Kompliziertes Erbe einer DDR-Ikone
Marzahn hat seit der Wiedervereinigung einige schwierige Phasen erlebt. Das Ringen um die Zukunft ist in vollem Gange.
Von Rainer Balcerowiak
Als das mittelalterliche Angerdorf Marzahn und einige angrenzende Kleinsiedlungsbereiche 1920 als Ortsteile des Bezirks Lichtenberg in das neu entstandene Groß-Berlin eingemeindet wurden, hätte sich wohl niemand träumen lassen, dass dort einige Jahrzehnte später die größte Plattenbausiedlung Europas mit knapp 60.000 Wohnungen entstehen würde. Marzahn wurde zum Inbegriff der Wohnungspolitik in der sozialistischen DDR, in der die Lösung der Wohnungsfrage eine herausragende Priorität hatte. Und was sich dort entwickelte, war eben keine öde Schlafstadt, sondern ein mit bedarfsdeckender Infrastruktur – von Kitas und Schulen über Einkaufsmöglichkeiten bis hin zu Freizeit- und Kultureinrichtungen – sowie guten Verkehrsanbindungen und teilweise großzügiger Durchgrünung geplantes und realisiertes neues Stadtquartier, das sich bis zum Ende der DDR stetig weiterentwickelte.
Es war daher folgerichtig, Marzahn 1979 aus dem Bezirk Lichtenberg auszugliedern und zusammen mit den Ortsteilen Hellersdorf, Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf als neuen Stadtbezirk zu konstituieren, der auch weiterhin kontinuierlich wuchs, zumal in Hellersdorf eine weitere Großsiedlung entstand. Was wiederum dazu führte, dass 1986 auch Hellersdorf als eigenständiger Stadtbezirk neu gebildet wurde. Nach der Wiedervereinigung der Stadt erfolgte dann im Zuge der Berliner Verwaltungsreform 2001 die Wiedervereinigung der beiden Bezirke unter dem Namen Marzahn-Hellersdorf. Dort leben derzeit über 280.000 Menschen, davon rund 120.000 im Ortsteil Marzahn. Dieser Ortsteil ist in drei Stadtteile gegliedert: Marzahn-Nord, Marzahn-Süd und Marzahn-Mitte, die sich in Bezug auf Bevölkerungs- und Sozialstruktur und Quartiersgestaltung durchaus deutlich unterscheiden. So liegt das Durchschnittsalter in Marzahn-Nord bei 40,8 Jahren, in Marzahn-Süd dagegen bei 46,1 Jahren. Als Gebiete mit „besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“ gelten laut Monitoring Soziale Stadtentwicklung Teile von Marzahn-West, sowie die Planungsräume Rosenbecker Straße und Golliner Straße. Das betrifft Indikatoren wie Kinderarmut und Sozialstatus. Auffällig ist ferner, dass der Gesamtbezirk Marzahn-Hellersdorf eine extrem hohe Quote von Schulabbrecher/innen ohne Abschluss aufweist, allerdings mit Schwerpunkt in Hellersdorf.
Erst Absturz, dann Aufwertung
Wohnungspolitisch hat Marzahn eine Art Wellenbewegung hinter sich. Nach der Wende sank die Bevölkerungszahl zunächst deutlich, zwischen 1995 und 2005 um 38.000 Einwohner/innen, was rund 28% der Bevölkerung entsprach. Gründe dafür waren unter anderem die zunehmende Beliebtheit von Innenstadtquartieren und der Imageverlust der zu DDR-Zeiten sehr begehrten Siedlung. Infolge der Abwanderung nahm der Wohnungsleerstand zu und lag in der Großsiedlung Marzahn im Jahr 2002 bei 6.600 Wohneinheiten. Schulen und Kitas wurden aufgrund fehlender Nachfrage geschlossen, es gab Rückbauprogramme für Hochhäuser und auch einige Abrisse.
Mit diversen Stadtentwicklungsprogrammen wurde dann die „Aufwertung“ des Bezirks in Angriff genommen. Davon zeugen unter anderem die Ringkolonnaden im Zentrum des Gebiets Marzahn-Mitte. Der städtebaulich markante Bereich aus Wohnhäusern, sozialer Infrastruktur und Einzelhandelseinrichtungen war Anfang der 2000er Jahre von besonders hohen Leerständen betroffen. Durch die Umnutzung von Gebäuden, die Aufwertung bestehender Wohnungen sowie den Teilrückbau gelang es, den Leerstand zu reduzieren und ein attraktives Quartier mit besonderen Angeboten für Familien und Senior/innen zu entwickeln. Seit 1999 gab es im Gebiet Marzahn Nord-West auch ein Quartiersmanagement, das 2020 aufgelöst wurde. In der Zeit wurden dort einige Projekte realisiert, von interkulturellen Begegnungsstätten und Nachbarschaftsprojekten bis hin zu pädagogischen Projekten in Jugendeinrichtungen und Kitas.
Die wohl bekannteste Attraktion im Stadtumbaugebiet Marzahn stellen die bereits 1987 anlässlich der 750-Jahr-Feiern in Berlin eröffneten „Gärten der Welt“ dar, die 2017 gemeinsam mit dem Kienbergpark in Hellersdorf Durchführungsort der Internationalen Gartenausstellung waren. Besonders spektakulär ist die zu diesem Anlass errichtete Kabinenseilbahn, die bis zu 3.000 Personen pro Stunde vom Startpunkt am U-Bahnhof Kienberg über das Wuhletal und den Aussichtspunkt Wolkenhain zum Haupteingang der Gärten der Welt am Blumberger Damm transportieren kann. Der spektakuläre Ausblick aus bis zu 35 Metern Höhe reicht bis ins Zentrum Berlins. Die Gärten der Welt sind längst ein international bekanntes und sehr gut besuchtes Ziel für Tourist/innen – auch aus dem „fernen“ Westberlin.
Aber wie wohnt man in Marzahn? Natürlich nach wie vor überwiegend in der „Platte“. Die Häuser sind nicht mehr volkseigen, sondern gehören größtenteils den städtischen Wohnungsunternehmen und einigen Genossenschaften. Platzhirsch ist die Degewo mit derzeit knapp 20.000 Wohnungen. Die Zeiten des Bevölkerungsschwunds sind Vergangenheit. Marzahn entwickelte sich angesichts explodierender Mieten in innerstädtischen Bezirken zu einer Alternative für vergleichsweise preisgünstiges Wohnen. Doch wie in anderen Randbezirken sind die Angebotsmieten auch in Marzahn in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Viele demografische und soziale Faktoren haben sich dem gesamtstädtischen Durchschnitt weitgehend angenähert. Aber nicht alle: Die Quote ausländischer Bewohner/innen und von Menschen mit Migrationshintergrund ist deutlich geringer, das Medianeinkommen ebenfalls. Milieuschutzgebiete gibt es in dem Bezirk nicht, auch keine entsprechenden Voruntersuchungen. Die klassischen Verdrängungsprozesse aus anderen Quartieren sind hier noch nicht zu verzeichnen.
Eine Besonderheit Marzahns ist der vergleichsweise sehr hohe Anteil von Menschen mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion. Größtenteils Russen, aber auch Kasachen und Ukrainer, teilweise „deutschstämmige“ Spätaussiedler, aber auch anderweitig vor allem in den 1990er Jahren Zugewanderte. Im Gesamtbezirk sind es rund 35.000, der Großteil davon in Marzahn. Angesichts des seinerzeit rapiden Bevölkerungsschwunds zunächst hochwillkommene Zuzügler, die den Bezirk auch alltagskulturell bereicherten, etwa durch eigene Geschäfte und Treffpunkte, oder die intensive Nutzung der Grünflächen. Dass es bei der Integration dieser Zuwanderer gelegentlich auch Probleme gab, gehört dazu.
Von der PDS-Domäne zur AfD-Hochburg
Kommen wir abschließend zur kommunalpolitischen Entwicklung in Marzahn. Seit der ersten Wahl zur Bezirksverordnetenversammlungen (BVV) war die Linke (damals noch als PDS) mit Abstand stärkste Partei in dem Bezirk. Es begann im September 1992 mit 34,9%, 1995 waren es 45,8% und mit Harald Buttler stellte die Partei anschließend auch den Bezirksbürgermeister. 1999 erreichte die PDS 45,4%. Nach der im Zuge der Verwaltungsreform vollzogenen Fusion mit Hellersdorf setzte sich diese Entwicklung fort, da die PDS auch dort zuvor die stärkste Kraft war. 2001 erreichte sie mit 51,1% sogar die absolute Mehrheit, Bürgermeister wurde Uwe Klett, dem fünf Jahre später Dagmar Pohle folgte. Allerdings wurden 2006 bereits deutliche Verschiebungen sichtbar. Die PDS, die ein Jahr später mit der WASG zur gesamtdeutschen Linken fusionierte, blieb zwar stärkste Kraft, verlor aber deutlich auf 38,2%. Hauptursache war sicherlich die Enttäuschung über die Politik der „rot-roten“ Landesregierung und ihren „sparen bis es quietscht“-Kurs nebst großflächigem Verkauf kommunaler Wohnungen.
Der Abwärtstrend setzte sich bei den kommenden Wahlen rasant fort und erreichte bei den Wiederholungswahlen im September 2023 mit 15,8% seinen Tiefpunkt. Die einst unangefochten stärkste politische Kraft im Bezirk belegt nunmehr nur noch den 4. Platz, hinter CDU, AfD und SPD. Bezirksbürgermeisterin ist seitdem mit Nadja Zivkovic erstmals eine CDU-Politikerin.
Der Niedergang betraf auch die Bundeswahlebene. Die Partei-Ikone Petra Pau, die nach jeweils einer Wahlperiode in der BVV Hellersdorf und im Berliner Abgeordnetenhaus 1998 erstmals das Direktmandat für den Bundestag in Marzahn-Hellersdorf gewann, und diesen Erfolg fünf Mal wiederholen konnte, verlor den Wahlkreis 2021 an den CDU-Kandidaten Mario Czaja. Seit 2025 wird der Wahlkreis von Gottfried Curio (AfD) vertreten. Dessen Partei erzielte auch das mit Abstand beste Ergebnis bei den Zweitstimmen (31,2%).
Was diese disruptiven politischen Veränderungen für die Zukunft von Marzahn bedeuten, wird sich noch zeigen. Aber Marzahn hat nicht nur eine schillernde Geschichte der Stadtentwicklung hinter sich, sondern auch große Potenziale für die Zukunft. Es liegt vor allem an den dort lebenden Menschen, was daraus gemacht wird.
MieterEcho 452 / September 2025


