Keine Wohnung, dafür Hetze gratis
Sinti und Roma sind besonders chancenlos auf dem Berliner Wohnungsmarkt.
Von Nicolas Šustr
Bereits seit Monaten ist ein als Notunterkunft auf Grundlage des Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes (ASOG) betriebenes Hotel in Berlin-Schöneberg nahe dem Nollendorfplatz immer wieder in den Schlagzeilen. Wohnungslose Menschen werden hier durch die bezirklichen Sozialämter eingewiesen. In dem 48-Zimmer-Haus sind es hauptsächlich Roma, die als Aufstocker Anspruch darauf haben, bei drohender Obdachlosigkeit von Amts wegen untergebracht zu werden. Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg teilte auf Anfrage eines CDU-Bezirksverordneten mit, dass es einen „erheblichen Ungezieferbefall“ in der Einrichtung gebe. Und das laut Medienberichten bei einem Tagessatz von 27 bis 54 Euro pro Person.
Wenig überraschend bei den Bedingungen. Vier einander fremde Menschen dürfen laut den Regelungen in einem 28-qm-Zimmer gemeinsam untergebracht werden. Bei Familien erlauben die Standards auch noch mehr Personen pro Raum, wenn mindestens sieben qm pro Kopf gewährleistet sind.
Die weiteren Folgen der drangvollen Enge sind auch klar: Bis spätabends halten sich viele der Bewohner/innen auch vor der Unterkunft auf. Anwohner/innen fühlen sich belästigt, es soll auch schon zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen sein. Sie machen über soziale Medien und die Presse ihrem Unmut Luft. In einem Bericht erklärt ein Anwohner auch seine Hauptsorge wegen der Situation: Er fürchtet einen Wertverlust seiner Eigentumswohnungen, von denen er mehrere im Umfeld besitzt.
Ähnlich läuft es in einem zur Unterkunft umgenutzten ehemaligen Hotel in Friedrichshain, unweit der Warschauer Brücke. Auch hier häuften sich die Berichte, die Klagen waren vergleichbar. Seit vielen Jahren gänzlich unauffällig sind beispielsweise hingegen zwei weitere, deutlich kleinere Unterkünfte in zuvor zu Hostels umgenutzten Ladenräumen in Friedrichshain. Auch hier müssen sich ganze Familien einen Raum teilen.
Notunterkünfte als Dauerlösung
„In den öffentlichen Debatten wird auf die seit Jahren bekannten Missstände in der Unterbringungspraxis von wohnungslosen Menschen überhaupt nicht eingegangen. Anstatt auf strukturelle Probleme in diesem Bereich sowie auf rassistische Diskriminierungserfahrungen einzugehen, reproduzieren Medien vielmehr Vermutungen und verbreiten nicht überprüfte Informationen“, kritisierte der transkulturelle Jugendverband Amaro Foro im September. Dessen Sozialberater Georgi Ivanov war vor Ort in Schöneberg im Einsatz. „Viele Menschen verbleiben auf Dauer in den Unterkünften. Wir kennen Menschen, die seit fünf Jahren in solchen Unterkünften leben und zwischenzeitlich mehrere Unterkünfte wechseln mussten“, sagt Ivanov dem MieterEcho.cc
Es dürfe „kein Standard sein, dass eine Familie dauerhaft in einem Zimmer untergebracht ist, so ist es jedoch derzeit oft der Fall. Es muss auch regelmäßige Vor-Ort-Begehungen durch die zuständigen Behörden geben“, fordert der Sozialberater. „Wenn ein Unterkunftsbetreiber Tagessätze von bis zu 50 Euro pro Person verlangt, dann sollte sich zumindest eine Sozialberatung für die Bewohnenden finanzieren lassen.“ Da es keine Verpflichtung dafür gebe, sei das im Geschäftsmodell des privaten Unterkunftsbetriebs aber nicht vorgesehen.
Wegen der weit verbreiteten Diskriminierung hätten die Menschen praktisch kaum eine Chance auf dem regulären Wohnungsmarkt. „Wenn sie es rausschaffen aus der Unterkunft, sind sie oft auf dubiose Vermieter angewiesen“, so Ivanov weiter. Immer wieder erklärten Gesundheitsamt oder Wohnungsaufsicht die Wohnungen irgendwann für nicht bewohnbar, „doch für Ersatzwohnungen sorgt der Vermieter dann oft nicht, und die Behörden halten sich raus“. Am Ende steht dann wieder die Unterbringung in einer ASOG-Unterkunft an.
„Die prekäre Unterbringungssituation hat sich in den 13 Jahren, in denen ich die Arbeit mache, nicht geändert“, lautet Ivanovs ernüchterndes Fazit. Die teils rassistische Medienberichterstattung habe allerdings eine lange Pause gemacht, als andere Themen mehr auf dem Radar waren. „Jetzt, wo die Diskussion um Verschärfungen beim Bürgergeld wieder voll entbrannt ist, geht es wieder los“, so der Experte. Die Hetze werde „wieder hochkochen“.
MieterEcho 453 / Oktober 2025


