Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 452 / September 2025

„Zweifach war des Bauens Lust“

 

Interview mit dem Architekten Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut.    

MieterEcho: In Ihrem Buch „Zweifach war des Bauens Lust“ beschreiben Sie auf anschauliche Weise die wechselvolle Geschichte der Architektur und des Bauens der DDR und danach und bereichern dieses mit Berichten und Anekdoten. Zu Ihrem 80. Geburtstag widmete Ihnen der Bezirk Marzahn-Hellersdorf eine  Ausstellung gleichen Titels. Worin bestand denn diese Lust am Bauen und wo war sie größer, im Osten oder im Westen?

Wolf R. Eisentraut: Der Lustgewinn erwächst aus dem Schaffensprozess. Der Frust war in beiden Systemen vielleicht gleich. Im Osten durch Bevormundung aus strenger Baupolitik und Sparsamkeit, im Westen durch Gewinnmaximierung und Besserwisserei. Lust gewann ich aus dem schöpferischen Umgang mit diesen Bedingungen und dem Gestalten der Häuser und ganzer Wohngebiete nach meinen Vorstellungen. Alle Architekten kennen das. Das erforderte auch großen zeitlichen Einsatz, abends und nachts. Früh bin ich dann in mein Kollektiv. Im Osten arbeitete ich in einem großen volkseigenen Büro. Als wir Marzahn planten, arbeitete ich mit bis zu 80 Kolleginnen und Kollegen zusammen. Die wurden vom Staat bezahlt. Im Westen hatte ich ein Privatbüro als freier Architekt mit deutlich weniger Mitarbeitern, weil das Geld für die Gehälter erst einmal erwirtschaftet werden musste.

In Marzahn bestand die Herausforderung darin, entgegen vorgegebener Gebäudetypen individuell standortbezogene Architektur zu machen – gegen die Typisierung, aber für das industrielle Bauen mit seriellen Bauelementen. Das kreative Verhandeln mit dem Auftraggeber ist auch im Westen geblieben. Beim Abriss Ost, der Wohnraum vernichtet und Wohngebiete gleichsam perforiert hat, habe ich eine Technologie entwickelt und mehrfach angewendet, die den geordneten Abtrag der oberen, zumeist leer gezogenen Geschosse unter bewohnten Bedingungen der unteren drei Geschosse nach straffem Zeitplan ermöglichte. Und mit den abgetragenen Elementen habe ich dann Einfamilienhäuser bauen lassen. Da war ich meiner Zeit voraus.

Als einer der profiliertesten Architekten der DDR stehen Sie natürlich für die Architektur in der DDR, wobei mir neben Marzahn vor allem der Palast der Republik in den Sinn kommt. Der wurde abgerissen, ebenso Bauten von Ihnen in Marzahn. Wie sind Sie persönlich damit umgegangen, als Ihre Arbeit vernichtet wurde?

Es sind nicht meine Bauten, sondern die Bauten der Bewohner. Der Abriss hat mich schon betrübt. Es wurden nicht nur Gebäude abgerissen, sondern ganze städtebauliche Ideen damit zerstört, z. B. beim Palast der Republik. Der stand nicht zufällig da und wurde von uns bis in den Innenraum städtebaulich konzipiert. So treffen sich die Achsen der großen Stadträume vor dem Fernsehturm und Unter den Linden im gläsernen, nach beiden Seiten geöffneten Foyer. Dort stand die Gläserne Blume. Das war ein begehrter Treffpunkt. Jeder aus dem Osten kennt diesen Ort. Denn man ging in der Freizeit in diesen Palast, um sich an dem Ort zu treffen, auf den roten Sofas zu sitzen und zu verweilen. Die Ironie der Geschichte ließ genau an dem Standort der gläsernen Blume im ersten Obergeschoss im neuen Schloss die Toilettenanlagen für Gaststätten entstehen: also ein kapitales Scheißhaus anstelle der sozialistischen Blume. Hat das Symbolkraft?

Nicht nur der Palast für die Bevölkerung wurde abgerissen, sondern auch die Idee städtebaulicher Einbindung und Planung. Auch in Marzahn sind nicht nur Gebäude, sondern ganze städtebauliche Ensembles zerstört worden.

Wie sieht das heute aus? Hat sich das zum Positiven gewandelt?

Nein, nun setzt sich die Überformung als kultivierte Variante mit dem Neubau fort. Oft werden Häuser durch Banalitäten ersetzt. So erwirbt z. B. ein Investor zufällig ein Grundstück. Auf dem steht schon etwas. Das interessiert ihn nicht, denn er will ja wirtschaftlich bauen. Darum geht er zum Stadtplanungsamt, und im Regelfall wird dann ein kleiner Bebauungsplan für ihn aufgestellt, weil man sich freut, dass einer kommt und bauen will. Man arbeitet mit kleinen Bebauungsplänen ohne Zusammenhang. Das kann nicht der Weg sein, da fehlt der Blick aufs Ganze. Aber das gibt scheinbar die Verwaltungsstruktur nicht her. Da bräuchte es einen Kopf, der in Kontinuität und Zusammenhängen denkt.

Ein Beispiel ist Ost-Marzahn. Dort ist ein Berg, und vor diesem ehemaligen Schuttberg wurde ein Wohngebiet mit mehrgeschossigen Gebäuden und Punkthochhäusern gebaut. Nun kommt ein Investor und der will im Zentrum neu bauen – wo ich vor Jahrzehnten eine schöne Gaststätte und eine Bibliothek gebaut hatte. Die wurde nach der Wende weggerissen und eine barackenähnliche Einkaufsstadt gebaut. Die Baracken werden jetzt auch weggerissen, und man will nun ein Hochhaus dorthin bauen. Das Hochhaus ist so hoch wie der Berg. Das ist die planerische Bezugsgröße. Aber im Innenbereich macht das Hochhaus keinen Sinn. Das muss frei stehen können. Es gibt am Rande viele bessere Standorte. Aber man beschränkt sich auf Formalien des Bauplanungsrechtes. Das ist doch kein Städtebau. Wenn die Leute dann sauer sind, weil sie sich nicht mehr wohlfühlen und keinen Ausblick mehr haben, dann ist das natürlich verständlich. Es hat eben auch immer mit der Qualität von Stadtplanung zu tun, ob man sich an Orten wohlfühlt.

Ein anderes Beispiel ist der Helene-Weigel-Platz. Im Rahmen der Erneuerung der Kaufhallen wurde dieses Ensemble zerstört, in dem einer der drei standortbestimmenden Würfel, das Kaufhaus, ersatzlos abgerissen und eine Lücke geschaffen worden ist. Nun droht neues Unheil. Ein Investor will unter Missachtung des Bestandes und der Maßstäbe den Ort mit Hochhäusern überbauen. Ein Bebauungsplan, wiederum nur auf dieses Vorhaben bezogen, ist in Vorbereitung.

Heute ist die Wohnungsfrage brisanter denn je. Vielleicht ist die Lösung der Wohnungsfrage auch heute systementscheidend, ähnlich wie damals in der DDR. Wie würden Sie mit ihren Erfahrungen diese Frage heute beantworten, wenn die Bundesbauministerin Sie als Berater berufen würde?

Mich fragt keine Bauministerin. Die Wohnungsfrage ist unter marktwirtschaftlichen, gewinnorientierten Bedingungen wohl nie endgültig zu lösen. Gewinnerzielung und Gemeinwohl stehen im Widerspruch. Und statt Panzer zu kaufen, könnte man mehr Mittel für den Wohnungsbau zum Wohle der Menschen zur Verfügung stellen.

Lassen Sie uns noch einmal nach Marzahn zurückkehren.
Neben der langen Wohndauer der Bewohner/innen aus
Zeiten der DDR und deren Wohnzufriedenheit gilt Marzahn heute als einziger Bezirk Berlins, in dem man überhaupt
noch eine Wohnung bekommen kann. Marzahn, der Bezirk der Zukunft?

So in diesem Zustand noch nicht. Aber Marzahn hat das Potential eine richtig lebendige Stadt zu werden. Aber das muss gesteuert werden. Wesentlich ist die funktionelle Vielfalt, die das städtische Leben ausmacht. Dazu sind insbesondere an den Hauptwegen nicht nur reine Wohnhäuser zu bauen, sondern solche mit gewerblich oder öffentlich genutzten Funktionen. Handel, Gewerbe, Kultur und Einrichtungen des Gesundheitswesens tragen zur funktionalen Vielfalt und eben zur Stadtwerdung bei. Und es braucht auch die Überwindung der Schneisen zwischen den Gebieten, die großen Verkehrstrassen sollten verkleinert werden. Da kann man viel Bauland gewinnen. Es braucht diese großen Verkehrsflächen nicht, obwohl das Auto noch über Jahrzehnte ein wichtiges Verkehrsmittel bleiben wird. Um das zu ändern, müsste man den öffentlichen Nahverkehr weiterentwickeln.

Sie denken stadtplanerisch. Das Kapital denkt investiv. Mit der großen Einkaufsmeile Eastgate kam die Verheißung des Konsums nach Marzahn, nun stehen bereits Gewerbeflächen leer. Marzahn ist kein sozialer Brennpunkt. Die Häuser sind saniert und gepflegt, die Grünflächen üppig und einladend. Bitte geben Sie unseren Leser/innen und ihren Initiativen einen Ausblick.

Was es braucht, ist der schrittweise Wandel von der Großsiedlung zum lebendigen und vielfältig genutzten Stadtteil Berlins, mit guten Wohnungen, Erlebnis bietenden Zentren, großzügigen Grünflächen, hervorragender Verkehrsanbindung, vielerlei kulturellen und sozialen Einrichtungen, nicht zuletzt integrierten Arbeitsstätten am Ort, und das alles im Rahmen einer umfassenden, Gestalt bestimmenden Stadtplanung und guter standortbezogener Architektur unter Einbeziehung des Bestandes: Weiterbauen, Weiterbauen!

Das Interview führte Karin Baumert.

 

Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut ist Architekt, er wirkte sowohl in der DDR wie in der BRD. Mit seinen markanten Bauten prägte er u. a. das Gesicht der Großsiedlung Marzahn.

 

Wolf R. Eisentraut, Zweifach war des Bauens Lust: Architektur | Leben | Gesellschaft
durchgängig vierfarbig, 379 Seiten, 360 Abb., www.lukasverlag.com


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