Von Karlsruhe lernen
In der badischen Metropole steht die Vermeidung von Wohnungsverlust und die Akquise von Belegrechten im Mittelpunkt.
Von Heiko Lindmüller
Wenn in Deutschland über Strategien zur Überwindung bzw. Eindämmung der Wohnungs- und Obdachlosigkeit diskutiert wird, kommt man an Karlsruhe nicht vorbei. Denn in der mit rund 300.000 Einwohner/innen drittgrößten Stadt des Landes Baden-Württemberg verfolgt man seit vielen Jahren einen Ansatz, der die Vermeidung von Wohnungslosigkeit in den Mittelpunkt stellt. Er basiert auf dem „Gesamtkonzept Wohnungslosenhilfe“, das der Sozialplaner und spätere Sozialbürgermeister Martin Lenz (SPD) vor über 20 Jahren als Reaktion auf deutlich steigende Zahlen von Obdach- und Wohnungslosen entwickelte. In einem Gespräch mit dem „Staatsanzeiger“ erläuterte Lenz, der im September in den Ruhestand getreten ist, die Grundprämissen des „Karlsruher Weges“. „Es braucht Wohnungen, um Wohnungslosigkeit zu beenden. Die Hilfesysteme und Unterbringungshäuser lösen das Problem nachhaltig nicht wirklich. Eine vorübergehende Unterbringung ist in der Regel sogar eine Verschlechterung der Situation der Betroffenen. Der Erhalt der Wohnung, also gar nicht erst zu räumen, ist sozial betrachtet die beste Option.“ Und für die Kommunen rechne sich das sogar, betont Lenz: „Ein öffentlich untergebrachter Wohnungsloser kostet rund dreimal so viel, als wenn er eine eigene Wohnung hätte.“ Im Mittelpunkt dieses Konzeptes steht die „Fachstelle Wohnungssicherung“. Bei der laufen alle Informationen über drohende oder bereits vollzogene Räumungen zusammen. Die Mitarbeiter/innen treten dann direkt an die Vermieter heran, um die Räumung abzuwenden – und das mit einer hohen Erfolgsquote. „Man muss Räumungsklagen und damit Wohnungslosigkeit verhindern, ganz gleich, was es kostet“, so Lenz. Das könnten in einigen Fällen auch 10.000 Euro an Mietrückstand sein: „Die zahlen wir, auch wenn man das aus pädagogischen Gründen nur einmal machen kann. Dafür gibt es bei uns Sicherungssysteme, damit das funktioniert. Das leisten unsere Mitarbeiter der Fachstelle.“ Für die Vermieter sei das „ein Rundum-Sorglos-Paket“, denn die Stadt garantiere die Mietzahlung, und die Fachstelle sorge – oftmals in enger Kooperation mit Jobcenter und Sozialämtern – auch dafür, dass der/die Mieter/in das Geld aufbringen kann.
Wohnungslosenheime geschlossen
Neben der unmittelbaren Verhinderung der Wohnungslosigkeit ist die Akquise von Belegrechten das zweite große Aufgabenfeld der Fachstelle. Die Vermieter erhalten einen Zuschuss, um die Wohnung für zehn Jahre belegen zu können, und übernehmen in diesem Zeitraum eine Mietausfall-Garantie. Für die dorthin vermittelten Wohnungslosen gibt es eine von Sozialarbeiter/innen begleitete „Probezeit“, und nach einem Jahr bekommen sie einen eigenen, regulären Mietvertrag.
Bereits 2003 wurden in Karlsruhe mit einer Ausnahme alle städtischen Wohnungslosenheime aufgelöst, einige wurden privatisiert. Für bestimmte Personengruppen braucht es allerdings intensive Betreuung und Begleitung, „da hilft die Wohnung allein nicht“. Dafür gibt es Spezialeinrichtungen in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt oder der Kirchen. Aber der Fokus der Fachstelle ist eindeutig auf die Vermeidung von Wohnungslosigkeit und die stetige Akquise von Wohnungen gerichtet. Anhand der simplen Erkenntnis, dass ohne eigene Wohnung keine angemessene gesellschaftliche Teilhabe möglich ist, so Lenz.
Längst hat das „Karlsruher Modell“ Aufmerksamkeit in anderen Kommunen geweckt, etwa in Nordrhein-Westfalen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Finanzierung, sondern die Struktur der Wohnungslosenhilfe. Denn der Erfolg in Karlsruhe basiert auch darauf, dass alles in einer städtischen Fachstelle gebündelt ist – von der Räumungsverhinderung bis hin zur Akquise und Vermittlung von Wohnungen. In vielen Städten – auch in Berlin – spielen jedoch unzählige freie Träger und kommerzielle Anbieter eine wesentliche Rolle, für die der Betrieb von Obdachlosenheimen und Übergangswohnungen ein lukratives Geschäft ist, was für die Stadt enorme Kosten verursacht und den meisten Wohnungslosen wenig Perspektive bietet. Es wäre also höchste Zeit, auch in Berlin den Hebel umzulegen.
MieterEcho 453 / Oktober 2025


