Betonträume und Schattenwürfe
Widerstand gegen Investorenpläne in Marzahn-Hellersdorf.
Von Oliver Rast
In Marzahn-Hellersdorf brodelt es stadtentwicklungspolitisch. Gleich mehrere Großprojekte stehen womöglich vor dem ersten Spatenstich, etwa am Helene-Weigel-Platz (HWP) und an der Allee der Kosmonauten. Geplant ist neuer Wohnraum. Für viele Anwohner/innen bedeutet das vor allem eines: eine Drohkulisse.
Ortstermin am HWP in Marzahn-Süd. Der Platz, von Ortsansässigen liebevoll „Heli“ genannt, gilt als Eingangstor des Ortsteils. Entworfen vom renommierten DDR-Architekten Wolf R. Eisentraut, rahmen drei Hochhäuser mit jeweils 23 Stockwerken das Areal in großzügigem Abstand. Auf der Westseite befindet sich ein Nahversorgungszentrum mit Parkplatz, auf der Ostseite das verfallene Kino „Sojus“. Im Zentrum steht das Rathaus mit verklinkerten Betonsäulen, die sich wie stilisierte Ähren nach oben gabeln – ein Vorzeigeobjekt der DDR-Moderne.
Doch die steinerne Ruhe trügt. Unter den Betonplatten liegt Zündstoff: Investoren wittern Rendite, Bezirkspolitiker/innen sehen Chancen – oder Risiken. Und Anwohnerinitiativen kämpfen um ihren Sozialraum. Zwei Projektentwickler planen die Umgestaltung des HWP: die niederländische Ten Brinke Group und der luxemburgische Fonds Vivion Investments. Auf beiden Seiten des Platzes sollen vier Wohntürme mit bis zu 15 Geschossen entstehen – rund 430 Wohnungen für etwa 1.000 Menschen.
Ten Brinke übernimmt den westlichen Abschnitt. Der bestehende Flachbau mit Supermarkt und Arztpraxen soll abgerissen werden. Geplant sind zwei Türme mit 250 Mietwohnungen. Vivion will im Osten das Kino beseitigen und zwei elfgeschossige Türme errichten, mit 180 Einheiten sowie Geschäften und Büros.
Wer sind die Eigentümer? Das Stadtentwicklungsamt des Bezirksamts Marzahn-Hellersdorf verweist auf Datenschutz. Dennoch lässt sich das Firmengeflecht entwirren: Der westliche HWP gehört laut Grundbuch der „Helene-Weigel-Platz S.à.r.l.“ mit Sitz in Luxemburg. Der östliche Teil ist im Besitz des Landes Berlin – mit Ausnahme des Kinos, das der Regie Bauträgergesellschaft mbH gehört. Ten Brinke soll das Areal nach Planreife übernehmen und die Neubauten später an die landeseigene Berlinovo veräußern, berichtet ein Insider gegenüber dem MieterEcho. Ein städtebaulicher Vertrag existiere bereits, bestätigt Pascal Grothe, grüner Fraktionssprecher für Stadtentwicklung in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), auf MieterEcho-Nachfrage.
Anwohner/innen wehren sich
Wie ist der aktuelle Planungsstand? Das Bebauungsplanverfahren sei ergebnisoffen, heißt es aus der Pressestelle des Bezirksamts gegenüber dem MieterEcho. Für den östlichen HWP seien die Planungen jedoch bereits weit fortgeschritten – bis hin zu Sanitäranlagen für die BVG-Endhaltestelle der Buslinie 194. Am westlichen Platz hingegen passiere „aktuell eigentlich nichts“, so der Insider.
Die Stadträtin für Stadtentwicklung, Heike Wessoly (CDU), sieht in den Plänen eine Chance für „bezahlbaren Wohnraum in einem wachsenden Bezirk“. Denn „wir brauchen Verdichtung, um die Wohnungsnot zu bekämpfen – aber mit Augenmaß.“ Das Bezirksamt fordert verbindlich 30% sozialen Wohnungsbau und ausreichend Grünflächen.
Doch es gibt Widerstand. Anwohner/innen sowie linke und grüne Bezirkspolitiker/innen kritisieren die geplante Nachverdichtung und ihre Folgen: Verschattung, steigende Mieten, Verkehrsbelastung, überforderte Infrastruktur – und nicht zuletzt mangelnde Bürgerbeteiligung. Die „Anwohnerinitiative Helene-Weigel-Platz“ protestierte im Mai mit einer Kundgebung gegen einen drohenden „Beton-Dschungel“. Wochenlang wurden Unterschriften für einen Einwohnerantrag gesammelt – mit Erfolg: Mehr als 2.000 Personen unterzeichneten. Auch der Architekt Eisentraut sieht sein Ensemble am HWP gefährdet. Im Podcast „KIEZKlang“ von Pascal Grothe erklärte er, dass weitere Mehrfamilienhäuser die bestehenden Hochhäuser „in ihrer städtebaulichen Wirkung entwerten“ und das Rathaus „verzwergen“ würden.
Die BVV stimmte dem Antrag zu. Gefordert werden umfassende Bürgerbeteiligung, Infrastrukturentwicklung vor Ort und die Berücksichtigung moderner Klimaschutzstandards. Wessoly versprach eine „ernsthafte Auseinandersetzung“, schränkte jedoch ein: „Nicht alle Ihre Forderungen werden eins zu eins umsetzbar sein.“ Neben dem Einwohnerantrag stand auch ein Antrag der BVV-Linksfraktion zur Abstimmung, der sich gegen eine weitere Privatisierung landeseigener Grundstücke auf dem HWP richtet. Besonders im Fokus: das Gelände rund um die Kino-Ruine. Ohne zusätzliches öffentliches Bauland kann der Investor seine Bebauungspläne nicht realisieren. „Der Verbleib der Flächen in öffentlicher Hand ist ein entscheidender Hebel gegenüber dem Investor“, betonte Bjoern Tielebein, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Linksfraktion.
Auch andernorts im Bezirk regt sich Unmut gegen neue Bauprojekte – sichtbar und demonstrativ. Eine meterlange weiße Plane hängt am Maschendrahtzaun, befestigt mit Kabelbindern. Darauf in roter Sprühfarbe: „Hochhaus-Angst. Wir stehen im Dunkeln.“ Ein paar Schritte weiter im Vorgarten: ein Schild aus Spanplatte mit der Aufschrift „Hier nur maximal 4 Etagen.“ Bewohner/innen einer Einfamilienhaussiedlung fürchten, regelrecht „eingemauert“ zu werden – durch drei geplante Wohnblöcke in der Allee der Kosmonauten 155–157. Die sechs- bis neungeschossigen Gebäude sollen zwischen 23 und 29 Meter hoch werden. Das geht aus dem Baubescheid der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen (SenStadt) vom November 2024 hervor.
Brisant: Zuvor hatte der Bezirk eine Bauvoranfrage wegen „Rücksichtslosigkeit und einem Einmauerungseffekt“ abgelehnt. Eigentümerin ist die TCC Baumanagement GmbH aus Schönefeld bei Berlin. Laut Berliner Zeitung gehört ihr das Grundstück seit fast zehn Jahren. TCC legte erfolgreich Widerspruch gegen die Ablehnung ein – und erhielt grünes Licht von SenStadt. Geplant sind 96 Wohneinheiten und eine Tiefgarage mit rund 70 Stellplätzen. Laut Bezirksamt befinden sich die Grundstücke nicht im Geltungsbereich eines rechtswirksamen Bebauungsplans, „jedoch innerhalb eines im Zusammenhang bebauten Ortsteils“. Der Bezirk prüft derzeit, ob die Aufstellung eines Bebauungsplans erforderlich ist.
Es winken Spekulationsgewinne
Ein Konflikt, der auch Alexander King (BSW) beschäftigt. SenStadt antwortete dem Abgeordneten Anfang Juli auf eine schriftliche Anfrage. Darin heißt es: Das Neubauvorhaben füge sich in die Wohnnachbarschaft ein. Die Einfamilienhaussiedlung würde nach Realisierung des Baus vom Verkehrslärm der Allee der Kosmonauten abgeschirmt. Und: „Mit Rücksicht auf die benachbarte Einfamilienhausbebauung wurde die ursprünglich geplante Höhe bei zwei Gebäuden um zwei Geschosse reduziert und in Teilen der Abstand zur Nachbarbebauung vergrößert.“ Übersetzt: Streitbare Anwohner/innen hätten nun Ruhe zu geben.
Für zusätzliche Irritation sorgte eine „gemeinsame Reise von CDU-Vertretern (u. a. Bezirksbürgermeisterin Nadja Zivkovic) und Bauunternehmern nach Asien“, wie Pascal Grothe unlängst auf seinem Kiezblog berichtete. Auffällig ist ferner: TCC erwägt offenbar den Verkauf des Areals – trotz positivem Baubescheid. In einem entsprechenden Exposé wird das „Baugrundstück mit positivem Bauvorbescheid für drei Wohntürme“ angeboten. Kaufpreis: 7,3 Millionen Euro. Grothe vermutet, dass allein durch den Bescheid der Grundstückswert massiv gestiegen ist. Eine Anfrage des MieterEcho ließ TCC unbeantwortet.
„Was veranlasst TCC zum Verkauf – kennt der Senat Gründe dafür?“, wollte der Abgeordnete King wissen. Informationen lägen nicht vor, so die lapidare Antwort der SenStadt. Und über etwaige Kaufinteressenten könnte „im Hinblick auf die Vertraulichkeit von Vermögensgeschäften keine Angabe gemacht werden“.
Doch nicht nur der Schattenwurf besorgt die Anwohner/innen. Auch die Infrastruktur für so viele neue Nachbar/innen sei nicht vorhanden. Sie fragen: Wo bleiben Kindergärten, eine Schule, ein Einkaufszentrum? Beruhigend: Bislang liege nur ein Vorbescheid vor, „konkrete Entwicklungsabsichten von Investoren bestehen gegenwärtig nicht“, so das Bezirksamt gegenüber dem MieterEcho.
Doch es geht um die Lebensqualität im Wohnquartier, sagen Anwohner/innen. Ein berechtigtes Bedürfnis, findet auch Pascal Grothe. Mehr noch, gewachsene Nachbarschaften dürften nicht kaputtgemacht werden. Weder am HWP, noch an der Allee der Kosmonauten. Alternative: Betonträume platzen lassen; jedenfalls jene, die auf Investorenrendite zielen – und nicht auf dauerhaft bezahlbaren, gemeinnützigen Wohnraum für alle.
MieterEcho 452 / September 2025


