MieterEcho
Nr. 285 - Mai/ Juni 2001

'Wir sind unkaufbar' - Köpenicker Straße 137

 

Hermann Werle

Schon von weitem ist das Haus gut zu erkennen - in riesigen Lettern prangen am östlichen Seitenflügel die Worte: "Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten". Vor gut elf Jahren wurde die Köpenicker Straße 137 im Berliner Bezirk Mitte, kurz KØPI genannt, von Leuten aus beiden Teilen der Stadt besetzt. "Wir lassen uns unser Bewusstsein nicht von Konsumversprechen, Nationalitätärätä oder staatlicher Bevormundung vernebeln. Wir können eigenständig denken, leben und handeln. Wir wollen die ‚Köpi 137' nicht westlichen Grundstücks-Spekulanten überlassen, sondern das Haus erhalten und darin unsere eigenen Lebensformen entwickeln (...)", hieß es in der ersten Verlautbarung der BesetzerInnen im März 1990. Was ist nach elf Jahren aus den vollmundigen Ankündigungen und Hoffnungen geworden?

Schandfleck, Kulturzentrum und Wohnprojekt

Für die Friseurin aus der Nachbarschaft ist das Haus "ein Schandfleck". "Früher wurde da Fasching gefeiert (...), es gab eine Kegelbahn, da haben sich die Kinder fünf Mark verdient fürs Aufstellen von Kegeln" erinnert sich eine andere Anwohnerin. Früher, das bedeutet die Zeit vor 1990, als auch in der Köpenicker Straße 137 die noch existente DDR ihren letzten Tagen entgegenging. Das sich in schlechtem Zustand befindliche Haus stand unter der Verwaltung der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV) und es gab bereits Pläne, das Haus abzureißen, nachdem die letzten MieterInnen ausgezogen wären. Die Besetzung durchkreuzte die Abrisspläne, aber weder die KWV noch die Volkspolizei entwickelten großes Engagement, eine Räumung des Hauses durchzusetzen. So konnten von den BewohnerInnen verschiedene Projekte und Aktivitäten entwickelt werden, die bis heute bestand haben oder noch weiter ausgebaut wurden. So ist die KØPI ein beliebter Treffpunkt für Menschen aus aller Welt, ein politisches Kulturzentrum mit Sporträumen, Volxküche, kostenlosem Kino, Kneipe, Veranstaltungsräumen und gleichzeitig Wohnprojekt für etwa 40 Leute.

Verhandlungen

Nach der überaus gewaltsamen Räumung von 12 besetzten Häusern in der Mainzer Straße am 14. November 1990 wurde im Bezirk Mitte ein runder Tisch gebildet, der für die noch besetzten Häuser nach friedlichen Lösungen suchte. Im Sommer 1991 wurde zwischen den NutzerInnen sowie BewohnerInnen und der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) ein Vorvertrag für alle genutzten Räume in der Köpenicker Str. 137 ausgehandelt. (Die Ost-Berliner KWV war am 2. Juli 1990 in städtische Wohnungsbaugesellschaften wie die WBM, WIP usw. umgewandelt worden.) Im Auftrag der WBM übernahm die Gesellschaft für Stadtentwicklung (GSE) im Jahr 1993 die Verwaltung des Hauses, und mit der GSE schlossen die BewohnerInnen der KØPI schließlich Einzelmietverträge ab.
Anstehende Instandsetzungsarbeiten wurden und werden von den BewohnerInnen und Sympathisanten durchgeführt. Wieviel Arbeit, Geld und Zeit dabei bislang investiert wurden, kann niemand mehr beziffern. Geld von der Verwaltung, den Eigentümern oder vom Staat hat die KØPI nie erhalten, wie die BewohnerInnen betonen. Das Haus ist selbstverwaltet und wird durch Selbsthilfe erhalten. In wöchentlichen Plenen wird über interne Konflikte sowie über technische und organisatorische Aspekte diskutiert. Es gibt allerdings auch seit jeher von außen aufgezwungenen Diskussionsstoff bzw. Handlungsbedarf.

Neuer Eigentümer, neue Pläne

Durch ein Rückübertragungsverfahren bekommt die KØPI 1995 in der Person Volquard Petersen und seiner Hausverwaltung Petersen und Partner KG einen neuen Eigentümer samt neuer Verwaltung. Petersen hat große Dinge auf dem Gelände der Köpenicker Straße 137/138 vor. Auf seiner seit 1999 verwaisten Internetseite preist er das Gelände als "Filetbaugrundstück" an. Mit einem protzigen Bürogebäude inklusive Eigentumswohnungen und Tiefgarage möchte er einen Beitrag zum geplanten neuen Dienstleistungsstandort an der Spree leisten.
Zu beiden Seiten der Spree soll nach der aktuellen Vorstellung von acht Investoren ein neues Stadtquartier entstehen. Das "Media Spree" genannte Projekt soll sich über ein Terrain von 120 Hektar zwischen Oberbaum- und Michaelbrücke erstrecken. Das ganze Vorhaben wirkt so großkotzig, dass sogar der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz laut der Berliner Zeitung vom 5. April 2001 meint: "Jedes Gebäude versucht, das andere zu übertrumpfen." Es fehle "ein Ordnungsmuster", und das ganz abgesehen von dem bereits heute bestehenden hohen Leerstand bei Büroflächen in Berlin.
Zumindest die hochgesteckten Ziele des Herrn Petersen sind vorerst vom Tisch. Eine Räumungsklage, die seine Verwaltung im Dezember 1996 für die Köpenicker Str. 137 erwirken wollte, wurde ebenso abgewiesen, wie kurz zuvor die fristlose Kündigung der MieterInnen des Hauses jeglicher rechtlichen Grundlagen entbehrte. MieterInnenrechte haben durchaus auch in einem ehemals besetzten Haus Rechtsgültigkeit und große Bedeutung gegen Vermieterwillkür. Auch nach diesen ersten Versuchen der Entmietung waren die BewohnerInnen der KØPI gezwungen und in der Lage einen breiten Widerstand zu organisieren.

Versteigerungsversuche und Widerstand

Schnelles Geld war mit der KØPI nicht zu machen - ganz im Gegenteil. Petersen hatte sich kräftig verspekuliert und die Gläubiger - vor allem die Commerzbank - saßen ihm im Nacken. Die KØPI wurde gepfändet und das Amtsgericht setzte den Rechtsanwalt Anton Meichsner als Zwangsverwalter ein und gab ein Verkehrswertgutachten in Auftrag. Der Verkehrswert wurde auf 5,4 Mio. DM festgelegt und der Abriss als "wirtschaftlich vertretbar" eingestuft. Die Commerzbank beantragte mehrmals beim Amtsgericht Mitte die Zwangsversteigerung und das Amt versuchte seither viermal das Gebäude zu versteigern, um damit die Schulden Petersens von über 5 Mio. DM einzutreiben. Der letzte Versuch scheiterte nun am 14. Mai. Die Zwangsverwaltung ist Anton Meichsner inzwischen wegen nicht ordnungsgemäßen Vollzug entzogen worden und wieder an Petersen gegangen. Die BewohnerInnen des Hauses haben seitdem nichts mehr von ihm gehört, so wie sie auch nur zufällig von den Versteigerungsterminen erfahren hatten.
Nicht zuletzt den zahlreichen Protesten der MieterInnen und SympathisantInnen ist es geschuldet, dass das Haus als Mietshaus erhalten werden konnte. Es gab mehrere Demonstrationen mit bis zu 2000 TeilnehmerInnen, Kundgebungen, Aktionen in Filialen der Commerzbank und Solidaritätskonzerte, so dass die letzten beiden Versteigerungstermine bereits im Vorfeld abgesagt wurden. Offizieller Grund: Keine InteressentInnen. Es bleibt also vorerst so, wie es Petersen erfahren musste: "Die KØPI bleibt Risikokapital!"

 

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