MieterEcho
Nr. 285 - Mai/ Juni 2001

Das Kreuz mit der konfessionellen Obdachlosenarbeit

 

Jens Sambale

Obdachlosigkeit - war da was? Ein sozialer Skandal, eine gesellschaftliche Krise? Oder nicht doch eine periodische Häufung des Versagens individueller Problemlösungskompetenz? Die Obdachlosenzahl hat sich in Berlin auf hohem Niveau stabilisiert: Soziale Einrichtungen ringen um Klienten, Wohnungsbaugesellschaften stellen Teile ihres Bestandes zur Verfügung, Polizei und Sicherheitsdienste agieren als Raumpatrouillen und der Passant nimmt, wenn überhaupt, den gelegentlichen pittoresken Penner als unvermeidbares Element der Urbanisierung, als Teil des Straßenmobiliars wahr. Volles Stadt- und Staatsbürgerrecht genießt hingegen nur, wer zumindest über einen Mietvertrag, besser aber noch Grundeigentum verfügt. Und das erledigen zumindest teilweise Verwaltungsinnovationen wie das geschützte Marktsegment: Sie versorgen Obdachlose mit Mietverträgen an sozial und geographisch peripheren Standorten. Das Problem ist also keinesfalls gelöst, aber es wird nicht als Krise der Gesellschaft wahrgenommen, sondern zum wiederholten Male unhistorisch zum persönlichen Schicksal erklärt. Und das Schicksal heißt Schicksal, weil man weder gesellschaftlich noch individuell darüber verfügen kann; es schlägt halt zu, was den Betroffenen allerdings keineswegs von der persönlichen Verantwortung für seine Situation befreit.
Diese Wahrnehmung konnte nur entstehen, weil der Zustand Wohnungslosigkeit in Deutschland nie politisiert wurde, bzw. historisch und aktuell als Reservat der Armenfürsorge angesehen wurde. Im Gegensatz dazu interveniert die kritische Intelligenz in vielen Städten der USA wissenschaftlich wie auch politisch zugunsten Obdachloser. Ein Grund für diese Indifferenz liegt in der Sozialstaatstradition der BRD, ein anderer in der Trägerlandschaft sozialer Dienste, die von eben dieser Sozialstaatstradition lebt. Ein dritter, und den schauen wir uns an, in der religiösen, genauer protestantischen Hegemonie, die in der Obdachlosenfürsorge waltet.

Eine historische Annäherung

Wenn Obdachlosigkeit als Phänomen (industrie-)kapitalistischer Urbanisierung identifiziert ist, macht es Sinn, sich der Formation dieser Metropole und jener Krise historisch anzunähern. In Berlin wurde Obdachlosigkeit von der Verwaltung in jenem Moment als Problem begriffen, als im Zuge der städtischen Selbstverwaltung die Kommune (also die wenigen steuerzahlenden Bürger) die Armenlast tragen musste (1820er Jahre). Bereits im Vormärz belästigen missionierende Christen die Armen uneingeladen in deren Haushalten und betreiben soziale Befriedung, d.h. Aufstandsbekämpfung. Aber erst mit der Reichsgründung, dem Boom und folgendem Krach treten die Obdachlosen dem räsonierendem Publikum nicht mehr als exotische Wesen aus der Gartenlaube, sondern als Bedrohung auf der Straße gegenüber. Erst zögerlich, dann sehr dynamisch, entwickelt sich zwischen 1869 und dem Ersten Weltkrieg ein städtischer Kontrollkomplex widerstreitender Akteure mit so gigantischen wie unzureichenden Unterbringungskapazitäten über den schließlich eine Kirche-Staat-Allianz die Hegemonie erringt und sie nicht wieder abgibt.
Folgende Akteure inszenieren ihr Drama vor der Berliner Urbanisierungskulisse: Strafrechtlich flankiert sorgen der Polizeigewahrsam und das Arbeitshaus für Ordnung, sie drohen auf staatlich-städtischer Seite den Obdachlosen mit harter Arbeitspflicht und bis zu zweijähriger Internierung. 1869 gründet ein Großbürgerverein (Berliner Asylverein) aus prominenten Industriellen (Borsig), Reformern (Virchow) und Sozialisten (Singer) ein vorbildliches Obdachlosenasyl. Hier werden die Obdachlosen nach dem beurteilt was sie sind (ohne Bett), nicht was sie vermeintlich sind (schuldhafte Versager und Sünder). Folgerichtig werden sie weder gebessert noch zu Arbeit oder Gebet angehalten. Die Polizei hat keinen Zutritt zu dem Gebäude. An die Seite dieses Vereines gesellen sich kleinbürgerlich und protestantisch geprägte Einrichtungen (Verein Dienst an Arbeitslosen e.V.; Verein für die Berliner Arbeiterkolonie), die die Obdachlosen mit ora et labora retten wollen. Aus ihrer Perspektive müssen die Obdachlosen möglichst zügig aus der Stadt hinausexpediert und in landwirtschaftliche Arbeitsverhältnisse hinein vermittelt werden. Sie sollen die "Leutenot" auf dem Lande lindern und wieder der Kontrolle eines ganzen Hauses unterworfen werden. In der Stadt selbst bieten diese Vereine nur marginale Dienste: Die berühmte "Schrippenkirche", in der es Kaffee und zwei Brötchen nach durchlittener Predigt gibt, ist eine davon und sie wird bis heute mit einer Aura verklärt, unter deren Glanz man ihre wesentliche Funktion als Köder für landwirtschaftliche Arbeitsverhältnisse und protestantische Bekehrung gnädig vergisst.
Die Stadt bietet seit den 1870er Jahren ein eigenes Asyl zur Aufrechterhaltung der urbanen Ordnung. Wegen dieser Funktionsbestimmung hat die Polizei nicht nur Zutritt, sondern ist im Gebäude stationiert.
Dieser Nukleus an Institutionen wird schrittweise aus der Innenstadt gedrängt und konsolidiert sich als Reigen prächtiger Repräsentationsbauten, der sich sichelgleich ausgehend vom "Rummelsburger Arbeitshaus" über die nordöstlichen Arbeiterquartiere zieht und in der Kombination eine prekäre Geographie von sozialen Diensten schafft, innerhalb derer die Obdachlosen mehr schlecht als recht überleben. Bis auf die der Weddinger Flächensanierung zum Opfer gefallenen "Schrippenkirche" ist die Mehrzahl der Gebäude noch (teil-)erhalten.

Domprediger Adolf Stöcker

Alle privatwohltätigen Vereine unterhalten unterschiedliche Verbindungen zum Adel und zur Politik aber keine so glänzenden wie der "Berliner Asylverein". Das wurmt die kleinbürgerlichen Vereine, die so sehnlich Köpfe und Körper der Obdachlosen kolonisieren wollen, aber vom Asylverein partout nicht ernst genommen werden. Sie sind zu schwach und brauchen Verbündete. Missionierung und Kolonisierung gehen notwendig Hand in Hand und es ist in Berlin ein Mann, der so wirkungslos wie vehement gegen die sozialistische Arbeiterreligion des neuen Babel ankämpft: Der Domprediger, hetzende Antisemit und Ziehvater der "Inneren Mission in Berlin" Adolf Stöcker. Er diagnostiziert in den 1870er Jahren: "Die Reichshauptstadt war in Gefahr, entchristlicht und entdeutscht zu werden. Als öffentliche Macht war das Christentum tot; ebenso die Königstreue und Vaterlandliebe". Diesem Befund folgt die Kur: Der einflussreiche Demagoge versucht über sozialpolitisches Engagement die Metropole zu rechristianisieren und stützt sich dabei erst auf die evangelischen Jünglingsvereine und Arbeitslosen, später auf das Kleinbürgertum als soziale Basis und rhetorischen Resonanzboden seines Antisemitismus. Hand in Hand mit Stöcker und anderen Würdenträgern übersät "Kirchenjuste" (Kaiserin Auguste Victoria) die Arbeiterquartiere mit Kirchen, die bis heute vielfach Stadtkronen bilden. Stöcker ist ein weithin sichtbarer Akteur und brillanter Provokateur, jedoch ein schlechter Stratege, der mit überraschenden Finten und Wendungen seine adligen Unterstützer verprellt und schließlich isoliert wird.

Pastor Bodelschwingh

Um die Proletarier oder doch zumindest die Obdachlosen zu rechristianisieren, musste ein Mann anderen Kalibers her und der kommt zur Jahrhundertwende: Der oft als Sozialreformer missverstandene Übervater Bodelschwingh. Pastor Bodelschwingh hatte bereits in Westfalen ein so perfides wie komplexes System durchgesetzt, um Wanderarbeiter zu kontrollieren. Städtische Obdachlose kamen in diesem System nicht vor, sondern es war Sinn der Übung, alle Bewegungen männlicher, mobiler Arbeitssuchender zwischen den Städten zu kontrollieren und sie zur Pflichtarbeit für gewährte Hilfe anzuhalten. Wer die Arbeit verweigert, wird als Landstreicher identifiziert und der Polizei überwiesen. Auf diese Weise wird das Problem städtischer Obdachlosigkeit gleich elegant miterledigt - zumindest in der Phantasie dieser konfessionellen Reformer.
Bodelschwingh kommt als Reichstagsabgeordneter nach Berlin und gibt sich schockiert über die hiesigen Zustände. Denn er will etwas anderes als die erwähnten säkularen Anstalten: Er will die Restarbeitskraft der städtischen Obdachlosen im nationalstaatlichen Interesse verwerten, indem er sie für die Urbarmachung wüster Flächen für Siedlungszwecke einsetzt, welche wiederum Arbeiter an die heimatliche Scholle binden mögen. Andere Projekte sollen der Versorgung Berlins durch das Umland dienen. Und er will die Seelen der Kolonisten retten. Um dieses Projekt durchzusetzen, muss er die bestehenden Alternativen diskreditieren, ihre Reputation ruinieren und den Spendenfluss in seine Taschen umleiten. Und das versucht er 1904. Frontal greift er die beiden Asyle öffentlich an:
"... so ist klar, dass Berlin gerade durch seine Asyle eine Hochschule ist, nicht nur für das Vagabundenleben, sondern auch zum Rauben, Stehlen und anderen, noch schlimmeren Sünden, die sich im Dunkel der Großstadt verbergen und namentlich von jungen Burschen gepflegt werden. Ich versage es mir, tiefer in das nächtliche Dunkel hineinzusteigen, das in Berlin sich jetzt mehr und mehr breit macht und durch junge Faulenzer in das Land hinausgetragen wird."
Im Laufe der kommenden Jahre gelingt es ihm, breite und auch kommunale Unterstützung für sein Lieblingsprojekt zu mobilisieren: Die Gründung einer Obdachlosenkolonie außerhalb der Stadtgrenzen. Nahe Bernau entsteht ab 1905: Lobetal (um den Herrn zu loben), wo untergebrachte Obdachlose pflichtarbeiten. Sie erhalten keinen Lohn, sondern bekommen eine Prämie versprochen, deren Auszahlung an ihr Wohlverhalten gebunden ist. Hier ist kein Raum, um mehr Worte über das Konzept der Arbeiterkolonien zu verlieren, aber sie artikulieren die Vorstellung, dass man Obdachlose am besten aus der Stadt holt und sie unter konfessionellem Sperrfeuer zur Landarbeit anhält. Im Laufe der Jahre entstehen zehn weitere dieser Lager rund um Berlin. Zusammen mit zusätzlichen privaten und öffentlichen Einrichtungen in Brandenburg können so jederzeit 3000 Obdachlose aus Berlin ausgesperrt, weitere 6000 - 7000 in den Berliner Anstalten eingesperrt werden, eine veritable Kleinstadt, die zu 90% aus Männern besteht.
Der Bodelschwingh'sche Triumph läutete das Ende der kleinbürgerlichen Vereine an, das großbürgerliche Vereinsasyl kapituliert in den 1920er Jahren, das städtische indes expandiert. Ebenfalls in den 20er Jahren folgt die Stadt dem Bodelschwingh'schen Vorbild und gründet eigene Obdachlosenkolonien in Brandenburg - 40 und 80 Kilometer von Berlin entfernt.
Bodelschwingh und andere Protestanten haben Berlin nicht rechristianisiert, aber die Stadt hat die Obdachlosen zur Missionierung freigegeben. Von dieser Ausscheidung Obdachloser aus der Stadt und dem städtischen Konsens und ihrer isolierten Konzentration unter Pflichtarbeitsregimen in Kolonien, war es nur noch ein kleiner Schritt, sie aus dem völkisch definiertem Kollektivkörper zu lösen und zu vernichten. Als die protestantische Wanderarmenfürsorge unter dem Nationalsozialismus ohne Not ihre penibel erfasste "Asozialenkartei" veröffentlicht, schickt sie die Obdachlosen schnurstracks in den Tod.
Neue Strategien für Berlin?
Protestantisch motivierte Interventionen in die Stadtentwicklung und Sozialpolitik, ihre Missions- und Kolonieprojekte haben offensichtlich keine überzeugende Bilanz vorzuweisen. Von daher sollte man aufhorchen, wenn sich Theologen in Berlin zur Stadterneuerung oder Obdachlosigkeit äußern. Aber so sicher wie das Amen in der Kirche erschallt ihr Beitrag, wenn die Stadt in Gefahr ist. Pfarrer Duntze meldet sich in den 1970er Jahren mit den "Strategien für Kreuzberg" gegen die Abrisssanierung zu Wort. Ihm ist meines Wissens nichts weiter vorzuwerfen, als dass er sich gelegentlich apologetisch zum "Dienst an Arbeitslosen e.V." äußert. Anders der old-school-Urbanit und gelernte Theologe Dieter Hoffmann-Axthelm, der bereits 1983 unangenehm mit seinem Affekt gegen subproletarische Linke und türkische Männer auffällt. Der Masterplan, den er als Söldner des Neuen Berlin vorlegt, kann auch als gigantisches Missionsprojekt des gottlosen Ostens interpretiert werden. Und was bewegt eine Organisation wie den Kirchbauhof, sich in den 1990er Jahren im überwiegend unchristlichen Gebiet um die Wrangelstraße niederzulassen und von dort aus erst im Westen, dann im Osten mit öffentlichen Mitteln und unfrei angeeigneter Arbeitskraft (ABM) kirchliche Liegenschaften zu renovieren? Und natürlich betreibt auch der Kirchbauhof Obdachlosenprojekte.

Antiklerikale Überreaktion?

Sicherlich! Aber die Frage lautet: Warum erlaubt man einer Sekte, die dem Nagelfetisch huldigt und allsonntäglich kaum 25.000 Kirchgänger mobilisiert, in einer 3,5-Millionen-Stadt ganze Arbeitsmärkte zu kontrollieren? Weil ihre Problemwahrnehmung verhindert, dass soziale Probleme politisiert werden? Denn es waren ja sicherlich weder Duntzes noch Hoffmann-Axthelms Traktate, die die Flächensanierung gestoppt haben, sondern die Politisierung der Stadtentwicklungspolitik, die Analyse der Machtbeziehungen, die in der Sanierung walten und - natürlich - die militante Konfrontation.
Wie aber soll man die Obdachlosen politisieren? Am besten gar nicht, will man sich nicht eines neuen Missionsprojektes schuldig machen. Politisieren kann man den Skandal Obdachlosigkeit und die Stigmatisierungen, die mit dem zum Merkmal erhobenen Zustand Obdach einhergehen, indem man sie konsequent als Träger unveräußerlicher Bürger- und Menschenrechte behandelt - und diese Rechte auch einklagt. Das mag man politisch naiv finden aber das ist es, was Pfarrer Ritzkowsky in Kreuzberg macht, wenn er seine Befreiungstheologie betreibt. In seinem jüngst erschienen Buch "Die Spinne auf der Haut - Leben mit Obdachlosen" findet sich viel Bizarres, aber z.B. auch die Dokumentation seiner Verurteilung wegen Falschbeurkundung, weil er einem Obdachlosen seine Kirche als postalische Anschrift zur Verfügung gestellt hatte. Es ruft in Erinnerung, dass es seine "AG Leben mit Obdachlosen" war, die bereits 1995/96 eine Fragebogenaktion unter Obdachlosen initiierte, um die gerüchteweise seit Jahren bekannte "Verbringung" Obdachloser an den Stadtrand zu dokumentieren. Und es macht klar, dass dieser Skandal für ihn nicht mit einer Kampagne beigelegt ist, sondern eine andauernde Bürgerrechtsverletzung darstellt.
In einer Situation, in der die städtischen Entscheidungseliten alles darauf anlegen, dass wir weniger Obdachlose sehen, ist es naiv, aus der Sichtbarkeit auf das Ausmaß des Problems zu schließen. Im Gegenzug ist es alarmistisch, die sinkenden Fallzahlen zu ignorieren und eine städtische Krise herbeizureden, die nicht existiert. Diese Stadt und ihre Bewohner funktionieren auch mit zehntausend weiteren Obdachlosen prächtig. Das Problem besteht nicht nur aus Zahlen, sondern auch aus Verhältnissen. Wollen wir, dass wesentliche Rechte auf der Straße suspendiert werden? Und muss man Theologe sein, um etwas dagegen zu tun?
Wie Madeleine Stoner einmal im Gespräch anmerkte, nähmen die Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik den Status der Obdachlosen in den USA ein. Ihr Ausschluss durch die Verweigerung von Grundrechten markiere den ersten Schritt in ein faschistisches Regime. Wenn das Argument für Migranten gültig ist, dann auch für Obdachlose.

Zum Weiterlesen:

Bodelschwingh, Friedrich von (1904): Wer hilft mit? Ein Wort zur Reorganisation der Berliner Asyle. Berlin: August Scherl
Hoffmann-Axthelm, Dieter (1983): Streetfighter, 1933/83. Ästhetik und Kommunikation, Heft 50. S. 28-37
Ripp, Winfried (1991): Der Berliner Asylverein für Obdachlose. Schriftenreihe Wedding, Armut und Obdachlosigkeit im Wedding, Band 2. S. 7-27
Ritzkowsky, Joachim (2001): Die Spinne auf der Haut. Leben mit Obdachlosen. Berlin: Alektor Verlag
Stoner, Madeleine R. (1995): The Civil Rights of Homeless People. Law, Social Policy, and Social Work Practice. New York: Aldine de Gruyter

 

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