteren sind jedoch unter dem oben genannten Vorbehalt zu bewerten.
Jeweils deutlich über 90% meinen, keinen Einfluss weder auf die Geschäftspolitik noch auf die Mietentwicklung der Genossenschaften zu haben. Über Investitions- und Bauvorhaben hingegen fühlen sich mehr als die Hälfte der Genossen, die geantwortet haben, informiert.
Auch wenn 50% der Antwortenden der Meinung sind, weniger Miete als für eine Wohnung des freien Marktes zu zahlen und nur 33% dies nicht glauben, empfinden nur 45% ihre Miete als ‚sozial orientiert'. 38% sehen das nicht so. Jeweils 17% kreuzten ‚weiß nicht' an.
Sicherer als in einer Wohnung des freien Marktes fühlen sich immerhin 60%, keine gesteigerte Sicherheit empfinden 25% und 15% konnten sich nicht entscheiden.
Auch die Einstellung bezüglich des Schutzes vor Verdrängung der Bewohnerschaft im Stadtteil ist positiv. 52% antworteten mit ‚ja', 25% mit ‚nein'.
Die Frage "Glauben Sie, dass der Genossenschaftsgedanke heute noch eine Relevanz hat?" ist nicht sehr präzise, denn jeder kann darunter etwas anderes verstehen oder auch gar nichts. Um so erstaunlicher ist die hohe Zustimmung zu der Bedeutung des Genossenschaftsgedanken. 78% halten ihn für noch immer oder für wieder relevant, nur 17% halten ihn für unwichtig und 5% sind sich nicht sicher.
Der Genossenschaftsgedanke enthält drei Prinzipien: Das Demokratieprinzip sichert jedem Genossen unabhängig von der Höhe der Einlage und der Anzahl seiner Anteile eine Stimme. Das Identitätsprinzip ist der Ausdruck dafür, dass die Genossen zugleich Eigentümer und Mieter sind. Das Förderprinzip schließlich verpflichtet die Genossenschaft zur Förderung der Interessen ihrer Mitglieder. Diese Interessen können auch wirtschaftlicher Art sein und dies desto mehr, je stärker kulturelle, politische Interessen usw. in den Hintergrund treten oder gänzlich aus dem genossenschaftlichen Leben verschwinden. So verstanden, bürstet unsere letzte Frage, "Wären Sie bereit für genossenschaftliches Wohnen eine Miete über der ortsüblichen Vergleichsmiete zu zahlen?" den Genossenschaftsgedanken gewissermaßen gegen den Strich.
Eine Antwort drückt das deutlich aus: "Da ich weniger Miete durch die Genossenschaften positiv finde, geht die Frage, ob genossenschaftliches Wohnen eine Miete über der ortsüblichen Vergleichsmiete rechtfertigt, gegen einen der wichtigsten (genossenschaftlichen, d.A.) Gedanken an."
Kein Wunder, dass 80% die Bereitschaft zu höherer Miete nicht zeigen. 12% allerdings vertrauen dem Genossenschaftsgedanken so stark, dass sie es sich auch etwas kosten lassen würden.
Meinungen
Sehr viele Antworten enthielten Kommentare. Die sind besonders deswegen interessant, weil sie einen intimeren Einblick in das Verhältnis der Genossen zu den Genossenschaften gestatten. Eindeutig positiv äußerten sich 25%, neutral 5% und 70% brachten kritische bis ablehnende Meinungen zum Ausdruck. Im Folgenden werden wir einen exemplarischen Ausschnitt vorstellen:
Die Liste der das Wohnen betreffenden Beanstandungen führen Mängelbeseitigung, Instandhaltung Betriebskostenabrechnungen und Miethöhe an.

Über die Wohnungsbaugenossenschaft Neukölln e.G. wird mitgeteilt: "Ich habe nicht den Eindruck als Mieterin mit Bedürfnissen (Reparaturen...) ernst genommen zu werden. Eher als jemand, der/die Verdruss bereitet, wenn Mängel angezeigt werden."
Schlimmer scheint es in der Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität e.G. bestellt zu sein: "Die Wohnungsgenossenschaft stellt sich bei sämtlichen Anliegen extrem stur... Ohne Mietminderung läuft nichts. Briefe werden nicht beantwortet. Rekonstruktionsmängel werden nicht beseitigt. Nur bei Folgeschäden, dann aber nicht fachlich exakt und vor allem billig. Mieter werden unhygienischer Lebensweise bezichtigt (z.B. Lüftung). Unterstellungen beginnen das Mängelgespräch. Nur allgemein bekannte Mängel werden anerkannt."
Über die Miete in der Wohnungsbaugenossenschaft Nord-Ost 77 e.G. würden wir gerne mehr wissen, denn ein Genosse schreibt: "Die Miete einschließlich der Modernisierungszulage liegt bereits über dem Mietspiegel. Wenn es um die Einnahmen für den Vermieter geht, ist der Genossenschaftsgedanke groß, andersrum eher klein." Sollten die zu diesem Kommentar gehörenden Angaben über die Miethöhe für sämtliche Wohnungen zutreffen, dann könnte man nicht nur sagen, dass die Mieten in dieser Genossenschaft über dem Mietspiegel, sondern tatsächlich bereits jenseits von Gut und Böse lägen. Vielleicht bekommen wir noch weitere Auskünfte von Genossen dieser Genossenschaft. Nur zu!
Über das Genossenschaftsleben und die Demokratie ist wenig Gutes zu hören. Aus der Wohnungsbaugenossenschaft Deutsch-Polnische-Freundschaft e.G. erreicht uns die Information: "Nach meiner Beobachtung haben die Vertreter nur eine Alibifunktion. Die leitenden Organe der Genossenschaft haben durch ihr oft rüdes Verhalten gegenüber den Mietern viel dazu beigetragen, dass das gute genossenschaftliche Miteinander immer mehr verloren geht. Durch eigene Entscheidung über die Köpfe der Mieter hinweg schwindet der Eindruck des besseren Wohnens in der Genossenschaft." Diese Feststellung hätte sicherlich aus vielen Genossenschaften kommen können. Über die Charlottenburger Baugenossenschaft e.G. trifft sie wörtlich zu, wie uns unsere eigene Anschauung lehrt. Den gleichen Eindruck erwecken auch die Anmerkungen aus der Wohnungsgenossenschaft Berlin Süd e.G.: "Mit ca. 3000 Mitgliedern ist die Genossenschaft sehr groß. Trotzdem nehmen nur ca. 130 Mitglieder an der Mitgliederversammlung teil. Ich habe den Eindruck, dass Vorstand und Aufsichtsrat von einem Klüngel beherrscht werden."

Die Extreme
Auf große Schwierigkeiten lassen die Auskünfte über neu gegründete Genossenschaften schließen. Leider scheinen auch die Verhältnisse in der Mietergenossenschaft Wöhlertgarten e.G. noch weit vom genossenschaftlichen Idealzustand entfernt, wenn es stimmt, was geschrieben wurde: "Als schlimm empfinde ich hier das völlig undemokratische Verhalten einiger Vorstands-/ Aufsichtsratsmitglieder (z.T. mit ‚diktatorischen Allüren'). Ich erwäge deshalb den Austritt aus der Genossenschaft."
Dass die Selbstbau e.G. noch längst nicht zu sich selbst gefunden hat, ist kein Geheimnis. Daher verwundert auch nicht die folgende Bewertung: "So schrecklich und mit soviel Stress habe ich noch nirgendwo gewohnt. Mängel werden nicht beseitigt. Räumungsklagen werden gern und häufig gegen Genossinnen und Genossen geführt - zahlen müssen schließlich alle und nicht nur der Vorstand. Alle Baumaßnahmen dauern mindestens zehn mal so lange wie in normalen Häuser. Seit Monaten ist der Hof aufgegraben und nichts passiert. Haben Sie vielleicht eine Wohnung für mich?"
Eine Wohnung haben wir leider nicht, aber dafür viel Mitgefühl und deshalb bieten wir an, im nächsten MieterEcho mehr über die Selbstbau e.G. und besonders die Verhältnisse in der Schliemannstraße zu berichten. Denn so klein die Genossenschaft auch ist, dies war nicht die einzige Horrornachricht, die uns - außerhalb der Umfrage - über sie erreichte.
Die Berliner Bau- und Wohnungsbaugenossenschaft 1892 e.G. gibt Anlass für folgende Bemerkung: "Nie wieder Genossenschaft! Schlechte Bausubstanz, ohnmächtig gegenüber Entscheidungen, mieses Umfeld, man kann Miete bei Mängeln nicht mindern, denn es wird von der Einlage abgezogen etc. etc." Hinzuzufügen wäre, dass die ‚1892' der ‚Charlotte' in der Einführung der Wohnwertmiete nacheifert, nur nennt man sie hier "Wohlfühlmiete". Dafür - um das Wohlgefühl noch zu steigern - erwartet man hier den freiwilligen Verzicht auf Rechte, die alle Mieter in der Stadt haben, z.B. das Mietminderungsrecht. "Hierbei", so der Vorstandsvorsitzende Hans-Jürgen Herrmann, "spielt auch der genossenschaftliche Gedanke eine wichtige Rolle." Eine seltsame Interpretation. Aber vielleicht liest er ja das MieterEcho, dann kann er diesbezügliche Kenntnislücken schließen.
Wir wollen uns von der ‚1892' abwenden und unsere Betrachtung positiv ausklingen lassen. Über den Beamtenwohnungsverein Berlin e.G. wird gesagt: "Genossenschaftliches Leben findet kaum statt, es gibt ein Gefälle zwischen den "Alten" und Neuhinzugezogenen. Ich kenne kaum Leute aus unserem Haus, insgesamt hat dieser Wohnkomplex über 200 Wohneinheiten. Es gibt in diesem Jahr ein Hoffest, aber damit hat die Gemeinsamkeit auch schon ein Ende. Es gibt einmal pro Woche eine Sprechstunde und es gibt einen Gruppenraum, der gegen eine geringe Miete zur Verfügung steht. Trotzdem besser als ein Privatvermieter!" Der Meinung schließen wir uns an und kommen zu der Schlussfolgerung, dass diese anscheinend auch besser ist als die meisten anderen Genossenschaften. Deshalb wollen wir noch eine zweite Meinung aus dieser Genossenschaft zitieren: "Vorteil: 1. Es gibt keinen Eigentümer, der willkürlich mit den ‚umgehen' kann. 2. Notwendige Reparaturen werden sofort ausgeführt. 3. Sanierungsarbeiten werden nur auf Grund eines Mehrheitsentscheides durchgeführt. 4. Umwandlung in Eigentum findet nicht statt."
Der Erbbauverein Moabit e.G., der übrigens eine sehr engagierte und kluge VertreterInnenschaft hat, wird bei vereinzelten Gegenmeinungen ähnlich positiv beurteilt: "Ich fühle mich beim Erbbauverein Moabit e.G. sehr gut aufgehoben. Reparaturen und Verbesserungsstrategien werden weit im Voraus bekannt gegeben. Die Heizkostenabrechnung erfolgt allerdings erst ‚auf den letzten Drücker'". Eine weitere Stimme: "Mängel werden relativ zügig beseitigt. (...) Die Ausstattung der Wohnungen ist einfach, es sei denn der Mieter oder die Vormieter investieren in die Wohnung, z.B. Bad fliesen, Dielen abziehen, o.ä."
Der Wohnungsbauverein Neukölln e.G. kommt in der Umfrage gut weg: "Die Fragen zu meinem Einfluss auf Geschäftspolitik und Mietentwicklung kann ich nicht beurteilen, weil ich noch an keiner Versammlung teilgenommen habe. Ich habe noch nie ruhiger und sorgenfreier gewohnt als hier. Die Abrechnungen der Betriebs- und Heizkosten sind pünktlich und korrekt. Reparaturen werden so schnell wie möglich erledigt."
Ohne Gegenstimme wird über die Wohnungsbaugenossenschaft IDEAL e.G. festgestellt: "Die alten Werte der Wohnungsbaugenossenschaften sind in unserer noch spürbar. Das empfinde ich durchaus positiv."
Wenn es doch nur überall so wäre. Wir wollen unsere kleine Umfrage eigentlich noch gar nicht beenden. Wer schreiben oder uns den ausgefüllten Fragebogen schicken möchte, soll das unbedingt tun. Noch hat man die Chance das Gesamtbild zu verändern. Deswegen fordern wir ganz traditionell und kämpferisch auf: "Genossen, schreibt massenhaft!"
Der Fragebogen kann bestellt werden
bei der:
Berliner MieterGemeinschaft e.V.
MieterEcho/Umfrage
Möckernstr. 92, 10963 Berlin
Telefon: 030 - 215 90 62
E-mail: bmg-ag@ipn.de
AG Umwandlung

 

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