Wohnungen statt Unterkünfte
In Berlin gibt es mehrere Initiativen zur Unterstützung und Selbstvertretung von Obdach- und Wohnungslosen.
Von Rainer Balcerowiak
Wohnungs- und Obdachlose haben keine starke Lobby. Wenn überhaupt, wird in den großen Talkshows, in der Presse oder auch in Wahlkämpfen zwar über sie, aber nicht mit ihnen geredet. Das gilt besonders für diejenigen, die ganz oder überwiegend auf der Straße leben. In Berlin wird deren Zahl auf 6–10.000 geschätzt. Die Rede ist dann von „Schandflecken“ und verwahrlosten Plätzen, Parks oder Bahnhöfen, wo es „aufzuräumen“ gelte. Und diejenigen, die man in irgendwelchen Notunterkünften, Wohnheimen, Hostels oder Behelfswohnungen untergebracht hat, oder die sich als „Couch-Surfer“ bei Bekannten durchschlagen, werden weitgehend ausgeblendet. Das sind derzeit laut offiziellen Zahlen über 50.000 in Berlin, dazu kommt eine riesige Grauzone. Und nur die wenigsten von ihnen haben eine realistische Chance, in absehbarer Zeit eine eigene Wohnung mit einem regulären Mietvertrag zu erhalten.
Viele verzweifeln angesichts dieser düsteren Lebensrealität, und ergeben sich in ihr Schicksal. Doch es gibt auch betroffene Menschen, die sich damit nicht abfinden und gemeinsam mit Unterstützer/innen Öffentlichkeit schaffen wollen und gegen die herrschenden Verhältnisse kämpfen – in eigenen Vereinen, Initiativen und sogar einer Stiftung. Mit einigen haben wir uns in der Redaktion zum Gespräch getroffen.
Eine von ihnen ist Janet. Die 47-jährige war selber 6 Jahre obdach- und 12 Jahre wohnungslos. Nachdem sie ihre Wohnung in Bonn verloren hatte, strandete sie während der Corona-Phase irgendwann in Berlin. Im Zuge der Besetzung des Hauses Habersaathstraße in Berlin-Mitte (an der sie nicht direkt beteiligt war) und des zähen Kampfes um die wenigstens befristete Nutzung der Wohnungen durch Obdachlose kam sie dann in Kontakt mit anderen Betroffenen. „Da habe ich dann hautnah mitbekommen, wie das hier abläuft. Da gab es intakte Wohnungen, die standen leer und sollten irgendwann luxusmodernisiert werden, damit der Besitzer mehr Kohle macht, während gleichzeitig viele tausend Menschen auf der Straße oder in Behelfsunterkünften leben müssen“, erzählt Janet.
Vielfältige Aktivitäten
Inzwischen hat sie eine Wohnung, aber ihr Engagement geht weiter. Sie gehört zu den Organisatoren einer großen Mahnwache gegen Obdachlosigkeit, die seit 7 Jahren jährlich vor dem Roten Rathaus stattfindet. „Wir fordern vor allem die Umsetzung von Artikel 28 in der Berliner Landesverfassung.“ Der lautet: „Jeder Mensch hat das Recht auf angemessenen Wohnraum. Das Land fördert die Schaffung und Erhaltung von angemessenem Wohnraum, insbesondere für Menschen mit geringem Einkommen.“
Janet engagiert sich auch stark in der Öffentlichkeitsarbeit für Betroffene und arbeitet mit dem Verein Querstadtein zusammen, der unter anderem Stadtführungen zum Thema Obdachlosigkeit anbietet, bei denen Betroffene zu Wort kommen. „In meinen Führungen versuche ich, den Teilnehmenden das Leben in dieser Stadt aus der Sicht von Obdachlosen zu vermitteln“, erläutert Janet. Die Honorare für diese Arbeit sind mittlerweile ihre materielle Existenzgrundlage, als Zuverdienst zum Bürgergeld.
Auch Lothar Schmischo, der nach dem Tod seiner Frau in eine schwere Krise geriet, hat sich intensiv in die Bewegung eingeklinkt, vor allem in der Union für Obdachlosenrechte Berlin (UfO Berlin), die sich als unabhängige und selbstbestimmte Interessenvertretung versteht und von wohnungslosen und ehemals wohnungslosen Menschen und ihren Verbündeten getragen wird. UfO bemüht sich vor allem um Lobbyarbeit bei Behörden und Politiker/innen und „die Sensibilisierung der Mehrheitsgesellschaft“, wie es in der Selbstdarstellung heißt. Er habe damals „gerade noch die Kurve gekriegt“ und sei nicht in die Obdachlosigkeit gerutscht, erzählt Schmischo. Er habe aber immer viel Kontakt mit Obdachlosen gehabt und nach Kräften geholfen, „und seien es nur ein paar belegte Schrippen gewesen, die ich dann verteilt habe“. UfO sieht er als Möglichkeit, öffentlichkeitswirksam Druck zu machen, damit genügend Wohnraum zur Verfügung gestellt bzw. neu geschaffen wird.
Steffen Doebert war nach der Trennung von seiner Frau einige Zeit wohnungslos und hat sich bei Freund/innen durchgeschlagen. Inzwischen hat er wieder eine reguläre Wohnung. Er hat sich anfangs in der Mieterbewegung in Pankow engagiert, auch im Bündnis „Mietenwahnsinn“. Dort sei er dann auch verstärkt mit obdach- und wohnungslosen Menschen in Kontakt gekommen und habe z. B. geholfen, eine Mahnwache anzumelden, „da die meisten Betroffenen ja keinen festen Wohnsitz haben, und daher so was nicht machen können“, berichtet Doebert. Dann habe er sich am Wohnungslosenparlament beteiligt, „und dann ging das immer weiter“.
So ähnlich beschreibt das auch seine Partnerin Nicole Lindner: „Wenn man da einmal die Augen aufgemacht hat, dann kriegt man sie auch nicht wieder zu. Wenn man eine Wohnung hat, dann kann man darum kämpfen, dass man die behalten kann. Aber wenn man keine hat, dann geht es um was viel Grundlegenderes.“ Beide beklagen auch den brutalen Umgang mit Obdachlosen im öffentlichen Raum, wenn etwa Bänke abgeschrägt oder mit Zwischenlehnen versehen werden, damit sich da niemand mehr hinlegen kann. Oder auch die Räumungen von Bauwagensiedlungen, wo das Eigentum der Geräumten in vielen Fällen einfach vernichtet wurde.
Einen ganz anderen Zugang zur Obdachlosenszene hat Stefan Schneider gefunden. Er hat seine Diplomarbeit als Pädagoge 1989 über die Wärmestube „Warmer Otto“ in Berlin-Moabit geschrieben. „Mir ging es um die Frage, was diese Einrichtung den Betroffenen eigentlich nutzt, und das war ziemlich erschreckend.“ Schneider hat sich dann bei Straßenzeitungen wie dem „Straßenfeger“ engagiert. Später sei er nach zahlreichen Treffen mit Betroffenen zu der Erkenntnis gekommen, dass es eine politische Vernetzung und Selbstvertretung geben müsse. „Und so ist dann die Idee der Wohnungslosenstiftung entstanden“, die Schneider gründete und für die er jetzt quasi ehrenamtlich als Geschäftsführer tätig ist. Finanziert wird die Arbeit durch Projektmittel und Spenden.
Basis der gemeinnützigen Stiftung sind Netzwerktreffen, auf denen unter der Prämisse der „Mildtätigkeit“ auch diskutiert wird, wie man die zur Verfügung stehenden Gelder für direkte Hilfen verteilt. Aber vor allem gehe es da um die katastrophale Lage vieler Betroffener: „Kaum jemand ist freiwillig auf der Straße, viele wählen diesen Weg, weil die Notunterkünfte in einem furchtbar schlechten Zustand sind“, so Schneider. Und gleichzeitig bekämen die Menschen auf der Straße ja auch mit, dass viele Wohnungen leerstehen. Aber wenn man Politiker/innen darauf anspricht, „dann labern die meistens nur“.
Radikales Umsteuern notwendig
Alle an dieser Gesprächsrunde Beteiligten betonen, dass es eben nicht nur um kleinteilige Hilfs- und Unterstützungsaktionen, sondern um grundlegende Weichenstellungen geht. Es sei doch „ein Unding, dass es Räumungen von Wohnungen direkt in die Obdachlosigkeit überhaupt geben kann“, sagt Schneider. Und dann werde man in „zwangsgemeinschaftliche Notunterkünfte verbracht, wo die meisten einfach stecken bleiben“. Ein Grundproblem sieht Schneider darin, „dass ein Großteil der Wohnungslosenhilfe darauf ausgerichtet ist, dass Menschen wohnungslos bleiben“, und man denen quasi die Fähigkeit abspricht, wieder normal zu wohnen.
Schneider fordert eine konsequente Orientierung der Wohnungslosenpolitik auf das Menschenrecht auf eine Wohnung. Also Housing First, „aber nicht so wie hier, wo das ja nur eine Alibi-Wohnraumvermittlung in einer lächerlichen Größenordnung ist“. Sondern so wie in Finnland, wo man ein entsprechendes Kontingent von Wohnungen geschaffen hat. Für Obdach- und Wohnungslose brauche es nicht mehr Unterbringungen, sondern mehr Wohnungen.
Janet sieht auch die Wohnheime als großes Problem. So sei es etwa „für Menschen mit Behinderungen oder Menschen, die sich nicht von ihrem Hund trennen wollen, fast unmöglich, dort einen Platz zu bekommen“. Ohnehin seien die Wartezeiten sehr lang. Laut Gesetz sollen Menschen in diesen Wohnheimen maximal 6 Monate leben, „aber für viele ist das eine Sackgasse“. Sie kenne einen Fall, „wo ein Bewohner nach 18 Jahren mit den Füßen herausgetragen wurde“. Je länger Menschen untergebracht werden, desto mehr resignieren sie. Wichtig seien daher schnelle Hilfen zur Wiedereingliederung in reguläre Wohnformen, „und daran mangelt es“.
Informationen im Internet:
www.ufo-berlin.org
www.wohnungslosenstiftung.org
www.querstadtein.org
MieterEcho 453 / Oktober 2025


