Editorial
Editorial MieterEcho
Liebe Leserinnen und Leser,
Berlin ist wieder mal spektakulär in das neue Jahr gestartet. Damit ist nicht das Geböller in der Silvesternacht, sondern der Stromausfall für rund 45.000 Haushalte und 2.200 Betriebe in Steglitz und Zehlendorf ab dem frühen Morgen des 3. Januar gemeint. Betroffen waren auch Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, und es dauerte vier Tage, bis die Strom- und damit auch die Wärme- und Wasserversorgung für alle Betroffenen wiederhergestellt war.
Verursacht wurde dieser größte Ausfall durch einen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Teltowkanal. Laut einem Bekennerschreiben war dafür die sogenannte „Vulkan-Gruppe“ verantwortlich, die seit fast 15 Jahren sporadisch mit Anschlägen auf Einrichtungen der Infrastruktur in Erscheinung tritt. Wer und was sich dahinter verbirgt, liegt aber laut Ermittlungsbehörden komplett im Dunkeln. Was aber viele Medien und viele Politiker/innen nicht davon abhielt, reflexhaft über „linksextremistischen Terror“ zu geifern oder von „russischen Hintermännern“ zu halluzinieren.
Doch der Anschlag ist vor allem auch ein weiterer Beleg für die dramatischen Defizite bei der Infrastruktur und der öffentlichen Daseinsvorsorge in Berlin. Denn wie kann es sein, dass die für die Versorgung eines ganzen Bezirks benötigten Hochspannungskabel quasi frei zugänglich sind, also ohne moderne Überwachungs- und Sicherungstechnik? Noch dazu ohne schnell einsetzbare Backup-Leitungen für einen Ausfall. Der mehrtägige Stromausfall ist nur ein – wenn auch besonders spektakuläres – Beispiel für den miserablen Zustand der Infrastruktur und der sozialen Daseinsvorsorge in Berlin. Bröckelnde Brücken, marode U-Bahnhöfe, extrem störanfällige Signal- und Weichentechnik bei der S-Bahn oder auch die fortschreitende Verwahrlosung des öffentlichen Raums sind nebst Kürzungen bei Kultur- und Hilfsinstitutionen oder teilweise prekären Verhältnissen in der Gesundheitsversorgung längst feste Größen für den bedrückenden Alltag in der Hauptstadt. Und natürlich die immer dramatischer werdende Lage auf dem Wohnungsmarkt, auf dem sich die Schere zwischen Bedarf und Angebot bezahlbarer Wohnungen immer weiter öffnet.
Um diese Fragen geht es im Schwerpunktteil der aktuellen Ausgabe des MieterEchos. Mit Berichten, einem Interview, fundierten Analysen und Vorschlägen für eine andere Politik – sowohl die Wohnungsfrage, als auch andere Bereiche der Infrastruktur betreffend. Und dabei sollten wir nicht vergessen: Berlin steht mit diesen Problemen wahrlich nicht alleine. Was logisch ist in einem Land, dessen Regierung die materiellen Ressourcen vor allem auf die weitere Befeuerung des sinnlosen Krieges in der Ukraine und die Vorbereitung eines Krieges mit Russland fokussiert. Und wir sollen dafür die Zeche zahlen.
Ihr MieterEcho
MieterEcho 455 / Februar 2026


