Einstürzende Altbauten
Sanierungsstau und massive Kürzungen gefährden die Funktionsfähigkeit der Berliner Universitäten.
Von Nicolas Šustr
Blaulichteinsatz der Berliner Feuerwehr in Mitte. An der Ecke Invaliden- und Chausseestraße fahren mehrere Leiterwagen vor. Am 25. Juli 2024 sind Fassadenteile von einem leerstehenden Gebäude abgestürzt und haben einen Passanten leicht verletzt. Der Straßenbahnverkehr zum Hauptbahnhof muss unterbrochen werden, bis die Einsatzkräfte weitere Teile der Fassade provisorisch abgestützt haben.
Die Edelplatte gehört nicht etwa einem windigen Investor, der sie aus Renditegründen leerstehen lässt, sondern der Humboldt-Universität (HU). „Ein mehrstöckiger Plattenbau mit rund 14.000 qm Nutzfläche in prominenter Lage in Mitte. Doch aufgrund der Sparmaßnahmen finden derzeit keine Bauarbeiten statt“, erläutert eine Sprecherin der HU auf Anfrage des MieterEchos. Denn der zuständigen Senatsbauverwaltung wurden die notwendigen Finanzierungsmittel in Höhe von rund 112 Millionen Euro Gesamtbaukosten vom Land Berlin im Rahmen der Sparmaßnahmen gesperrt. „Auch das auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindliche historische Hochschulgebäude, der sogenannte Thaer-Bau, weist erhebliche Mängel auf, die seit Jahren auf Bearbeitung warten“, so die Sprecherin weiter.
Ein Jahr zuvor hatte es auch an der Technischen Universität einen heiklen Zwischenfall gegeben. Im Chemiegebäude an der Straße des 17. Juni ist nach einem Wasserrohrbruch die Decke heruntergekommen. Glücklicherweise war zu diesem Zeitpunkt niemand im Raum. „Der Gebäudezustand ist potenziell tödlich“, sagt Gabriel Tiedje zum MieterEcho. Er ist hochschulpolitischer Referent des AStA der TU Berlin.
Mit Kostenstand Mitte 2022 wird der Investitionsbedarf der elf staatlichen Berliner Hochschulen laut einer Untersuchung im Auftrag der Senatswissenschaftsverwaltung bis 2046 auf 8,2 Milliarden Euro beziffert. Größter Brocken ist die TU mit 2,4 Milliarden Euro, es folgt laut der Aufstellung die Freie Universität (FU) mit knapp 2,2 Milliarden Euro. Die HU beziffert die nötigen Bauinvestitionen derzeit auf 1,2 Milliarden Euro. Da die Baukosten seit Jahren durch die Decke gehen, sind die Zahlen längst überholt. Legt man den Baukostenindex für gewerbliche Gebäude des Statistischen Bundesamts zugrunde, liegt der Investitionsbedarf derzeit schon bei rund 9,4 Milliarden Euro.
Schäden führen zu Gebäudeschließungen
Die TU Berlin ist besonders von Wasserschäden und daraus folgenden Gebäudesperrungen betroffen. Nach mehreren Vorfällen im Jahr 2023 traf es im Frühjahr 2024 auch das ehemalige Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz. Die Löschanlage war angesprungen und es folgte ein Wasserrohrbruch. Seitdem ist der 22-geschossige Koloss auf unbestimmte Zeit gesperrt.
„Wenn so ein Brocken wegfällt, hat das spürbare Auswirkungen. Allein schon die dadurch nötigen Umzüge sind eine Herausforderung“, sagt AStA-Referent Tiedje. „Auch das Studicafé ist seitdem geschlossen. Noch gibt es die Leute, die das betrieben haben. Aber in drei Jahren dürfte das schon anders aussehen“, so Tiedje weiter. Damit drohen auch Strukturen und erkämpfte Freiräume wegzubrechen. „Wenn die erst mal weg sind, dürfte es sehr schwer werden, die wieder aufzubauen und auch neue Räume zu erkämpfen.“
„Die Technische Universität Berlin ist in einem verzweifelten Zustand“, war bereits 2023 in einem vom Präsidium der Universität initiierten Offenen Brief an den Senat zu lesen. 2.000 Menschen hatten ihn unterzeichnet. „Das derzeitige Physik-Gebäude an der Hardenbergstraße ist in einem beklagenswerten Zustand. Wir werden es vermutlich nicht bis zur Errichtung eines Neubaus betreiben können. Der Gebäudekomplex Seestraße auf dem TU-Campus in Wedding ist seit zwei Jahren vollständig geschlossen“, hieß es weiter.
„Wenn ganze Gebäudekomplexe ausfallen, die viele Labore oder Ähnliches beinhalten, dann sickert das in die Struktur ein, wie man sich auf dem Campus bewegt“, beklagt Tiedje. Durch die ganzen Sperrungen fallen auch immer mehr Seminarräume weg. Die verbliebenen Räume müssen immer dichter belegt werden. „Was auf dem Papier effizienter aussieht, hat aber erhebliche Auswirkungen auf die Studierenden. Denn in der TU gibt es die Regelung, dass Studierende diese in der Zeit, in der sie nicht durch Lehrveranstaltungen belegt sind, als Lernräume nutzen können. Zum Beispiel, um in Kleingruppen zu arbeiten oder als ruhigen Arbeitsplatz. Diese Möglichkeiten fallen zunehmend weg“, erläutert der AStA-Vertreter. Die seien jedoch „essentiell auch angesichts der zunehmend beengten und sich verschlechternden Wohnsituation“. In einem überhitzten Südseiten-Zimmer könne man nicht gut lernen.
Die Voraussetzungen haben sich seit dem öffentlichen Aufschrei im Jahr 2023 weiter verschlimmert. Die eigentlich von 2024 bis 2028 laufenden Hochschulverträge hat der Senat angesichts des Spardrucks einseitig gekündigt – was die Verträge nicht vorsehen. Zu diesem Ergebnis kommt auch ein am 11. Juli veröffentlichtes Gutachten des Wissenschaftlichen Parlamentsdienstes des Abgeordnetenhauses. Klagen der Hochschulen sind bereits angekündigt. Allerdings hofft man – gestärkt durch das Gutachten – auf entsprechende Nachverhandlungen.
Der TU fällt nun auch auf die Füße, dass sie in den zurückliegenden Jahren aus den sowieso zu knappen Mitteln auch noch Rücklagen für Bauprojekte angelegt hat. Die müssen nun teilweise für den laufenden Betrieb verfrühstückt werden. „Es bleiben gerade noch Mittel für zwei Neubauten, bei denen die TU selbst den 50%-igen Anteil stemmt, den eigentlich das Land übernehmen müsste. Die andere Hälfte der Kosten kommt vom Bund“, skizziert Tiedje die Lage.
Doch nicht nur an der TU ist die Lage dramatisch. „Die bauliche Substanz und die Infrastruktureinrichtungen stellen sich aufgrund des Sanierungsstaus in teilweise bedenklichem Zustand dar: Es gibt undichte Dächer, Fassadenschäden mit offenem Mauerwerk, marode Fenster und defekte technische Anlagen“, erklärt Claudia Assmann, Sprecherin der Universität der Künste (UdK), auf Anfrage von MieterEcho. Da die Kürzungen unter anderem den Bauunterhalt, also den Erhalt der Funktionsfähigkeit der Gebäude betreffen, habe das „einen weiteren Substanzverfall der Gebäude, und die Gefährdung der Betriebssicherheit zur Folge“. Das Fazit der UdK: „Gebäudeschließungen können nicht ausgeschlossen werden.“
Nachhaltige Lösung nicht in Sicht
„Die Kündigung der Berliner Hochschulverträge hat erhebliche Auswirkungen auf die Freie Universität Berlin – insbesondere, weil zur Abmilderung der Einsparungen Rücklagen aufgelöst werden sollen, die ursprünglich für Investitionen in die Bausubstanz vorgesehen waren“, heißt es von der Freien Universität. Sukzessive werde das Präsidium der FU daher Entscheidungen für die Aufgabe bereits geplanter Projekte fällen müssen. Die „gravierenden Auswirkungen“ aufgeschobener Sanierungsmaßnahmen habe man an der FU im März gespürt. Ein größerer Stromausfall betraf mehrere Gebäude der Universität. „Die Ursache war ein altersbedingter Verschleiß der mehr als 30 Jahre alten Kabel. Die notwendigen Sanierungsarbeiten in diesem Bereich werden auf etwa 44 Millionen Euro geschätzt“, so die Pressestelle. „Mittel- und langfristig gefährdet der Verzicht auf dringend notwendige Investitionen die bauliche Substanz und eine zukunftsfähige Infrastruktur an der Freien Universität Berlin“, so die Befürchtung.
Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD) versuchte im April Hoffnung zu verbreiten mit der Ankündigung einer Hochschulbaugesellschaft, die selber Kredite für Neubauten und Sanierungen aufnehmen soll. Anschließend würden die Bauten an die Hochschulen vermietet. Doch die Verabschiedung eines dafür nötigen Gesetzes ist erst für den Sommer 2026 angekündigt. Bereits zuvor sollen „Pilotvorhaben“ wie die Sanierung des eingangs erwähnten HU-Gebäudes an der Invalidenstraße realisiert werden. Von welchem Geld und von wem – die Gesellschaft gibt es schließlich noch nicht – lässt Czyborra offen. Genauso offen ist die Frage, mit welchen Mitteln die Hochschulen die Gebäudemieten stemmen sollen. Es bleibt nicht mehr als ein vages Versprechen.
„Der jetzige Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte versprochen, den Investitionsstau aufzulösen. Nun ist das Gegenteil der Fall, die Situation wird noch verschärft“, sagt Tiedje. „Das Land Berlin muss wie auch immer Investitionsmittel lockermachen, um den rasanten Verfall aufzuhalten, der auch Leib und Leben bedrohen kann. Es ist eine gerechte Erwartung an den Staat, dass das geschieht“, fordert er. „Dieses massive Glücksspiel auf die Zukunft, das inzwischen seit Jahrzehnten läuft, muss ein Ende haben.“
MieterEcho 451 / August 2025


