Berliner Mietergemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 369 / September 2014

„Wohnen im Alter ist mehr als nur die Wohnung“

Ältere Menschen wollen in ihrem gewohnten Umfeld bleiben,
vor allem die Bezahlbarkeit der Wohnung bereitet ihnen Sorgen

Interview mit Dr. Johanna Hambach und Dr. Hans-Ulrich Litzner vom Landesseniorenbeirat Berlin            

 


MieterEcho: Was macht das Thema Wohnen für ältere Menschen so wichtig?    

    

Hans-Ulrich Litzner: Das Thema ist für ältere Menschen deshalb so wichtig, weil sie die meiste Zeit in ihrer Wohnung verbringen und das Wohnen in den eigenen vier Wänden eine wesentliche Voraussetzung für ein selbstbestimmtes und weitgehend unabhängiges Leben ist. Hinzu kommt der Gesichtspunkt der sozialen Isolation: Ältere Menschen möchten gern im gewohnten Umfeld bleiben, im eigenen Kiez also, um dieser Isolation zu entgehen.                

 

 

Welche weiteren Sorgen und Probleme beobachten Sie?                                    

 

Johanna Hambach: Es sind vor allem drei Aspekte, die ältere Menschen beunruhigen. Erstens die steigenden Mieten und die Schwierigkeit, aus einer großen Wohnung in eine kleinere zu ziehen, ohne danach mehr Miete zu bezahlen. Für viele ist es ohnehin schwierig, in ihrem gewohnten Umfeld etwas Passendes zu finden. Zweitens gibt es gravierende Änderungen in der Infrastruktur, wozu etwa das Wegfallen der Sparkassenfiliale, der Post oder der Einkaufsmöglichkeiten für Waren des täglichen Bedarfs gehören. Neben der schwierigeren Versorgung kann das auch einen Verlust an Kommunikation und Begegnung bedeuten. Der dritte Punkt betrifft die zum Teil unzureichenden barrierefreien Angebote für Mobilität, besonders im öffentlichen Nahverkehr. Wohnen im Alter ist eben mehr als nur die Wohnung.                        

 

 

Wie wohnen Senioren heute eigentlich?         

 

H.-U.L.: Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V. (BAGSO) hat aktuelle Zahlen für die gesamte Bundesrepublik veröffentlicht, die sich auch auf Berlin übertragen lassen dürften. Danach leben 95% der 16,7 Millionen Bürger/innen über 65 Jahre in normalen Wohnungen, sei es zur Miete oder im Eigentum. Bei der Generation 80+ sind es immerhin noch 89%. Andere Formen wie Wohngemeinschaften, Service-Wohnen, betreutes Wohnen oder das Leben im Pflegeheim machen insgesamt nur einen geringen Prozentsatz aus. Auch das zeigt deutlich, wie ältere Menschen leben wollen.                

 

 

Was genau versteht man unter „altersgerechtem Wohnen“? Gibt es einen Unterschied zur „Barrierefreiheit“?              

 

H.-U.L.: Der Begriff „altersgerecht“ ist im Gegensatz zur „Barrierefreiheit“ nicht baurechtlich definiert. Die Norm DIN 18040 „Barrierefreies Planen, Bauen, Wohnen“, die Teil des Berliner Baurechts ist, gibt klare Antworten in Bezug auf behinderte Menschen. Dazu gehören etwa die Vermeidung von Türschwellen, Mindestverkehrsflächen für Rollstuhlfahrer/innen, eine Mindestbreite von Türen, die Höhe von Fenster- und Türgriffen sowie Vorgaben zur Beleuchtung für Menschen mit Sehbeeinträchtigung. Die Bauordnung für Berlin fordert daneben ab einer bestimmten Geschosszahl Aufzüge, um das Erreichen der Wohnung überhaupt erst zu ermöglichen.         

 

 

J.H.: Die Barrierefreiheit ist natürlich oft wichtig für das seniorengerechte Wohnen, aber wie erwähnt gehört auch ein passendes Wohnumfeld dazu. Wenn der Supermarkt weggezogen und der Weg nun weiter ist, dann braucht es auch mal eine Bank mehr zum Ausruhen. Die gesamte Infrastruktur muss in diese Richtung durchdacht werden. Es braucht Möglichkeiten der Nachbarschaftshilfe, genauso wie professionelle Angebote. Leider gibt es selten ein abgestimmtes Vorgehen der Akteure. So sind es oft die Seniorenvertretungen in den Bezirken, die runde Tische zum Lösen solcher Probleme initiieren.                    

 

 

Können Mieter/innen eine entsprechende Anpassung der Wohnung selbst veranlassen?    


H.-U.L.: Hierzu gibt der neue § 554 a BGB eine klare Antwort. Es heißt dort: „Der Mieter kann vom Vermieter die Zustimmung zu baulichen Veränderungen oder sonstigen Einrichtungen verlangen, die für eine behindertengerechte Nutzung der Mietsache oder den Zugang zu ihr erforderlich sind, wenn er ein berechtigtes Interesse daran hat.“ Das Gesetz räumt somit einen Freiraum bezüglich des Umfangs der Umbaumaßnahmen ein, der gemeinsam von Mieter/in und Vermieter/in auszufüllen ist. Das Gesetz sieht hier einen fairen Interessenausgleich vor. Dazu gehören auch Fragen der Kostenbeteiligung sowie der Rückbaupflicht bei Auszug. Entsprechende vertragliche Vereinbarungen zu treffen, ist daher ratsam.                                            

 

 

Macht eine Anpassung im Bestand überhaupt Sinn oder sollte man lieber neu bauen?

                                                

J.H.: Es gibt heutzutage schon eine Menge technischer Hilfsmittel, die es den Senior/innen ermöglichen, in ihrer Wohnung sicher zu leben. Bei der Anpassung des Bestands spielt es eine große Rolle, inwieweit die Wohnungseigentümer Umbaumaßnahmen offen gegenüberstehen und ihn unterstützen.                                        

 

H.-U.L.: Die Anpassung im Bestand hat aber auch Grenzen, nämlich die baulichen Möglichkeiten und die Kosten. Beispielsweise scheitert der nachträgliche Einbau eines Aufzugs oft an beiden Aspekten. Die Vergrößerung einer Verkehrsfläche für Rollstuhlfahrer kann unter Umständen die Versetzung von tragenden Wänden erforderlich machen. Das muss immer im Einzelfall geprüft werden. Ich empfehle deshalb, entsprechende Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen, etwa bei den Berliner Pflegestützpunkten. Auch was Zuschüsse und Finanzierungsmöglichkeiten angeht.                        

 

 

Gibt es in Berlin genug Wohnungen für ältere Menschen?                                    

H.-U.L.: Vom Kuratorium deutsche Altershilfe (KdA) wird der aktuelle Bedarf an barrierefreien Wohnungen für Berlin mit 40.000 Einheiten angegeben. Natürlich muss nicht jede Wohnung für eine/n Senior/in barrierefrei im Sinne der zitierten Norm sein. Dennoch ist unstrittig, dass es in Berlin an bezahlbarem Wohnraum für ältere Menschen fehlt. Die für Berlin bis zum Jahr 2030 zu erwartenden Entwicklungen sind absehbar und politisch unstrittig: Wachstum der Bevölkerung um etwa 250.000 Personen, Neubaubedarf von insgesamt rund 140.000 Einheiten, eine deutliche Zunahme bei der Generation 65+, die größte Zunahme bei Hochbetagten von 80 Jahren und älter.                         

 

 

Angesichts demografischen Wandels bei gleichzeitig zunehmender Altersarmut: Brauchen wir einen neuen öffentlich finanzierten Wohnungsbau?                


H.-U.L.: Die Antwort ist eindeutig: Ja. Der Berliner Senat plant bereits, 1.000 Sozialwohnungen mit Darlehen in Höhe von 64 Millionen Euro zu unterstützen. Allerdings sind diese Zahlen viel zu gering, um das gegenwärtige Wohnungsproblem zu lösen. Ein weiterer Aspekt betrifft die Miethöhe: Bei einer zu erwartenden Kaltmiete von 6,50 Euro/qm und Nebenkosten von 2,50 Euro/qm kommt man bei einer Wohnungsgröße von 40 qm auf eine Gesamtsumme von 360 Euro pro Monat, die die finanziellen Möglichkeiten zahlreicher Rentner/innen deutlich überfordert. Wir brauchen also einen sozialen Wohnungsbau, der auf diese Zusammenhänge Rücksicht nimmt.                            

 

 

Was erwarten Senior/innen noch von der Politik?    

 

J.H.: Im Wesentlichen geht es auch um die Wohnungsbestände und den Umgang damit. Ältere Menschen erwarten von der Politik die Umsetzung von Instrumenten wie der Mietpreisbremse, und zwar in der Realität, nicht nur als Sonntagsrede.                                    

 


Werden die Interessen von Senior/innen in aktuellen wohnungspolitischen Debatten genügend gewürdigt?    

                                    

H.-U.L.: Diese Frage ist eindeutig mit Nein zu beantworten.                                    

 


Welche Punkte müssten denn mehr Gehör finden?  

 

H.-U.L.: Der wesentliche Aspekt in der gesamten Diskussion scheint mir die Bezahlbarkeit zu sein.    

                                        

J.H.: Der Aspekt des Wohnumfelds muss bei Fragen des altersgerechten Wohnens mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Eigentlich könnte auch von familienfreundlich die Rede sein, denn was für Kleinkinder sinnvoll ist, ist oft auch für Senior/innen gut. Heißt altersgerecht nicht: Für jedes Alter gerecht?

                                

Vielen Dank für das Gespräch.                                                

Das Interview führte Philipp Mattern.

 

Dr. Johanna Hambach ist Vorsitzende der Landesseniorenvertretung Berlin und der Bezirksseniorenvertretung Treptow-Köpenick sowie Mitglied des Landesseniorenbeirats Berlin.

 

Dr. Hans-Ulrich Litzner ist Sprecher der „AG Bauen, Wohnen, Wohnumfeld“ des Landesseniorenbeirats Berlin.


MieterEcho 369 / September 2014

Schlüsselbegriffe: Wohnen im Alter, steigende Mieten, Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V., Dr. Johanna Hambach, Dr. Hans-Ulrich Litzner, Barrierefreiheit, Mobilität, demografischer Wandel, Altersarmut, Mietpreisbremse

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