„Selber aktiv werden“
Interview mit den Marzahner Delegierten Gisela Höbbel und Julia Scharf
MieterEcho: Sie wurden am 2. April als Delegierte für den
Bezirk Marzahn gewählt. Können Sie sich kurz vorstellen?
Gisela Höbbel: Ich bin seit 1991 in der MieterGemeinschaft. Von 2015 bis zur Corona-Zeit hatten wir eine aktive Bezirksgruppe. Ich war im DWE-Kiez-Team engagiert, im Rahmen des Volksentscheides, ferner bin ich im Mieterbeirat Landsberger Tor der Berlinovo und in der Linkspartei aktiv, sowie im Vorstand des Fördervereins Freunde der Gärten der Welt.
Julia Scharf: Ich bin Mitglied seit 2015 und hatte die Bezirksgruppe damals angestoßen, da ich meinte, wir sollten doch mal in Sachen Mietenpolitik auch selber aktiv werden. Wir haben uns einmal im Monat getroffen und einmal im Jahr eine große Veranstaltung durchgeführt. Über das Neue Forum kam ich zu Bündnis 90/Die Grünen, wo ich ein aktives Mitglied bin. Ansonsten bin ich Trainerin für Kinderturnen und bekleide weitere Funktionen im Sport, alles ehrenamtlich.
Sie sind beide langjährige Bewohnerinnen des Bezirks. Was hat sich für Sie im Laufe der Zeit verändert?
GH: Also ich bin seit 1980 hier im Bezirk, bis 1998 in einer Genossenschaftswohnung, und dann, um mich zu verkleinern, bei Berlinovo. Die Einwohnerstruktur hat sich stark verändert, vor allem die Sozialstruktur. In den 90ern gab es viel Wegzug, in den letzten Jahren wieder Zuzug. Der Bezirk wurde internationaler, das empfinde ich als eine Bereicherung, aber natürlich gibt es da auch Probleme.
JS: Ich wohne seit 1983 in Marzahn. Wir sind damals mit zwei kleinen Kindern nach Marzahn gezogen. Über eine Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft, da musste mein Mann an vielen Wochenenden Stunden ableisten. Mit den neuen Besitzverhältnissen hat sich sehr viel verändert. Meine Wohnung wurde mehrmals verkauft, durch die Degewo bin ich vor Eigenbedarfskündigung geschützt, das ist außergewöhnlich und ein großes Glück.
Marzahn galt lange als „roter Bezirk“, mittlerweile hat sich das geändert. Woran liegt das?
GH: An vielen Sachen sicherlich. Es gibt eine große Politikverdrossenheit, die auch bedingt ist durch Probleme, die vor allen Dingen in der sozialen Infrastruktur liegen. Früher war eben alles zumindest vorhanden, nicht immer in der besten Qualität, aber durch Abriss ging viel verloren. Und leider ist es eben nicht so, dass sich die Bürger/innen bei bestimmten Dingen, die auch nicht in Ordnung sind, zusammenschließen und von unten was machen. Viele sagen: Ach egal, wer regiert, die machen alle nichts für uns. Das sind die Dinge, die dann die AfD mit ihrem Populismus aufgegriffen hat.
Im Bezirk wird viel über Neubau, Nachverdichtung und Leerstand diskutiert. Wie sehen Sie die aktuelle stadtpolitische Situation im Bezirk?
JS: Die sehe ich als Katastrophe an, weil auch hier gilt: Geld regiert die Welt. Die Wohngebietszentren, die ja die soziale Infrastruktur zu DDR-Zeiten bildeten, wurden ganz schnell zerstört. Ich bin der Meinung, dass das überhaupt nicht nach stadtpolitischen, ästhetischen und auch architekturhistorischen Gesichtspunkten passiert. Das bedauere ich hochgradig.
Welche Pläne haben Sie als Delegierte in Marzahn?
JS: Wir wollen natürlich wieder eine Bezirksgruppe gründen. Wir warten darauf, dass die Delegierten peu à peu gewählt werden, dass wir einen Delegiertenrat bilden können, und wir hoffen sehr, dass dann sich auch hier im Bezirk wieder eine Bezirksgruppe bildet.
GH: Ich denke, dass es ganz, ganz viele Dinge gibt, die wir sozusagen als Alternativen zu den gegenwärtigen Verhältnissen politisch sichtbar machen müssen. Vor allem, dass Wohnen eben keine profitable Ware sein sollte und Grund und Boden nicht in private Hand gehören. Es ist eine ganz wichtige Aufgabe, dass wir da politisch aktiv werden. Und wenn wir das im Kleinen in einer Bezirksgruppe machen könnten, wäre es natürlich sehr schön.
Das Interview führte Andreas Hüttner.
MieterEcho 452 / September 2025


