MieterEcho
Nr. 285 - Mai/ Juni 2001

Straßenkinder in Berlin

 

Christian Linde/Hermann Werle

"So hab' ich mir das Leben nicht vorgestellt."

Das Ministerium für Frauen und Jugend gab noch 1993 die Auskunft, dass es obdachlose Kinder und Jugendliche nicht gebe und jeder Jugendliche hierzulande eine Adresse habe und angeschrieben werden könne. Im gleichen Jahr kursierten in der Presse Zahlen von bis zu 50 000 Kindern und Jugendlichen ohne feste Bleibe. Während das Ministerium für Frauen und Jugend offensichtlich ein Problem nicht wahr haben wollte, welches lediglich sogenannten Entwicklungsländern zugeschrieben wird, beruhten die immens hohen Zahlen in Studien und Presseverlautbarungen auf groben Schätzungen des Münsteraner Instituts für soziale Arbeit e.V. (ISA). Das ISA bemerkte dazu jedoch selbst, dass es sich um Kinder bzw. Jugendliche handele, die nur kurze Zeit, d.h. nur wenige Tage - und dies auch nicht wiederholt - von zu Hause bzw. aus einer Einrichtung der Jugendhilfe fortblieben. Diese Einschränkung macht deutlich, dass es sich als sehr schwierig darstellt, verlässliche Zahlen über obdachlose Kinder und Jugendliche zu erhalten. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geht heute von bis zu 7000 auf der Straße lebenden Jungen und Mädchen aus, wobei das Landesjugendamt Berlin allein für die Hauptstadt von einer Zahl von 3000 Jungen und Mädchen ausgeht. Eine ExpertInnenrunde der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) geht dabei von einer Zunahme jüngerer Mädchen aus, "die sich zumindest zeitweilig in den unterschiedlichen Straßenszenen bewegen." In Berlin gelten als beliebte Treffpunkte der Alexanderplatz und der Bahnhof Zoo.
Auf letzterem trifft am 23. Februar 1999 die damals 16-jährige Nicole ein. Die Flucht von der Pflegemutter war für sie ein Akt der Befreiung und somit ist dieser Tag für sie "ein ganz wichtiges Datum", wie sie über zwei Jahre später im Rückblick anmerkt. Aufgewachsen im ländlichen Wernigerode und seit dem zwölften Lebensjahr bei einer Pflegemutter in Halberstadt bei Magdeburg, sah die Jugendliche keine andere Alternative mehr zu der permanenten Gängelung der Pflegemutter. Der Alltag im Haus der Mutter und des Stiefvaters war geprägt von Gewalt gegen Nicole und ihre vier jüngeren Schwestern, und die vier Jahre bei der Pflegemutter waren bestimmt durch völlige Kontrolle über Kleidung, Haare und Freunde. "So hab' ich mir das Leben nicht vorgestellt", sagte sie sich und setzte sich mit einer Barschaft von 20 DM in den Zug nach Magdeburg. Die Hauptstadt Sachsen Anhalts hatte in den frühen Morgenstunden noch nicht viel zu bieten und so entschloss sich die 16-jährige spontan für Berlin - ohne Geld, ohne Freunde und Freundinnen und ohne Anlaufstelle.

Familienprobleme als Ausgangspunkt

Massive Probleme zu Hause sind der Hauptgrund, warum junge Menschen das Weite suchen und dann häufig auf der Straße landen, wie eine neue Studie über Straßenkinder belegt. Sie machen inzwischen Schlagzeilen, wie einst die "Kinder vom Bahnhof Zoo": die Straßenkinder am Alexanderplatz. In den vergangenen Jahren in unzähligen Reportagen in Momentaufnahmen porträtiert, liegt nun erstmals eine fundierte Studie über das Leben der Kids vom Alex vor. Erstellt vom Kontaktladen für Straßenkinder in Krisen (Klik) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialforschung, Informatik und Soziale Arbeit (ISIS Berlin e.V.) wurden 60 Kinder und junge Erwachsene zwischen 13 und 27 Jahren sowie Straßensozialarbeiter und Mitarbeiter von sozialen Einrichtungen befragt. Danach ist die Zahl der sich am Alexanderplatz dauerhaft aufhaltenden Jugendlichen zwar rückläufig, doch haben ExpertInnen übereinstimmend festgestellt, dass hierfür "massive Verdrängungseffekte" durch Polizei und Wachschutz aufgrund der Privatisierung der S-Bahn-Vorplätze und die Kommerzialisierung der Bahnhofspassagen verantwortlich sind. Die polizeilichen Räumungen besetzter Häuser und Wagenburgen bis Mitte der neunziger Jahre haben ebenfalls dazu beigetragen, dass viele Jugendliche ihre Unterkunft verloren. Besetzte Häuser waren und sind beliebter Treffpunkt und Wohnort junger Menschen, die in dem Freiraum eines Hauses mit Gleichgesinnten häufig zum ersten Mal ein eigenständiges Leben ohne elterliche Kontrolle führen können. Als Folge der staatlichen Verdrängungspolitik ist die Verlagerung von Treffpunkten an andere Orte sowie ein Rückzug in "Privatsphären" zu beobachten. Neben dem ‚Alex' wird der im Westteil gelegene Bahnhof Zoo hauptsächlich frequentiert. Dabei unterscheidet sich die Szene am ‚Zoo' vor allem dadurch, dass hier Drogen und Prostitution im Mittelpunkt stehen, während sich am Alexanderplatz ein Großteil der Kids zu den ‚Punks' oder der linken Szene rechnet.
Am Anfang der sogenannten "Straßenkarrieren" stehen vor allem familiäre Krisen. Materielle Not im Elternhaus spielt lediglich eine untergeordnete Rolle, was sich an der Herkunft der Kinder und Jugendlichen ablesen lässt. Straßenkinder in Deutschland sind fast ausschließlich Deutsche und zwar aus allen gesellschaftlichen Schichten. In diesem Sinne ist das Phänomen "Straßenkinder" in Deutschland nicht zu vergleichen mit der Situation in vielen lateinamerikanischen Ländern, wo die extreme Verarmung großer Teile der Bevölkerung verantwortlich für die große Zahl von auf den Straßen der Großstädte lebenden Kindern und Jugendlichen ist. Dort sind sie zum Arbeiten angehalten, um die Familien zu unterstützen oder ihnen zumindest nicht zur Last zu fallen.
In Deutschland verfestigt sich "das Leben auf der Straße" häufig erst nach mehreren Flucht- und Ausbruchsversuchen aus dem Herkunftsmilieu. "Anfangs bin ich immer am Wochenende abgehauen oder in den Ferien. Nachdem es immer stressiger zuhause wurde, bin ich überhaupt nicht mehr zurückgegangen", berichtet Ralf. Alkoholmissbrauch und Gewalt gehören zu den vorherrschenden Alltagserfahrungen im Elternhaus. Viele wählen infolgedessen die Straße als Alternative. Die meisten der befragten Personen sind jedoch nicht obdachlos. Bei der Befragung gaben 21,7% an, noch bei den leiblichen Eltern, und 5% bei einem Elternteil zu wohnen. 23,3% (davon 50% der über 18-Jährigen) haben eine eigene Wohnung. Aber immerhin 26,7% sind ohne festen Wohnsitz. Dabei finden nach eigenen Angaben 53,3% Übernachtungsmöglichkeiten bei Freunden und "Szenemitgliedern". Es ist auffällig, dass mit 11,7% mehr Jugendliche in der Nacht auf der Straße bleiben, als Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Anspruch zu nehmen (6,7%).

Drogen und Straffälligkeit

Zwar hat sich die Altersstruktur in den zurückliegenden Jahren nach Erkenntnissen der Wissenschaftler nicht grundlegend verändert, doch sind ein Drittel der Befragten jünger als 15 und ca. die Hälfte jünger als 18 Jahre. Auswirkungen auf die Bindung an traditionelle Institutionen hat dies vor allem bei der männlichen Klientel. So sind diejenigen, die trotz ihrer veränderten Lebensumstände weiterhin die Schule besuchen, zu über 90% weiblichen Geschlechts. In der Prioritätenliste täglicher Beschäftigung steht der Schulbesuch jedoch weit abgeschlagen hinter "Schnorren", "Abhängen", "Drogen konsumieren" und "Spaß haben" erst an fünfter Stelle. Vor allem die Tatsache, dass der überwiegende Teil der Befragten - vor allem die Minderjährigen - über keine festen Einkünfte verfügt, etwa Sozialhilfe, zwingt die Betroffenen zum Betteln, um die materielle Lebensgrundlage zu sichern. Immerhin 70% der Volljährigen gab an, Sozialleistungen zu beziehen.
Was sich im Elternhaus als strukturelle Erfahrung entwickelt hat, setzt sich für die meisten Jugendlichen auf der Straße fort: Drogenkonsum. Danach konsumieren über 80% gelegentlich illegale Drogen. Doch im Unterschied zur Szene am Bahnhof Zoo spielen harte Drogen am Alexanderplatz eine untergeordnete Rolle. Während Cannabis (95,5%) und die chemischen Drogen LSD (29,5%), Speed (25%) und Extasy (22,7%) zu Buche schlagen, gaben lediglich 6,8% an, Erfahrungen mit Heroin zu haben. Obwohl der Anteil der Konsumierenden bei den unter 15-Jährigen bei 100% liegt, schätzen sich in erster Linie die über 16-Jährigen als "abhängig" ein.
Die Ausgangslage der Befragung waren zwei von ExpertInnenteams formulierte Einschätzungen: Einerseits eine überschaubare, aufgrund ihrer Lebensweise "zugängliche" Personengruppe, die im Rahmen der Jugendhilfe betreut wird, wobei sich diese jedoch durch eine partielle Überalterung auszeichne. Andererseits eine kleinere Gruppe von Jugendlichen, die ihren Lebensmittelpunkt auf die Straße verlegt hätte, allerdings tendenziell überbezirklich in "Kleingruppen" organisiert und deshalb nur schwer für Angebote der Jugendhilfe zugänglich sei. Entscheidend sei deshalb die Erreichbarkeit der Jugendlichen. Die Prognose hierfür fällt allerdings düster aus. "Durch die voranschreitende Beschneidung von Persönlichkeitsrechten und Entfaltungsmöglichkeiten in und durch die Privatisierung von öffentlichen Räumen wird nicht die Bewältigung des Problemhintergrunds des Phänomens ‚Straßenjugendliche' erreicht, sondern es wird lediglich zu einer Verdrängung der Platz- und Straßenszene kommen, wohin bleibt offen", so die Verfasser der Studie. Das Problem der erschwerten Erreichbarkeit der Jugendlichen hat jedoch noch eine weitere Ursache. Jugendliche, die dem engen familiären Rahmen den Rücken gekehrt haben, sind nicht ohne weiteres bereit und sehr misstrauisch, sich dem Reglement der Jugendämter und Jugendfürsorge zu unterwerfen. Für die Kinder und Jugendlichen stellt sich der Kontakt zu diesen Institutionen häufig so dar, dass sie nicht so akzeptiert werden, wie sie sind, "sondern stets Ansprüche nach Veränderung an sie gestellt werden", so das IGfH.

Erfahrungen im Tommy-Weissbecker-Haus

Dieses Manko der staatlichen Sozialarbeit haben die MitarbeiterInnen des Tommy-Weissbecker-Hauses schon lange erkannt. 1973 wurde das Haus in der Wilhelmstraße in Kreuzberg besetzt und dient seither als selbstverwalteter Anlaufpunkt für junge TreberInnen. Hier haben sie in jedem Fall erst mal ein Bett und nach einer Übergangsphase besteht die Möglichkeit, in das Haus einzuziehen. Nicole aus Wernigerode hatte Glück. Als sie im Februar 1999 orientierungslos am Bahnhof Zoo stand, gab ihr ein Mitarbeiter des Touristeninformationszentrums den Tipp, es in jenem Tommy-Weißbecker-Haus zu versuchen. Der Versuch hat sich gelohnt: "Das Tommy-Haus war eine total bereichernde Erfahrung" schwärmt Nicole. MitarbeiterInnen des Hauses erreichten nach einigem Hin und Her mit den Jugendämtern, dass das Aufenthaltsbestimmungsrecht an ein Jugendamt in Berlin überging. Nicole konnte des Weiteren nach kurzer Zeit eine Schule im Prenzlauer Berg besuchen, wo sie - ohne ein Schuljahr zu verlieren - die Oberstufenqualifikation erhielt. Den Jugendlichen die Chance einräumen, sich zu orientieren und selbst zu organisieren, ist Grundprinzip ihrer Arbeit, erläutert eine Mitarbeiterin des Tommy-Hauses. Nicole ist nach einem Jahr ausgezogen und wohnt jetzt in einer kleinen Wohnung, die vom Pfefferwerk, dem Wohnverbund gegen Jugendobdachlosigkeit, betreut wird. Sie will in zwei Jahren ihr Abitur machen und sich dann als Sozialarbeiterin um Jugendliche in schwierigen Situationen kümmern.

Im internationalen Vergleich ist Deutschland eines der industrialisiertesten und reichsten Länder, auf der anderen Seite jedoch geprägt von sozialer Kälte: ein emotionales Entwicklungsland.
"In allen Kulturen sind Kinder, die Schutzbedürftigsten eines sozialen Systems, ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft. Kinder, die vor der Welt der Erwachsenen weglaufen, sind ein Zeichen für den Untergang einer Zivilisation."
(Heins, Rüdiger: Zu Hause auf der Straße - Verlorene Kinder in Deutschland, Lamuv Verlag, Göttingen 1996)

 

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