Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 452 / September 2025

Marzahn, ein unvollendetes Werk

Der visionär geplante Bezirk wurde nach der Wende städtebaulich vollkommen aufgegeben.   

Von Simone Hain

Zur Zeit seiner Entstehung war Marzahn mit seinen sieben Wohngebieten und fast 60.000 Wohnungen für 150.000 Einwohner/innen die größte zusammenhängend geplante und überdies modular einheitlich nach dem Baukastenprinzip gestaltete Wohnsiedlung Europas. Der Anspruch war, einen räumlich ausgedehnten, komplexen Siedlungszusammenhang als städtebauliches Ensemble erkennbar zusammengehörig zu gestalten. Insgesamt sollten im Berliner Nordosten 250.000 Menschen neu angesiedelt werden. Im Vergleich zum benachbarten Hellersdorf oder Hohenschönhausen kommt Marzahn eine hervorgehobene Bedeutung zu, weil sich hier historisch noch einmal die Chance öffnete, eine gesellschaftspolitische Zielstellung in modernen urbanen Formen gebührend zu feiern. Das politische Ziel, um jeden Preis Wohnungen zu schaffen, traf auf den weit grundsätzlicheren Anspruch, durch Vergesellschaftung und Neuorganisation der Lebensweise mehr Zeit zur freien Verfügung für alle zu gewinnen.

Mit „Wohlstand ist nichts anderes als Gewinn an persönlicher Lebenszeit“ könnte man mit Karl Marx das kulturelle Ziel des Kommunismus beschreiben. Das ganze Verhältnis von Männern, Frauen, Kindern, Tieren und Maschinen, von Häuslichkeit und Weltlandschaft, war aufgerufen. Die Lösung der Wohnungsfrage als sozialem Jahrhundertproblem und die Begründung einer anderen Landschaft sind Marzahn als primärer Begründungszusammenhang eingeschrieben. Jedenfalls hatte der VIII. Parteitag der SED 1971 die Lösung der vor allem in Berlin gravierenden Wohnungsnot zum „Herzstück der Wirtschafts- und Sozialpolitik“ erklärt und Marzahn spiegelt den dabei auftretenden Zielkonflikt planungsgeschichtlich eindrucksvoll wider. Geplant war eine neue Stadt, die als markante großplastische Form, als ein topographisch definiertes Siedlungsband von Süden nach Norden hin der schönen Landschaft bei den Ahrensfelder Bergen zustrebt. Anhaltspunkte waren zwei Berge von bis zu 100 Metern Höhe, die Wuhle, ein kleiner Fluss mit sumpfigen Feuchtgebieten und Ackerland mit zahlreichen eiszeitlichen Pfuhlen. 

Wie das namensgebende Dorf Marzahn sollte auch die entstehende Großsiedlung einen ausgeprägten Anger haben, eine Almende als gesellschaftlichen Mittelpunkt. Die gesellschaftlichen Knotenpunkte und Nebenzentren wurden als Tore, Foren, Promenaden akzentuiert, durch Hochhäuser und die zentrale Parkanlage von halbwegs mäandernden elfgeschossigen Wohnscheiben gefasst. Deutlich erkennbar dominiert im Ausgangsplan die Idee, vor allem die landschaftliche Lage zur Identitätsbildung zu nutzen und städtebaulich mit einer ausdrucksstarken urbanen Großfiguration zu beantworten. Jeder Pfuhl oder Fließ gibt Anlass für eine neue Raumbildung und sozialräumliche Typologie. Dieser stadtlandschaftlich definierte Städtebau, bei dem Wohnwände vor dem Abendhimmel wie dunkle Bergrücken und Hochhäuser wie Felsen wirken, setzt Abstand und großzügige Weitwinkelperspektiven voraus.

Sie vermittelt sich weder dem Autofahrer auf den Magistralen, noch dem Spaziergänger im Marzahner Dschungel. Sie ist exklusiv für die Inhaber der Loggienplätze und Wohnzimmerfenster über dem vierten Stockwerk gemacht, und auch nur da wirksam, wo die Räume offen zur Landschaft und nicht verkammert und hofartig geschlossen sind. Dieses landschaftliche, aus Prinzip schrankenlos offene, weiträumige und von vertikalen Bauten bekrönte Stadtideal, hat von Anfang an seinen Kontrapunkt in den Kennziffern und Typologien der Dichte. Auf dem Höhepunkt der alles verändernden Ölkrise, von der die DDR anfänglich profitierte, weil sie das sowjetische Öl teuer weiterverkaufen konnte, zerbricht die ökonomische Basis für das harmonisierende Wohnungsbauprogramm. Im Ergebnis änderten sich die urbanistischen Leitvorstellungen signifikant. Das brachte die Stadtwerdung Marzahns an einen Zerreißpunkt, der für das Verständnis alles Folgenden und als strategische Konsequenz für die Zukunft benannt werden muss.

Brüche schon zu DDR-Zeiten

Schon in die von den Architekturvisionen Bruno Tauts geprägte Leitplanung bricht das Prinzip Gründerzeit ein, das mit Bildern wie Straße, Wohnblock und Hof verbunden ist. Je weiter nach 1980 die Realisierung fortschreitet, desto dominanter wird  die damit verbundene Abriegelung der Blicke und Verlegung der Wege, die immer häufiger vor Wänden enden. Noch tauchten keine Zäune auf, die für die niedriggeschossigen Hellersdorfer Blöcke heute so prägend sind. Hellersdorf stellt schließlich den Endpunkt einer Entwicklung dar, die auf eine großspurige urbanistische Überhöhung und jegliche Semantik der Emanzipation noch zur DDR-Zeit verzichtete. Das hatte eine Reduzierung auf Wohnungsbau zufolge, auch wenn Berlin mit dem Bau des Hellersdorfer Zentrums nach der Wiedervereinigung wenigstens repräsentative Zeichen für die Wohnsiedlung gesetzt hat. Dagegen hat wiederum Hohenschönhausen überhaupt kein Problem mit Wiedererkennbarkeit, weil es als traditioneller Magistralenstädtebau alle bildprägenden Symbolbauten und städtebaulichen Knotenpunkte, wie an der innerstädtischen Karl-Marx-Allee II, kulissenartig zur Wirkung bringt. Die große Herausforderung besteht darin, das gestalterische Problem Marzahn zu verstehen.

Statt seiner Bedeutung als Ensemble aus verschiedenen städtebaulichen Grundthemen gerecht zu werden, nämlich die metabolistische Stadtlandschaft im Großen und Ganzen, den als Magistralenstädtebau mit flächigem Zentrum im 1. Wohngebiet und die späteren, introvertiert als Großwohneinheit angelegten Hofcluster in ausgewogene Beziehung zu setzen, wurde Marzahn nach der Vereinigung städtebaulich völlig aufgegeben. In den vergangenen 30 Jahren ist der riesige und hochkomplexe Stadtraum nur als ein soziologisches Phänomen im Zusammenhang mit „Platte“ wahrgenommen worden. Als sei Marzahn nicht eine eigene Stadt mit Arbeitsstätten, Rathausviertel, Kino- und Theaterbauten, sondern nur eine weitere Großsiedlung neben dem Märkischen Viertel oder der Gropiusstadt, wurde Stadtentwicklung bis heute ausschließlich über den Fokus Wohnen betrieben und gestalterisch geradezu gegen den Ensemblewert gearbeitet.

Zur Funktionssiedlung degradiert

Die Wohnungsgesellschaften fragmentierten den großplastisch definierten Raum durch kulturell missverstehende Sanierungen und sinnwidrige Interventionen. Kannibalistische Landnahmen, wie das Eastgate der ECE Group, gruben den sorgsam gesetzten Nebenzentren kommerziell das Wasser ab. Leerstand, Abriss und Verödung waren die Folge. Während die Bäume wuchsen und das Grün alte wie neue Bauschanden gnädig bemäntelte, kam Marzahn nach der „Wende“ trotz Förderung aus dem ExWoSt-Programm für experimentellen Wohnungs- und Städtebau im Wohnumfeldbereich und dichter sozialer Fürsorge weder auf die eigenen Beine, noch sonderlich voran. Dass es als Wohnort und verkehrlich gut funktionierte, schien völlig auszureichen. In welchem Maße die Desintegration und Degradierung des Raumes politisch gewollt war, zeigt das gesellschaftspolitisch fatale „Planwerk Innenstadt“ besonders drastisch an, das die Großsiedlungen im Berliner Nordosten nur als „große soziale Staubsauger“, als Auffangzonen für die innerstädtisch Vertriebenen betrachtete.  Als ob nie ein Bebauungsplan existiert hätte, wurde die als Ensemble angelegte Satellitenstadt nach § 34 BGB als reine Baulücke behandelt.

Das muss sich dringend ändern. Die Diagnose und ein klarer Therapievorschlag liegen auf dem Tisch. Der Schweizer Stadtforscher Simon Hubacher hat im Jahr 2000, noch vor den definitiven Verlusten an historischer DDR-Architektur, einer „Resemantisierung“ das Wort gesprochen. Der „urbanisme parlant“, der sprechende Städtebau, die zeichenhafte Überhöhung sei das Mittel der Wahl. Das wird heute, in Zeiten einer neuerlichen weltweiten Energiekrise, kaum noch mit Beton&Gold zu machen sein. Aber mit Behutsamkeit, Reparatur und Landschaftsarchitektur. Der Landschaftspark ist Programm. Säge und Axt müssen die Blickachsen auf die Skyline wieder freilegen, die an den Peripherien weidenden Büffelherden müssen als Safari-Erlebnis deutlicher ins Bild. Es gilt die leerstehenden Wohngebietsbibliotheken wiederzubeleben, das Kino „Sojus“ nicht dem Abriss zu übergeben, sondern einzuflechten in das russischsprachige Marzahn mit der Internationalen Lomonossow-Schule oder dem Tschechow-Theater.

Vor allem das grüne Band hinaus in die märkische Landschaft gehört dringend zu Bewusstsein gebracht. Noch mehr Zeichen, Berghütten, Gärten und Pagoden. Marzahn soll da sein, wo man gut Urlaub machen kann, ohne wegzufliegen. Und da, wo es Arbeit gibt. Denn mit Wirtschaftspolitik und ökonomischer Standortpflege fängt alles an.

 

Prof. Dr. Simone Hain ist Architekturhistorikerin, Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung und war zuletzt Leiterin des Instituts für Stadt- und Baugeschichte an der Technischen Universität Graz. Ihre Schwerpunkte sind Stadtforschung und Geschichte des modernen Planens und Bauens.


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