Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 401 / April 2019

Start-ups statt Gedenken

An der Fontanepromenade entsteht vorerst kein Gedenkort für die von dort aus in Zwangsarbeit geschickten Jüdinnen und Juden

Von Jutta Blume

An der Fontanepromenade 15, nördlich des Flughafen Tempelhofs, war von 1938 bis 1945 die „Zentrale Dienststelle für Juden“ des Berliner Arbeitsamts ansässig, die jüdische Menschen zur Zwangsarbeit, etwa in Fabriken und in die Rüstungsindustrie, schickte. Später wurden die in der Fontanepromenade gesammelten Daten genutzt, um Jüdinnen und Juden aufzuspüren und in Vernichtungslager zu deportieren. Heute erinnert nur eine Stele an diesen Ausgangspunkt der Vernichtung. Die Bemühungen eines Vereins, einen Gedenkort im Haus einzurichten, scheiterten an einem Privateigentümer.

Ende Januar versammelte sich eine kleine Gruppe vor dem einstöckigen Gebäude mit mittlerweile ausgebautem Dachgeschoss in Kreuzberg, um an das Schicksal der Zwangsarbeiter/innen und Deportierten zu erinnern und gegen das Unsichtbarwerden der Stätten des Nazi-Terrors zu protestieren. „Schikanepromenade“ habe diese Abteilung des Arbeitsamts damals unter Jüdinnen und Juden geheißen, berichtet Eva Nickel, Tochter einer Holocaustüberlebenden. Über das Schicksal von 26.000 Menschen ist in der Fontanepromenade 15 entschieden worden.
60 Jahre lang wurde das Gebäude kirchlich genutzt. Von den Alliierten zunächst an die evangelische Kirche übertragen, ging es 1951 an eine Mormonengemeinde aus den USA. Nachdem diese die Nutzung aufgab, hätte es laut Georg Daniels vom Verein „Gedenkort Fontanepromenade 15“ die Möglichkeit gegeben, das Gebäude in öffentlichen Besitz zu bringen und eine Gedenkstätte einzurichten. „Die Chronologie der Besitzverhältnisse um den noch bestehenden Haupttrakt gestalteten sich nach vorbehaltlichen Erkenntnissen des Vereins Gedenkort Fontanepromenade 15 seit 2011 als äußerst intransparent“, erklärte Daniels auf der Kundgebung. Im Jahr 2014 wurde ein neuer Eigentümer ins Grundbuch eingetragen, im Frühjahr 2015 stand die Immobilie zum Verkauf. Zu diesem Zeitpunkt hätte der Bezirk ein Eigeninteresse anmelden können, um einen Gedenkort zu etablieren. Im Mai 2015 erwarb die "Fontanepromenade 15 GbR" das Gebäude, und im August 2016 erteilte das Bezirksamt die Baugenehmigung für den Umbau in Wohn- und Geschäftsräume. Der spätere Verein „Gedenkort Fontanepromenade 15“ bemühte sich fortan, einen Teil der Räume im Erdgeschoss vom neuen Privateigentümer anzumieten. Schließlich wurde sogar ein Mietvertrag in Aussicht gestellt. Der Verein sollte dafür Berliner Haushaltsmittel bekommen, die Verhandlungen liefen fortan über die Stiftung „Topographie des Terrors“. Am 4. Mai 2018 erklärte die Senatskulturverwaltung die Räume „mangels Kapazität und mangels Barrierefreiheit“ für ungeeignet. Zudem sei der Eigentümer nach seiner Bauinvestition gebunden, „die Flächen an einen umsatzsteuerpflichtigen Mieter zu vergeben; damit scheidet die Stiftung Topographie des Terrors aus“.

„Ausgangspunkt unsäglichen Leidens“


In der ehemaligen „Zentralen Dienststelle für Juden“ befinden sich daher zur Zeit Büros von Start-up-Unternehmen im Erdgeschoss und Wohnungen im Dachgeschoss. Bereits im Dezember 2016 schrieb die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron in einem offenen Brief an Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke): „Ich selbst bin im Jahr 1941 von der ‚Zentralen Dienststelle für Juden‘ zur Zwangsarbeit bei IG Farben vermittelt worden. Damit bin ich eine von vielen tausend Berliner Jüdinnen und Juden, für die dieser Ort der Ausgangspunkt unsäglichen Leidens geworden ist. (...) Deshalb appelliere ich an Sie, sich dafür einzusetzen, dass dieses Gebäude eine Nutzung erfährt, die seiner historischen Bedeutung gerecht wird.“ Das Verschwinden der Erinnerung an Zwangsarbeit und Verfolgung droht auch anderenorts, etwa beim Umbau der Bockbrauerei in der Kreuzberger Fidicinstraße durch die Bauwert AG. In den Kellerge- wölben war zu Zeiten des Nationalsozialismus Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie geleistet worden.

Weitere Infos: www.wem-gehoert-kreuzberg.de/index. php/gedenkort-fontanepromenade-15


MieterEcho 401 / April 2019

Schlüsselbegriffe: Holocaust,Gedenken,Gedenkstätte,Zwangsarbeit,Fontanepromenade

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