MieterEcho
Nr. 274 - Juni/Juli 1999

Bezirkskorrespondenz - Tempelhof

 

Auf der Mitgliederversammlung in Tempelhof waren sich die Teilnehmer sowohl über eine Fortsetzung als auch über das Ziel, einer kontinuierlichen Gruppenarbeit, einig. Die Diskussion beschäftigte sich u.a. mit dem Mietspiegel. Der folgende Beitrag erreichte uns kurze Zeit später.

Tempelhofer Kommentar zum Mietspiegel

Im Mai 1999 erhielt ein Großteil aller Mieter am Tempelhofer Damm 48-94 durch ihren Vermieter eine zum Teil erhebliche Erhöhung ihrer Miete, begründet durch den neuen Mietspiegel 1998. Durch Initiative einiger Mieter kam es zu einer Mieterversammlung, an der über 70 Betroffene teilnahmen.
Es wurde deutlich, daß dieser Mietspiegel zum Teil Mieterhöhungen ermöglicht, die bis an die Grenze der finanziellen Belastbarkeit der Mieter gehen, so daß sich einige sogar gezwungen sehen, einen Wohnungswechsel vorzunehmen und ihre in den letzten Jahren liebgewonnene Umgebung verlassen zu müssen.

Folgende Fragestellungen wurden erörtert:

  1. 1. Wie kann es sein, daß Wohnungen, die zum Teil nur 40 m von einem Verkehrsflughafen entfernt liegen, im Berliner Straßenverzeichnis zum Mietspiegel in gute Wohnlagen eingeordnet sind? Die meisten Mieter haben den Flughafen im Laufe der Jahre zwar akzeptiert, sind aber empört darüber, daß sie dafür jetzt mit Mieterhöhungen bestraft werden dürfen.
  2. Zusätzlich ist seit der von uns allen begrüßten Maueröffnung die Verkehrsbelastung auf dem Tempelhofer Damm - als einer der großen Nord-Süd-Einfallstraßen mit Autobahnanbindung - dermaßen gestiegen (ca. 50.000 PKW/ Tag), daß die Bewertung "gute Wohnlage" nur eine Farce sein kann!
  3. Durch die Umstellung der Vergleichsmieten von Brutto- auf Nettokaltmiete und den damit verbundenen Problemen der Umrechnung von auf Bruttokaltmiete basierenden Altverträgen, ist es durch ein Urteil des Landgerichts Berlin dazu gekommen, daß der Vermieter einen sogenannten "ortsüblichen Betriebskostenanteil" in Rechnung stellen kann.

Wir haben durch eigene Sparsamkeit relativ geringe Betriebskosten. Die Gesetzgebung erlaubt jetzt aber dem Vermieter, die von uns monatlich eingesparten Kosten von 50 Pf/m2, als zusätzlichen Obolus in die eigene Tasche zu wirtschaften. Durch Abzug nicht der tatsächlichen sondern der ortsüblichen Betriebskosten sind unsere "vergleichbaren Nettokaltmieten" natürlich deutlich geringer, was wiederum eine erhebliche Mietsteigerung zur Folge hat.
Alle diese Regelungen, Vorschriften und Urteile werfen die Frage auf: Wer wohl Gesetze und Regelungen für Mieter erstellt und welche Interessen er dabei verfolgt: die der Mieter oder die der Vermieter?
Um auf die fragwürdige Einstufung des Tempelhofer Dammes in "gute Wohnlage" aufmerksam zu machen, und in der Hoffnung, Einfluß auf den Mietspiegel 2000 nehmen zu können, wurde eine breite Unterschriftensammlung in den betroffenen Häusern am Te-Damm durchgeführt.
Diese Aktion ist noch nicht beendet. An ihr können sich auch Mieter aus weiteren Häusern am Te-Damm beteiligen. Die Initiatoren schlagen folgendes Schreiben vor:

Audite et altera pars, sagten die Römer und meinten, man solle auch die andere Seite hören.
Wenn wir sie auch nicht befragen und anhören wollen, so scheint es angesichts der Fragen nach dem Nutznießer der Gesetze und Regelungen nötig, die andere Seite wenigstens anzuschauen.
Die andere Seite, die Eigentümerin der Häuser, ist die Tempelhofer Feld AG für Grundstücksverwertung. Über sie hat die Teledata Börsen-Informations-GmbH ein sogenanntes Unternehmensprofil erstellt. Ihm entnehmen wir:

Portrait
Die Tempelhofer Feld AG gehört zu den Bestandshaltern unter den deutschen Immobilien-Aktiengesellschaften. Ende 1997 hatte die Gesellschaft insgesamt 848 Wohnungen, 23 Gewerberäume und 20 Kellerräume mit zusammen 67.422 qm Wohn- bzw. Nutzfläche sowie 52 Garagen und 195 Stellplätze im Bestand. Daneben besaß die Tempelhofer Feld AG als Sondereinrichtungen für ihre Mieter zwölf Heizanlagen und zwei Waschanlagen. Den acht Betriebshandwerkern standen vier Werkstätten zur Verfügung. Die intensive Mieterbetreuung wirkt sich nach Angaben des Unternehmens positiv auf die Mieterfluktuation aus, so daß im Berichtsjahr nur geringe Mietausfälle infolge Wohnungsleerständen zu verzeichnen waren. 1995 war für die Aktionäre der Tempelhofer Feld AG ein Jahr der Veränderung. Nach dem Einstieg der CERTA Immobilienverwaltung und Handelsgesellschaft mbH & Co. Liegenschaften OHG wurde ein Ergebnisabführungsvertrag geschlossen. Mit Wirkung von 1995 an hat sich CERTA zu einer Ausgleichszahlung von 44 DM je 100-DM-Aktie verpflichtet. Der Vertrag hat eine Laufzeit zunächst bis zum 31. Dezember 1999.
Das ist alles schon sehr interessant, aber uns interessiert noch mehr:
Gezeichnetes Kapital 2,5 Mill. DM
Aktiennennwert 100 DM (Inhaberaktien)
Aktionärsstruktur CERTA Immobilienverwaltung und Handelsgesellschaft mbH & Co

Doch auch das reicht noch nicht. Der entscheidende Hinweis findet sich in der nebenstehenden Grafik. Sie zeigt, daß der Aktienkurs innerhalb des letzten Jahres mit einigen Schwankungen von ca. 1400 auf 1900 gestiegen ist.

Ist damit die Frage nach dem Nutzen auch nur sehr indirekt beantwortet, geschadet haben die Gesetze, Regeln und der Mietspiegel den Aktionären jedenfalls nicht.

AG DEMOKRATIE

 

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