Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 452 / September 2025

Editorial

Editorial MieterEcho

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist ein Desaster mit Ansage. Freimütig erklärt der Berliner Senat, dass sich die Zahl der von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen bis zum Ende des Jahrzehnts voraussichtlich auf deutlich über 100.000 ungefähr verdoppeln wird. Und die erhebliche Grauzone ist dabei noch gar nicht eingerechnet. Ebenso freimütig räumt der Senat ein, dass er keine Idee hat, wie man dieser Entwicklung wirksam begegnen könnte. Zumal der Entwurf für den kommenden Landeshaushalt erhebliche Kürzungen für niederschwellige Hilfs- und Beratungsangebote vorsieht. Von einem großen kommunalen Wohnungsbauprogramm für bezahlbaren Wohnraum ganz zu schweigen.

Wir sollen es also als normal akzeptieren, dass für immer mehr Menschen in dieser Stadt – in der derweil wieder fröhlich über Olympiabewerbungen und eine Magnetschwebebahn diskutiert wird – schlicht kein regulärer Wohnraum vorhanden ist, sondern bestenfalls prekäre Übergangswohnungen oder behördlich angeordnete Unterbringungen oder Notübernachtungen. Wir sollen es normal finden, dass für diejenigen, die auch durch diese Netze fallen, vielleicht mal eine Tasse Tee oder eine warme Suppe angeboten wird, aber nicht die notwendige umfassende Hilfe und Unterstützung und vor allem keine Perspektive für den Weg aus dem Elend. Und da man meint, den Bürger/innen den alltäglichen Anblick der oftmals kranken Gestrandeten so weit wie möglich ersparen zu müssen, setzen viele Landes- und Bezirksbehörden auf Drangsalierung und Vertreibung der Obdachlosen. Durch Räumung von Lagerstätten, Aufenthaltsverbote und andere Repressalien.

Es gibt aber auch betroffene Menschen und Unterstützer/innen, die diese Zustände nicht hinnehmen wollen. Auch mit denen haben wir für dieses Heft gesprochen. Ferner werden Lösungsstrategien für diesen sozialen Skandal beleuchtet, wie proaktive Verhinderung von Wohnungslosigkeit durch Räumungen und „Housing First“ – also unmittelbare Wohnungsvermittlung für Betroffene ohne vorgeschaltete teure und ineffiziente „Hilfesysteme“.

Es geht bei Wohnungs- und Obdachlosigkeit eben nicht in erster Linie um „Sozialfürsorge“, sondern um das Menschenrecht auf angemessenen Wohnraum. Zu dessen Durchsetzung braucht es in erster Linie eine Wohnungspolitik, die nicht von den Verwertungsinteressen des Kapitals dominiert wird, sondern mit massiven öffentlichen Investitionen und politischen Interventionen vom Kopf auf die Füße gestellt wird.

In Zeiten, in denen staatliche „Daseinsvorsorge“ von den herrschenden Parteien vor allem als Bündelung aller Ressourcen für Aufrüstung und Kriegsvorbereitung sowie verstärkte Umverteilung von unten nach oben definiert wird, mag das wie ein romantischer, weltfremder Traum erscheinen. Doch davon dürfen auch und gerade wir als Berliner MieterGemeinschaft uns nicht entmutigen lassen.

Ihr MieterEcho


MieterEcho 452 / September 2025

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