Verwaiste Baugrube
Nach jahrelangem Stillstand soll ein neues Zentrum in der Trabantenstadt Märkisches Viertel entstehen, auch mit Wohnungen. Aber für wen eigentlich?
Von Oliver Rast
Mal ehrlich, hier blüht gar nichts. Keine prächtige Landschaft, keine bunte Geschäftswelt, kein pures, pralles Leben. Das war mal anders. Rund um den alten Brunnenplatz, mitten im Zentrum der Trabantenstadt Märkisches Viertel (MV) in Reinickendorf. Vom einstigen vitalen Treiben ist nichts mehr übrig. Stattdessen ist das Areal nach dem Abriss Anfang der 2020er Jahre umzäunt, mit geschlossenen Bauzäunen aus verzinktem Stahlblech; um den Blick auf eine Baugrube samt Sandhügel zu verstellen.
Großspurig waren hingegen die Ankündigungen des Hauptinvestors Chayne Capital Deutschland GmbH, dessen Firmenmutter in London sitzt. Entsprechend aufwendig sind die 3D-Animationen und Imagevideos des Kooperationspartners Kintyre gestaltet — eines „Full-Service Immobilienmanagers“ mit Hauptsitz in Frankfurt/Main, der zu den zehn größten Shopping-Center-Betreibern hierzulande zählt. Und bereits 2024 sollte eigentlich alles neu und schick sein: ein „Märkisches Quartier“ als örtliche Flaniermeile mit Konsumtempel.
Nur, für ein solches Projekt gibt es in der 40.000-Einwohner-Hochhaussiedlung mit einer Bewohnerschaft, die vergleichsweise wenig Kaufkraft hat, keinen Bedarf. Das fiel irgendwann auch dem Investor und dem Bauherren auf. Aus dem Vorzeigeprojekt einer aus dem märkischen Sand gestampften Mall wurde nichts. Die Brache wurde allmählich von Pflanzen wie Schafgarbe, Vogelmiere und Weidenröschen überwuchert.
Im Februar dieses Jahres äußerten sich die Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU) und die Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung, Korinna Stephan (Grüne), zu der Misere. Die ursprünglich genehmigte Bauplanung hätten Investor und Bauherr verworfen – aufgrund „veränderter Marktbedingungen“. Denn die Zeiten riesiger Einkaufszentren mit ausgedehnten Verkaufsflächen seien vorbei, weshalb das Konzept nun stärker auf Wohnnutzung ausgerichtet würde.
CDU lobt „Aufwertung des Stadtteils“
Schön und gut, dachten sich viele Mitglieder der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in Reinickendorf. Etwa Angela Budweg (SPD). Das Problem: „Im Stadtentwicklungsausschuss wurden wir bislang nicht hinreichend über die konkrete Planung informiert“, kritisierte die stadtentwicklungspolitische Fraktionssprecherin im Gespräch mit dem MieterEcho.
Informationen müssten über Umwege beschafft werden, beispielsweise mittels mündlicher Anfrage in der BVV-Sitzung am 9. Juli. Dazu erklärte Stadträtin Stephan, dass der Bauantrag von Kintyre im April eingereicht worden sei. Im Mai habe der Antragsteller eine Zwischenmitteilung bekommen, da noch einige Sachverhalte ungeklärt seien, etwa die Gestaltung der Abstandsflächen zwischen Gebäudeteilen. Der Bauherr müsse die Planungen entsprechend anpassen. Im Herbst könnte über den Bauantrag seitens des Bezirks final beschieden werden. Ja, und dann könnten Bagger, Planierraupen und Betonmischer loslegen. Loslegen, um was zu bauen? Insgesamt sind Stephan zufolge fünf Gebäude mit elf Aufgängen geplant, davon zwei Hochhäuser. Es sollen 739 Wohnungen entstehen, im Erdgeschoss sind gewerbliche Nutzungen vorgesehen, darunter ein großer Lebensmittelmarkt. In der Tiefgarage entstehen 148 Stellplätze und einige E-Ladesäulen.
Rund 90% der gebauten Wohnungen würden öffentlich gefördert, erklärte Stephan. „Das bedeutet aber nicht, dass die dann auch mietpreis- und belegungsgebunden sein werden“, betont Budweg.
Für Sylvia Schmidt nicht weiter schlimm. Das MV habe heute eine sehr durchmischte Bevölkerungsstruktur, meinte die Vorsitzende der CDU-Fraktion Reinickendorf und Fachsprecherin für Stadtentwicklung gegenüber dem MieterEcho. Zumal es nicht allein um zahlungskräftige Kundschaft gehe, „sondern um Lebensqualität, Versorgungssicherheit und die Aufwertung des Stadtteils“. Ein modernes Nahversorgungszentrum würde nicht zuletzt das soziale Gefüge im MV stärken.
Ist das so? Wohl eher kaum vorstellbar bei den im „Märkischen Quartier“ geplanten Premium-Geschäften und überteuerten Mietwohnungen.
MieterEcho 451 / August 2025


