BMG-Schriftzug



 
MieterEcho
Nr. 284 - März/April 2001
Trotz 20-jährigen Bestehens: Kinderbauernhof Mauerplatz in Gefahr

 

Wie es kam...

Am 21.03.1981 wurde das ehemalige Trümmergrundstück an der Mauer - Adalbertstraße Ecke Bethaniendamm - von der damaligen "Aktion Kinderbauernhof Mauerplatz SO36" besetzt, nachdem die aus jungen Müttern, Hausbesetzern und anderen Nachbarn bestehende Gruppe wochenlang den Platz von Schrott und Müll befreit und Bauwagen und Tiere angeschafft hatte. Ihr Ziel war es, vor allem für die Kinder ein Stück erfahrbare Natur inmitten der Betonwüste zu schaffen. Das Projekt wurde von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Altersgruppen - zum größten Teil unbezahlt - gemeinsam aufgebaut. Diese Aufbauarbeit war nur möglich im Verbund mit anderen Kiezprojekten und mit der wohlwollenden Akzeptanz von Nachbarn und ansässigen Gewerbetreibenden. Von Anbeginn war das Projekt ein Hoffnungsträger und stand symbolisch dafür, dass Menschen, die Verantwortung für ihr soziales Wohnumfeld übernehmen und "an einem Strang ziehen", Berge versetzen können. Genau da, wo der Bauernhof über die Jahre gewachsen ist, wird er gebraucht und weil er genau dort gebraucht wird, hat er sich über lange Durststrecken hinweg gehalten und weiterentwickelt.

Was wir wollen...

Der Bauernhof ist ein offener Ort zum Spielen und Lernen, der über Bezirksgrenzen hinweg von zahlreichen Menschen, Kindergruppen und Schulklassen genutzt wird. Es gibt dort Schafe, Ziegen, Ponies, einen Esel, Enten, Gänse, Hühner, Kaninchen, Gärten, einen Ökologie-Lehrpfad, ein Gemeinschaftshaus aus Lehm, Weideflächen und Platz zum Toben. Kinder können Kontakt zu Tieren aufnehmen, exemplarisch lernen, wie Futter, Heilpflanzen und Gemüse angebaut werden, ökologische Kreisläufe "zum Anfassen" begreifen und lernen, Verantwortung für sich, die Gemeinschaft und ihre Umwelt zu übernehmen.

Vernetzung...

Der Verein Kinderbauernhof am Mauerplatz e.V. ist als gemeinnützig anerkannt und anerkannter Träger im Sinne des Kinderjugendhilfegesetzes KJHG. Das Projekt wurde von der Fachöffentlichkeit hochgelobt: Fachtagung Spiel- und Lebensraum Großstadt, Professor Robert Jungk, B.U.N.D., L.B.U., Greenpeace, GEW, etc.

Kollegen und Kolleginnen umliegender Schulen (Nürtingen Grundschule, Waldorfschule, Zille-Schule u.v.m.), zahlreiche Kindergruppen, Nachbarn, Projekte und Gewerbetreibende bekundeten über Jahre die Notwendigkeit seiner Existenz mit Unterschriften. Materielle Unterstützung durch Sach- und Geldspenden, praktische Hilfe und Einsatz von Arbeitskraft, know-how und praktischer Solidarität wurde insbesondere bei Arbeitseinsätzen oder Benefizveranstaltungen unmittelbar erfahrbar.

Der Verein ist Mitglied im Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze (auf Bundesebene) sowie im Arbeitskreis Berliner Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe (AKIB). Seit Bestehen arbeiten wir eng mit anderen Projekten im Kiez zusammen und nehmen nach Kräften an der bezirklichen Sozialraum AG teil. Nach der Maueröffnung bekundete auch der Bezirk Mitte Interesse am Erhalt des Projektes, da Kinder nun mal keine Bezirksgrenzen kennen und es dort keine vergleichbare Einrichtung gibt. Kooperationen bestehen aktuell mit der TU Berlin und dem Umweltamt Kreuzberg. Über die Jahre wurden internationale workcamps in Kooperation mit dem Service Civil International durchgeführt. In diesem Jahr möchten wir über das Projekt MICROPOLIS in Zusammenarbeit mit der TU Berlin und Menschen aus dem Kiez ein Solarcafé auf dem Bauernhof einrichten.

Bedrohung von außen...

Das Gelände des Bauernhofes wurde im Laufe der Jahre von Planern und Politikern wiederholt für andere Nutzungskonzepte vorgesehen. 1987 kam es im Zuge von Bebauungsplänen sogar zu einer gewaltsamen polizeilichen Räumung der vom Verein genutzten Ackerfläche. (Nicht nur unsere Bäume und Sträucher wurden verhaftet, die BetreiberInnen des Projektes wurden jahrelang in die "kriminelle Ecke" gestellt, nachdem die dort errichtete Kindertagesstätte durch Fahrlässigkeit bei den Bauarbeiten kurz vor der offiziellen Einweihung abbrannte.)

Nach dem Fall der Mauer stieg der Wert des Grundstückes erheblich. Im letzten Jahr intensivierte der Verein erneut seine Bemühungen, das Projekt durch einen Nutzungsvertrag langfristig abzusichern. Die Gespräche wurden seitens des Bezirksamtes Kreuzberg nicht weitergeführt. (Wir hoffen, dass dies nur auf die allgemeine Konfusion hinsichtlich der Bezirksfusion zurückzuführen ist und nicht auf mangelndes Interesse am Projekt.)

Finanzielle Absicherung...

Über die Jahre seiner Existenz war der Kinderbauernhof nie in einer bezirklichen Regelförderung. Mit hohem ehrenamtlichen Engagement und Improvisationstalent lotsten die Betreiber das Projekt unter Zuhilfenahme von Programmen des zweiten Arbeitsmarktes und Spenden durch Höhen und Tiefen. 1999 war der Kinderbauernhof zum ersten Mal mit 23.650 DM in der bezirklichen Förderung. Im letzten Jahr erhöhte sich die finanzielle Förderung durch die Jugendförderung Kreuzberg auf 50.000 DM. Hiervon ließ sich jedoch nicht einmal eine einzige Stelle für eine pädagogische Fachkraft finanzieren. Das

Geld wurde für projektbezogene Ausgaben wie Futter, dringendste Reparaturarbeiten und Betriebskosten verwendet. Laut Bescheid vom 01.02.2001 wird der Kinderbauernhof im Jahr 2001 ganz aus der bezirklichen Förderung genommen.

Ohne einen Vertrag für das Grundstück können wir schwerlich Mittel wie Stiftungsgelder akquirieren.

Wir wissen nicht, wie es weitergehen kann, sprich, wie wir die Kontinuität von pädagogischer Beziehungsarbeit im sozialen Brennpunkt absichern oder Betriebskosten für Futter, tierärztliche Behandlungen, Wasser, Müllabfuhr, Strom, Versicherung und Instandhaltung aufbringen können.

Wir wünschen uns von den Politikern und Politikerinnen und Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses:


  • dass sie über ihren Schatten springen und das in letzter Zeit oft verbal geäußerte Wohlwollen dem Projekt gegenüber mit Taten dokumentieren,
  • kontinuierliche Gespräche,
  • langfristige Absicherung des Kinderbauernhofes durch einen Vertrag,
  • finanzielle Förderung!

Wir wünschen uns von den Vertretern und Vertreterinnen der Medien:


  • dass sie dazu beitragen, dass der Kinderbauernhof im öffentlichen Gespräch bleibt, bis wir als feste Einrichtung abgesichert sind!

Kinderbauernhof am
Mauerplatz e.V.
Leuschnerdamm 9
10999 Berlin
Spendenkonto:
Kinderbauernhof
am Mauerplatz e.V.
Postgirokonto Nr.:
108 553 - 101
BLZ: 100 100 10
Spenden sind steuerlich absetzbar. Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt.

 

Startseite | MieterEcho Archiv

Druckversion  | Startseite  | © 2010 Berliner MieterGemeinschaft e.V.  | Letzte Aktualisierung: 04.12.2003