MieterEcho
Nr. 272 - Januar/Februar/März 1999

Der Alternative

 

von Chaim Reich

In Zeiten, in denen die Sonne der Politik niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten. Einer von ihnen kleidet sich ganz possierlich mit einem roten Schal, ist ein richtiges Stehaufmännchen und heißt Momper.

Ist es der Name dieses Bremers, der irgendwie an die urberliner Schnapsfabrik Mampe erinnert, sich dadurch mit dem urberlinischen Mimen Juhnke assoziieren läßt und auf diese Weise eine volkstümlich berlinische Aura erzeugt, durch die sich ein Zille Milljöööh zum Establishment wandelt?

Ein eigenenartiges Phänomen, das andernorts, als Komödienstadl, Ohnesorg-Theater oder Millowitsch-Bühne - im niederen Kulturbereich angesiedelt - nur Frohsinn am Wochenende verbreitet, hier in Berlin aber weit darüber hinaus eine lebensbejahende Kraft zu entfalten vermag, die politisch Tote wiederbelebt.

Ellinghaus oder „wie wird man Baulöwe"?
Politisch mausetot schien er mit Sicherheit, der Ex-Regierende Walter Momper, als er 1994 Geschäftsführer von Ellinghaus wurde. Diesem anderen Bremer und einstigen Sozialdemokraten beim „roten" Radio Bremen gelang 1984 zweierlei: der Wechsel des Parteibuches (SPD gegen CDU) und der Wechsel auf den Chefsessel der „Berliner Abendschau". An CDU-Freundlichkeit mangelte es dem Magazin in jenen Jahren gewiß nicht, aber es war dem neuen Christdemokraten nicht gänzlich gelungen, Diepgen aus der Berichterstattung über den Antes-Skandal herauszuhalten. Die darauf folgende Freistellung eröffnete ihm 1989 die Möglichkeit zu einer Karriere als „Baulöwe".
„Ellinghaus verdiente schnelles Geld mit der Aufstellung von Wohncontainern für die vielen Flüchtlinge aus Polen und der ehemaligen DDR" schreibt Mathew D. Rose(1) und fährt fort: „Mit der Wende nimmt sich Ellinghaus größere Immobilienprojekte vor. Im Bezirk Kreuzberg plant er die 'Yorck-Plaza', ein aus Hochhäusern bestehendes Büro- und Dienstleistungszentrum. Das Projekt, wie so viele andere von Ellinghaus aus jener Zeit, kommt aber nicht so recht voran. Daraufhin engagiert Ellinghaus den damaligen Berliner SPD-Landesvorsitzenden und ehemaligen Regierenden Bürgermeister Walter Momper als Mitarbeiter in seine Unternehmensgruppe."

Mompers Immobilien-Lehrjahre
Momper versicherte treuherzig, er werde nur Projekte betreuen, bei denen seine politischen Verbindungen nicht benötigt würden(2).
Daran hätte gewiß niemand gezweifelt, und so ist es sicherlich nur der schwindenden Gedächtniskraft des inzwischen wegen Bankrotts, Verletzung der Buchführungspflicht und Konkursverschleppung von der Staatsanwaltschaft belästigten Ellinghaus geschuldet, wenn er dem Untersuchungsausschuß, der die Vorgänge um die gezielten - weil durch präzise Informationen ausgelösten - Grundstückskäufe im Zusammenhang mit der Erweiterung des Flughafen Schönefeld aufzuklären versucht hat, mitteilte, daß er keine Probleme mit Terminen bei führenden SPD-Politikern im SPD-dominierten Brandenburg hatte, weil Momper die für ihn arrangierte(3).
Pikanterweise war der ehemalige Abendschaugestalter zur Zeit der Indienstnahme Mompers bereits an den Grenzen seines Imperiums angekommen. Seine Spekulation hatte auf eine von der Politik versprochene, aber gänzlich fehlgeschlagene Entwicklung gesetzt, die vermittels aller möglichen Paukenschlagereignisse, wie Olympia, Haupstadt, Vereinigung mit Brandenburg etc., Berlin auf direktem Wege in den Kreis der Global Cities katapultieren sollte.
Eine Politik, die angesichts der „gestrandeten Sauriern gleichen Investitionsruinen" (S.Hain) wie die Allmachtsphantasien von zu politischen Ämtern gekommener Provinzhonorationen erscheint und deren ruinöse wirtschaftliche Folgen noch heute durch unsoziale Privatisierungen ausgeglichen werden müssen.
Selbstverständlich konnte Momper als Geschäftsführer von Ellinghaus nicht bewirken, was er als Politiker vergeblich versucht hatte. Die Verbindung zu Ellinghaus schien aber für ihn die erfreulichsten Folgen gezeitigt zu haben. Als Lehrzeit befähigte sie ihn, mit der „Momper Projektentwicklungsgesellschaft mbH" im Immobiliengeschäft auf eigene Rechnung Erfolge zu suchen.

„Roter Schal" gegen „ÖTV-Staat"
Erfreuliche Perspektiven verspricht sich und seinen Wählern der Jungunternehmer auch für die Stadt. Forsch erklärte er während des Ausscheidungskampfes zwischen den SPD-Kandidaten in Hinblick auf weitere Privatisierungen, daß „die Privatwirtschaft auf jeden Fall die Aufgaben effizienter und wirtschaftlicher wahrnehmen könne"(4) und knüpft damit an seine Ausführungen im Sommer letzten Jahres an: „Ausländisches Kapital muß wie im Fall der Bewag nach Berlin geholt werden. Dazu gehöre auch, daß sich 'beispielsweise ein portugiesisches Transportunternehmen in zwei Jahren um eine BVG-Linie nach Spandau bewerbe.'"(5)
Die Kollegen von der ÖTV wußte er zu begeistern, und in ihre Richtung mahnte er: „Den Lobbyisten muß Einhalt geboten werden. An betriebsbedingten Kündigungen kommen wir nicht vorbei." Und damit auch kein Zweifel bleibt, will er den „ÖTV-Staat" abschaffen(6), was auch immer er darunter versteht. Interpretiert man die Fernsehübertragungen vom Sieg im Ausscheidungsrennen richtig, wird er nicht allein sein. In gewohnter Manier konnte man seinen Kumpel Ex-Bausenator Nagel an seiner Seite sehen. Die Fundus-Gruppe jedenfalls wird im Falle eines SPD-Wahlsieges politisch gut vertreten sein.
Schade für Ellinghaus, daß er das nicht mehr miterleben darf. Aber wer weiß. Vielleicht belebt die Berliner Aura auch ihn bald wieder.


  1. ROSE, Mathew D.(1997): Berlin Hauptstadt von Filz und Korruption. München.
  2. TAZ Berlin lokal, 20.5.98.
  3. 4. Untersuchungsausschuß des Abgeordnetenhauses von Berlin (12. Wahlperiode), 7.4.95, S.4 und 8.
  4. TAZ Berlin lokal, 14.12.98.
  5. Berliner Zeitung, 11.6.98.
  6. TAZ Berlin lokal, 19.10.98.

(Zwischenüberschriftern von der Redaktion)

 

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