Editorial
Editorial MieterEcho
Liebe Leserinnen und Leser,
Marzahn ist sicherlich nicht der Nabel der Welt, noch nicht einmal der Nabel Berlins. Aber wie kaum ein anderer Bezirk verdeutlicht Marzahn die städtebaulichen und wohnungspolitischen Brüche und Verwerfungen, die die Wiedervereinigung in Berlin ausgelöst hat.
Vor 1990 war es sehnlichster Wunsch vieler Menschen, eine Wohnung in dem seit 1976 stetig wachsenden und sich weiter entwickelnden Neubaugebiet zu erhalten, das 1979 auch als eigenständiger Stadtbezirk konstituiert wurde. Marzahn stand prototypisch für die Bemühungen der DDR-Führung, die Wohnungsfrage in dem sozialistischen Land zu lösen, und zwar jenseits jeglicher kapitalistischer Verwertbarkeit, sondern als Kernbestandteil der staatlichen sozialen Daseinsvorsorge.
Nach 1990 wendete sich das Blatt. Viele Menschen verließen den Bezirk, und statt Weiterentwicklung stand jetzt eher „Rückbau“ genannte Vernichtung preiswerten Wohnraums auf der Agenda. Später, als angesichts von enthemmter Immobilienspekulation der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in anderen Teilen der Stadt immer drastischer wurde, und sich immer mehr Menschen Wohnungen in „aufgewerteten“ innerstädtischen Quartieren nicht mehr leisten konnten, wurde Marzahn von einer ungeliebten „Altlast“ der DDR-Geschichte zu einer Art Resterampe für die Verlierer/innen auf dem kapitalistischen Wohnungsmarkt. Was irgendwann natürlich die Immobilienbranche auf den Plan rief, die in dem wieder wachsenden Bezirk Chancen für renditeträchtige Investitionen witterte. Und sich dabei einen feuchten Kehricht für die städtebauliche und soziale Grundidee dieser Großsiedlung interessierte.
Das alles war es uns wert, Marzahn diesmal zum Schwerpunktthema des MieterEchos zu machen. Ohne nostalgische Verklärung, aber auch ohne wohlfeiles „Ostplatte-Bashing“. Sondern mit fundierten, facettenreichen Betrachtungen und Analysen zu Geschichte, Gegenwart und der möglichen Zukunft des Bezirks. Aus der Sicht von Wissenschaftler/innen, Politiker/innen und auch Betroffenen der Entwicklung.
Dabei kommt man auch in Marzahn immer wieder auf die Grundfrage: Ist eine gleichermaßen soziale, wie städtebaulich und infrastrukturell anspruchsvolle Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik unter kapitalistischen Vorzeichen überhaupt möglich? Welche Spielräume könnte es dafür geben? Zumal die gesamtstaatlichen Rahmenbedingungen immer finsterer werden. Sowohl für Berlin, als auch für den Bund wurden bereits weitere, monströse „Sparprogramme“ angekündigt. Das Geld wird schließlich anderweitig benötigt: für die milliardenschwere Finanzierung des Krieges in der Ukraine und für ein gigantisches Aufrüstungsprogramm.
Auch das sollte man nicht aus dem Blick verlieren, wenn man sich in wohnungspolitischen Rahmen- und Detailfragen engagiert. Und für diesen „erweiterten Blick“ steht auch weiterhin das MieterEcho.
Ihr MieterEcho
MieterEcho 452 / September 2025


