Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 451 / August 2025

Sanierungsstau und Neubaustopp

Der gemeinwohlorientierte Wohnbestand des Studierendenwerks Berlin steht vor großen Herausforderungen.

Von Alexander Poliwczyk

Berlin ist mit über 200.000 Studierenden deutschlandweit die beliebteste Hochschulstadt. Auch ihnen macht der Mangel an bezahlbarem Wohnraum zunehmend zu schaffen. Der Markt antwortet darauf mit dem Bau teurer und privater Studierendenwohnheime, die das Budget der meisten Studierenden übersteigen. Doch auch der Senat hat reagiert und lässt seit einigen Jahren studentischen Wohnraum bei den landeseigenen Wohnungsunternehmen (LWU) bauen. Eine bemerkenswerte Entwicklung, denn der Neubau markiert eine Trendwende. Nach Jahrzehnten, in denen öffentliche Wohnheime geschlossen wurden, wird wieder gebaut. Zugleich gerät der größte Anbieter von öffentlichen Wohnheimen, das Studierendenwerk Berlin (stw) zusehends ins Abseits. 

Bereits 2013 verkündete der damalige Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) den Bau von 5.000 neuen Wohnheimplätzen für Studierende. Schnell wurde klar, dass diese nicht beim stw sondern bei den LWU entstehen sollen. Sie können leichter Kredite aufnehmen, und man versprach sich schnellere Ergebnisse. Bis 2020 sollten die Wohnungen fertig sein. Vier Jahre später als geplant ist dieses Ziel weitgehend erreicht. Wie zwei parlamentarische Anfragen durch Grüne und Linke Ende 2024 ergaben, hat die Berlinovo 4.080 Einheiten für Studierende und die übrigen LWU mindestens 900 weitere Plätze für Studierende und Azubis gebaut. Angesichts der verlängerten Bauzeit kann also angezweifelt werden, ob der aktuelle schwarz-rote Senat sein selbstgestecktes Ziel erreicht, 5.000 weitere Wohneinheiten für Studierende und Azubis bis 2026 zu errichten. 

So begrüßenswert die Neubauten sind, zur Entspannung der Lage haben sie nicht entscheidend beigetragen. Noch immer warten tausende Studierende auf eine Wohnung oder müssen überhöhte Mieten akzeptieren. Schlimmstenfalls fangen Kinder aus ärmeren Haushalten aufgrund der hohen Mieten erst gar kein Studium an.  

Wenig Wohnheimplätze

Problematisch ist der Fokus auf die LWU zudem, weil er mit einer Vernachlässigung des stw einhergeht. Das trifft besonders internationale Studierende, deren Anteil in den Heimen bei 80% liegt. Für sie ist das Angebot besonders attraktiv, wie Jana Judisch, Pressesprecherin des stw, im Gespräch mit dem MieterEcho betont: „Bei uns wird nicht nur gewohnt. Wir betreiben Community Building und Erleichtern das Ankommen in Berlin.“ Außerdem gebe es einen „Anstieg von Mental Health Issues (psychischen Gesundheitsproblemen) und Vereinsamung unter Studierenden“. Das stw „versucht, mit seinem Angebot dem entgegenzuwirken. Das können private Anbieter von Wohnungen nicht leisten.“ Auch bei den LWU und der Berlinovo sucht man derartige Integrations- und Unterstützungsangebote im Alltag vergebens.

Während die Berlinovo möbliertes Wohnen für Studierende teils für 25,60 Euro/qm anbietet, verfolgt das stw als Anstalt öffentlichen Rechts keine Gewinnabsicht. Dennoch geriet es 2022 in die Schlagzeilen, weil es die Miete wegen gestiegener Nebenkosten um bis zu 50% anhob. Aus einer parla­mentarischen Anfrage von Tobias Schulze (Linke) geht hervor, dass nur noch 87% der Plätze für Studierende, die BAföG beziehen, bezahlbar sind. Der Rest kostet mehr als die für das Wohnen vor­gesehenen 380 Euro. Die vom stw ausgezahlten Sozialleistungen reichen also nicht in allen Fällen aus, um einen Wohnheimplatz bezahlen zu können. Dennoch schafft es das stw aktuell, einen Wohnheimplatz für durchschnittlich 336 Euro/Monat anzubieten, während es bei der Berlinovo 463 Euro sind.

Weiterhin sind Teile des Bestandes marode. So musste letztes Jahr das Heim in der Düsseldorfer Straße in Wilmersdorf aufgrund seiner Baufälligkeit geschlossen werden. Der gesamte Sanierungsstau beläuft sich auf 160 Millionen Euro. Eine Summe, die das stw aller Voraussicht nach nicht aus eigenen Mitteln aufbringen kann.

Vor allem reichen die 9.200 Plätze bei weitem nicht aus. Der Mangel zeigt sich besonders zu Beginn des Wintersemesters, wenn viele Studierende auf der Suche nach einer Wohnung sind. So standen im Oktober 2024 rund 4.600 Studierende auf der Warteliste des stw. 3.200 von ihnen wertet das stw als unversorgt. Das bedeutet, ihnen konnte trotz akuten Bedarfs keine Wohnung angeboten werden. Damit schneidet Berlin besonders schlecht ab. Nur 5% der Studierenden erhalten hier einen Platz in einem Wohnheim, bundesweit sind es rund 10%. In der Folge mussten sie im Durchschnitt zwei bis drei Semester auf einen Platz warten. Zwar lagen die Zahlen zum Start des Wintersemesters 2025/26 zu Redaktionsschluss noch nicht vor, es gibt aber keinen Grund zur Annahme, dass die Situation weniger dramatisch ausfällt.

Angesichts der angespannten Situation verwundert es, dass sich die Studierenden nicht vehementer zu Wort melden. Zwar gibt es vereinzelt Proteste, der ganz große Aufschrei bleibt aber bisher aus. Dabei hat sich gezeigt, dass sich Widerstand lohnt: Die erwähnten Mieterhöhungen konnten durch öffentlichen Druck abgewendet werden und der damalige rot-grün-rote Senat übernahm die Kosten. Dabei kam den Studierenden die demokratische Teilhabe im stw zugute. Dessen Geschäftsführung wird durch den Verwaltungsrat beaufsichtigt, der zur Hälfte mit Studierenden besetzt ist. In den Heimen können sie Selbstverwaltungen gründen, um ihre Belange zu artikulieren, und sie erhalten Gelder für selbstverwaltete Freizeiträume oder Aktivitäten. Hier nahm auch der Protest seinen Anfang. 

Engagierte Studierende sind jedoch nicht die einzigen Voraussetzungen für bezahlbares Wohnen. Judisch bringt es auf den Punkt: „Ohne Förderung gibt es keinen Neubau.“ Denn finanziell sind dem stw enge Grenzen gesetzt. „Das Studierendenwerk Berlin agiert in einem Spannungsfeld. Einerseits gibt es den politischen Willen, Wohnheimplätze zum BAföG- Satz anzubieten, andererseits sollen die Mieteinnahmen die Kosten decken.“ Das bedeutet, das stw kann zwar bauen und sanieren, muss die Kosten aber auf die Miete der Studierenden umlegen. Aufgrund der explodierenden Erstellungskosten führt dies ohne staatliche Zuschüsse zu Preisen oberhalb des BAföG-Satzes oder es kann überhaupt nicht mehr gebaut werden, weil das nötige Eigenkapital fehlt.

Keine Lösung in Sicht

So ist es nicht verwunderlich, dass die Neubautätigkeit des stw zum Erliegen gekommen ist. Zuletzt wurden 2019 zwei Anlagen in der Mollwitzstraße (Charlottenburg) und im Dauerwaldweg (Grunewald) mit insgesamt 136 Plätzen nachverdichtet. Das konnte jedoch nicht einmal die 436 Plätze ausgleichen, die im gleichen Jahr durch die Aufgabe des angemieteten Wohnheims am Hafenplatz in Kreuzberg wegfielen. Laut stw verursachte der schlechte bauliche Zustand des Objekts zu hohe Kosten, weshalb es an eine Investorengruppe zurückging.

Ein Hoffnungsschimmer könnte daher das Bundesprogramm Junges Wohnen sein. Es wurde noch unter der Ampelregierung aufgelegt und soll mit einer Kombination aus Bundes- und Landesmitteln dabei helfen, Wohnraum für Studierende und Auszubildende zu schaffen. Dem stw wurden daraus rund 13 Millionen Euro für die Erweiterung des Wohnheims Aristotelessteig in Lichtenberg um 176 Plätze zugesagt. Doch auch dieses Projekt liegt momentan auf Eis. Denn das Grundstück gehört dem Land Berlin. Um es bebauen zu können, „warten wir auf die Zustimmung zum Erbbaurechtvertrag durch die Senatsverwaltung für Finanzen“, so Judisch. 

Angesichts der Situation gibt sich das stw geschlagen: „Die Forderung ‚wir wollen neu bauen‘ gibt es seitens des Studierendenwerks – jenseits des Aristotelessteigs – nicht mehr.“ Stattdessen appelliert Judisch „an den Senat, Sanierungsmittel bereitzustellen, weil wir den Sanierungsstau mit eigenen Mitteln nicht aufarbeiten können.“ Es bleibt abzuwarten, ob diese Rufe erhört werden. Eine Möglichkeit hat der Senat schon verpasst. Bei der Anpassung der Förderrichtlinien zum Jungen Bauen für das Land Berlin wurden Sanierungen nicht mit aufgenommen.

Der Markt hat bewiesen, dass er die Wohnungsfrage nicht lösen kann. Beim stw hingegen wird bereits in Ansätzen praktiziert, was dafür nötig wäre: eine grundsätzliche Neuorientierung der gesamten Wohnungspolitik, die die Mieter/innen und nicht das Verwertungsinteresse in den Mittelpunkt setzt. Gründe genug, den staatlichen Neubau nicht mehr allein den LWU zu überlassen, das stw besser zu finanzieren und weiterzuentwickeln, statt es zu übergehen. Zudem ist eine Reform des BAföG nicht zuletzt wegen der steigenden Mieten überfällig.

 

Alexander Poliwczyk ist hochschul- und stadtpolitisch aktiv. Aktuell forscht er zum Studierendenwerk Berlin.  


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