Wild-West-Investor in Gesundbrunnen
Mieter/innen des Kulturhofs „Kolonie 10“ kämpfen weiter gegen Schikanen und Abrisspläne.
Von Oliver Rast
Idyll, Oase, Kleinod – Begriffe gibt es für diesen Ort einige. Für den „Kulturhof Koloniestraße 10“ (kurz: „Kolonie 10“) im Ortsteil Gesundbrunnen im Hauptstadtbezirk Mitte. Einem begrünten Hof aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts mit Remisewohnungen, Werkstätten und Kutschergaragen. Einem Areal für Kunst- und Kulturschaffende samt vier Mieter/innen. Und die kämpfen schon seit Jahren um den Erhalt ihres Arbeits- und Wohnraums.
Denn mit derlei „fortschrittsfeindlichem“ Gedöns hat Romeo Uhlmann nichts am Hut. Er ist seit 2022 Eigentümer des Gründerzeithofs. Der geschäftsführende Gesellschafter der Grundkontor Projekt GmbH aus München inszeniert sich als visionärer Projektentwickler „werthaltiger Immobilienmarken“. Sein renditeträchtiges Lieblingsprojekt sind Mikroapartments. Einen schmissigen „My Apart“-Reklamespruch hat er dafür auch: „Wohnen mit Niveau auf kleiner Fläche in ausgesuchten Lagen.“ Das sind standardisierte, möblierte 20-qm-Schachteln für monatlich 800 Euro warm.
Uhlmann setzt hartnäckig darauf, den Hof zu entmieten und abzureißen, um teure Minibuden für Studierende („Campus Viva“) bauen zu lassen. So wie auf dem Nachbargrundstück, der Koloniestraße 11–12. Doch das Gros der dortigen Wohnungen dürften Angehörige der Bundeswehr – auf Steuerzahlerkosten – bezogen haben, so „Kolonie 10“-Aktivistin und Bewohnerin Sabine Meier (Name geändert) im MieterEcho-Gespräch. Mehr noch, im Bezirksamt Mitte kursiert das Gerücht, Uhlmann habe das Objekt teilweise oder ganz an die Bundeswehr bzw. an deren Hochschule vermietet, erfuhr MieterEcho aus Verwaltungskreisen. Bestätigen lässt sich das nicht, die Grundkontor Projekt GmbH ließ eine entsprechende Anfrage unbeantwortet.
Ende Januar begann Uhlmann mit dem Teilabriss der „Kolonie 10“. Die alte Werkstatt, ein ehemaliger Büroraum und drei Garagen fielen Baggern zum Opfer. Bis das Berliner Verwaltungsgericht in einem Eilverfahren eine weitere Demontage gestoppt hat. Auch wegen Nistplätzen des Haussperlings. Die Richter entschieden, durch Lärm, Staub und Erschütterungen bestehe „die konkrete Gefahr, dass die Fortpflanzungs- und die Ruhestätten der Spatzen geschädigt bzw. gestört würden“.
Abriss ist nicht zulässig
Doch die Liste der Schikanen ist länger. Sabine Meier: „Schon im Winter waren wir wochenlang ohne Heizung. Irgendwann hat sich die Wohnungsaufsicht erbarmt und Heizöl bestellt.“ Und nun der neueste Clou Uhlmanns: Seit Anfang Juni stehe ein Kameraüberwachungsturm auf dem Hof, erzählt Meiers Mitbewohner Sebastian Schmidt (Name geändert) dem MieterEcho. „Ohne Vorankündigung, ohne Hinweisschild.“ Dafür mit Blick in fünf der sechs Zimmerfenster der Mieter/innen. Ferner montierte eine Baufirma einen Zaun entlang des Hofs. Den einzelnen Mietparteien bliebe nur ein cirka 40 Zentimeter schmaler Durchgang zu ihren Wohnungstüren, so Schmidt weiter. Aber auch das ist nicht alles. Die Nutzung des angelegten Hofes samt Sitzecken und Schattenplätzen, Obstbäumen und Pergolen untersagte der Spekulant.
Hinnehmen will das die „Kolonie 10“ nicht. Mietrechtsanwalt Heinz Paul beantragte unterdessen die Entfernung der Kameras, des Bauzaunes „und die Freigabe des Hofes zur Nutzung gemäß unserer mietrechtlichen Vereinbarung“, weiß Schmidt.
Ein Vorteil: Das Areal liegt im Milieuschutzgebiet Reinickendofer Straße. Ein Abriss des Wohnraums sei nicht zulässig, betonte der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung und Facility Management, Ephraim Gothe (SPD), im Telefonat mit dem MieterEcho. „Die Karte sticht weiterhin.“
Das scheint Uhlmann zu nerven. Nicht von ungefähr versuchte er bereits zwei Mal, das besagte Milieuschutzgebiet juristisch für ungültig zu erklären, um sein Bauvorhaben umsetzen zu können. Bislang ohne Erfolg.
Unterstützung erhält die „Kolonie 10“ von Tobias Schulze. Uhlmann sei für seine Profitmaximierung auf Kosten wohnungssuchender Menschen bekannt, sagte der Co-Vorsitzende der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus auf MieterEcho-Nachfrage. Kurzum, „der Immobilieninvestor darf mit seiner Wild-West-Manier nicht durchkommen.“ Das urbane Biotop im Gesundbrunnen müsse erhalten bleiben.
MieterEcho 451 / August 2025


