Von der Bremse zur Patrone
Wedding: Rheinmetall-Tochter stellt auf Rüstungsproduktion um.
Von Björn Tvätt
Anfang des Jahres wurde bekannt, dass der Pierburg-Standort in der Scheringstraße (Berlin-Wedding) auf Rüstungsproduktion umgestellt werden soll. Diese Neuausrichtung durch den Mutterkonzern Rheinmetall ist kein Einzelfall, sondern Teil einer bundesweiten Entwicklung: Zivile Industriestandorte werden zu Waffenschmieden umfunktioniert, und das zunehmend mitten in der Stadt. Allein in Berlin rüsteten im vergangenen Jahr knapp 50 Betriebe auf Dual-Use-Rüstungsproduktion um.
Aktuellstes Beispiel ist die hiesige Pierburg-Fabrik. Jahrzehntelang wurden hier Autoteile gefertigt, jetzt will Rheinmetall die Produktion auf Artillerie-Hülsen umstellen. Der Standort liegt inmitten eines dicht besiedelten Wohngebiets – zwischen Altbauwohnungen, Schulen und kleinem Gewerbe. Natürlich ist eine Rüstungsfabrik auf freiem Feld in Brandenburg oder der Lüneburger Heide nicht weniger verwerflich. Dass aber in einem innerstädtischen Umfeld künftig Kriegstechnik gefertigt werden soll, ist nicht nur sicherheitspolitisch problematisch, sondern gesellschaftlich hoch brisant.
Rund um den Humboldthain liegt ein multikulturelles Viertel mit einer langen Geschichte von Migration, Arbeitersolidarität und zivilem Widerstand. Gerade hier eine Waffenfabrik entstehen zu lassen, steht in eklatantem Widerspruch zu den Werten, die diesen Stadtteil über Jahrzehnte geprägt haben. Eben jene Ablehnung zeigte eine Demonstration im Mai. Neben Basisgruppen der Partei Die Linke mobilisierten auch stadtpolitische Akteure wie das Stadtteilkomitee Wedding gegen den Umbau.
In einer Stellungnahme sprach sich der Betriebsratsvorsitzende Bernd Benninghaus von der IG Metall dagegen für den Umbau zur Rüstungsproduktion aus, da man damit Arbeitsplätze sichere und Teil einer nationalen „Zeitenwende“ sei. Man stehe „mit Überzeugung“ hinter dem Einstieg in die Rüstungssparte.c
Militarisierung auf allen Ebenen
Die Präsenz solcher Produktionsstätten hat auch eine psychologische Wirkung. Sie normalisiert militärisches Denken, macht Kriegslogik zum Bestandteil des Alltags. Wenn Raketenkomponenten oder Drohnensoftware aus denselben Werkhallen und Büros kommen, in denen früher Benzinpumpen oder Wetterbeobachtungsprogramme gefertigt wurden, dann verschwimmen die Grenzen zwischen zivil und militärisch – und damit auch zwischen Frieden und Krieg.
Einen bundesweiten Referenzfall für innerstädtische Rüstungsproduktion lieferte die Diehl-Defence-Fabrik im beschaulichen Städtchen Troisdorf (NRW). Auch dort liegt die Produktion von Sprengzündern in unmittelbarer Nähe zu einem Wohngebiet. Solche Standorte bergen enorme Risiken: Sabotage, Industrieunfälle, mögliche militärische Angriffe in Krisenzeiten – all das betrifft unmittelbar die Anwohner/innen. Ein lokalpolitisches Bündnis aus CDU, Grünen und Linkspartei gegen die Fabrikerweiterung konnte sich zunächst im Gemeinderat durchsetzen. Doch der CDU-Bürgermeister gab unter dem geballten Druck von Bundespolitik und Rüstungslobby schließlich klein bei und genehmigte die Pläne.
Politisch wird diese Auf- und Umrüstung meist als alternativlos dargestellt: Deutschland müsse „wehrhaft“ werden, die Industrie „resilient“, die Produktion „souverän“, Arbeitsplätze müsse man sichern. Sozialpolitischer Kahlschlag und immer weitere Verschlechterungen in allen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge werden dabei in Kauf genommen.
Die Umwandlung von Pierburg in Berlin und die Erweiterung von Diehl in Troisdorf markieren tiefgreifende Verschiebungen in Richtung Militarisierung – mitten in unseren Städten, mitten in der Nachbarschaft. Die Kritik daran darf nicht nur von Friedensinitiativen kommen. Sie muss aus der Gesellschaft selbst laut werden – von Anwohner/innen, Kommunalpolitik und Betriebsrät/innen.
Denn die zentrale Frage bleibt: In welcher Welt wollen wir leben? In einer, in der Waffenproduktion als „normaler“ Teil des Stadtbildes akzeptiert wird – oder in einer, in der zivile Arbeit, soziale Verantwortung und Frieden die Grundlage unseres Zusammenlebens bilden.
Björn Tvätt ist anerkannter Kriegsdienstverweigerer und Stadtteilaktivist.
MieterEcho 453 / Oktober 2025


